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Roboter in der Pflege

Sinnvolle Unterstützung oder Schreckensszenario?

Computer, Laptops, Smartphones, Tablets, intelligente Uhren sind fast schon ein alter Hut. Autonome Verkehrsmittel wie S-Bahnen, Intelligente Steuerungssystem im Haus, das Betätigen der Heizkörperthermostate über das Handy und moderne Küchenmaschinen mit Computerchip gehören nun auch schon seit einiger Zeit zu unserem Alltag. Industrieroboter z.B. beim Fahrzeugbau kennen wir aus dem Fernsehen und von Messen. Und nun das! Wer in den letzten Wochen aufmerksam die Presse verfolgt hat, wird zunehmend solche Überschriften gefunden haben: "Sony bringt Roboterhund ‚Aibo' zurück", "Roboter als Dozent" oder "Modernste Pflegetechnik - Roboter programmiert aufs Helfen". Was ist geschehen? Die Digitalisierung und mit ihr die Robotertechnik dringen in immer mehr Bereiche des täglichen Lebens vor, in denen wir uns ihren Einsatz bisher kaum vorstellen konnten. Davon sind v. a. auch das Gesundheitswesen und die Pflege betroffen und deshalb könnte die Robotertechnik zukünftig auch zunehmende Bedeutung für contergangeschädigte Menschen erlangen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Unterstützung durch menschliche Assistenten und tierische Begleiter sowie Pflegebedürftigkeit im Alter bereits heute wichtige Themen für sie sind.

Auf unseren diesjährigen Messebesuchen für unser CIP, z. B. auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin oder auch der REHACARE in Düsseldorf, haben wir davon einen ersten Eindruck gewinnen können. Grund genug, uns einmal etwas eingehender mit dem Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen und speziell der Pflege auseinanderzusetzen.

Historische Entwicklung

Aufgrund der besonderen Herausforderungen der demografischen Entwicklung wurde in Japan bereits sehr früh überlegt, wie modernste Robotertechnik dabei helfen könnte, den Herausforderungen der perspektivisch fehlenden Pflegekräfte zu begegnen und Pfleger und Pflegende möglichst effektiv zu unterstützen. In den letzten Jahren folgten auch andere Länder diesem Weg und initiierten eigene Forschungsprojekte. Dies ist nicht überraschen, denn auch in Deutschland ist der Personalmangel, z.B. in der Altenpflege akut. Der Chef des wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse (TK) "Wineg", Andreas Meusch, bezifferte ihn in der SÜDWEST PRESSE auf rund 30.000 unbesetzte Arbeitsstellen, die bis 2025 auf 200.000 steigen könnten. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die TK auf Digitalisierung und Vernetzung in der Pflege setzt. Hier eine Auswahl bisheriger und laufender weltweiter Projekte zur Digitalisierung und Nutzung der Robotertechnik im Gesundheitswesen und der Pflege:

2000
Japan: Erster Entwurf des humanoiden Roboters Asimo von Honda vorgestellt.

2005
Japan: Honda stellt ASIMO vor, ein humanoider Roboter, der auf Menschen reagieren kann, Gegenstände entgegennehmen, halten und transportieren. Er bewegt sich mit einer maximalen Geschwindigkeit von 6 km/h und hat eine normale Gehgeschwindigkeit von 2,7 km/h, die auf 1,6 km/h sinkt, wenn er Lasten trägt.

2006
Japan: PARO, ein Roboter in Form einer 60 cm langen Plüschtier-Robbe, soll bei der Therapie von Demenz helfen, da dadurch Unruhe und Aggressionen vermindert werden sollen. Er wurde von Takanori Shibata vom japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology entwickelt. Seit 2009 im Rahmen von Projekten auch in Deutschland im Einsatz. Er kostet aktuell ca. 5.000,00 Euro. Laut ÄrzteZeitung sehen Experten sehen PARO als Vorreiter künftiger Assistenzroboter, die mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit z.B. auch für Menschen mit Behinderungen und altersbedingten Einschränkungen versprechen. 

2007
Japan: Toyota präsentiert Mobiro, einen Roboter-Rollstuhl zur Verbesserung der Mobilität. Er navigiert selbstständig um Hindernisse herum, kann Treppen steigen und kann, wenn sein Nutzer lieber einmal selbst laufen möchte, als Begleiter auch einfach die Einkäufe hinterhertragen.

2009
Japan: RIKEN and Tokai Rubber Industries (TRI) entwickelten einen Roboter mit Namen RIBA (Robot for Interactive Body Assistance), der erstmals dazu in der Lage war, einen menschlichen Patienten mit einem Körpergewicht von bis zu 61 kg sicher aus einem Bett zu heben und in einen Rollstuhl zu bewegen und zurück. Damit sollte eine für Pflegende anstrengendsten Tätigkeiten unterstützt werden. Der Roboter war dabei einem Bären nachempfunden worden. © Riken

2011
Japan: RIBA-II kann nun einen Patienten mit einem Körpergewicht von bis zu 80 kg vom Boden heben und in einen Rollstuhl zu bewegen und zurück. © Riken

2013
Japan: Das Wirtschaftsministerium initiiert ein zunächst auf fünf Jahre angelegtes Projekt, um die Entwicklung und Markteinführung von Servicerobotern in der Pflege voranzutreiben. Schwerpunkte dabei sind die Bereichen Hebehilfen, Mobilitätshilfen, Toiletten sowie Überwachungssysteme für Patienten mit seniler Demenz.

2014
Japan: Der humanoide Roboter Pepper ist darauf programmiert, auf Emotionszustände entsprechend zu reagieren und der am Empfang und in den Bereichen Erziehung und Gesundheitswesen eingesetzt werden soll. Er ist 1,20 m groß und 28 kg schwer. Pepper wurde von Aldebaran Robotics SAS (F) und SoftBank Mobile Corp. (J) entwickelt. Der Preis beträgt in Japan ca. 1.450,00 Euro. © Xavier Caré / Wikimedia Commons, via Wikimedia Commons

2015
Japan: ROBEAR - Ein neuer, experimenteller Roboter auf der Basis von RIBA wurde entwickelt. Dieser kann nicht nur pflegebedürftige Menschen aus dem Bett in einen Rollstuhl und zurückbewegen kann, sondern zusätzlich noch weitere Unterstützung für Patienten bietet, die noch selbst stehen können. Er ist selbst mit 140 Kg auch viel leichter als der RIBA-II, der noch 230 kg wog. © Riken

2015
Schweden: Die interaktive Katze JustoCat® soll an eine echte Katze erinnern. Sie wurde von einer Gesundheitswissenschaftlerin und einem Robotikexperten entwickelt und mit Pflegefachkräften getestet. Sie soll das tägliche Leben von Menschen mit fortgeschrittener Demenz bereichern und das psychische, physische und soziale Wohlbefinden verbessern. Die Robo-Katze ist ca. 2kg schwer und robust gebaut. Regelmäßig aufgeladen liefert ihr Akku Strom für mehrere Tage. Die Katze kostet rund 1.500,00 Euro.

2015
Deutschland: Teilautonomer Pflegewagen und "Elevon" - ein teilautonomer Lifter zur Unterstützung von Pflegenden. Das Fraunhofer IPA entwickelte den Prototypen eines intelligenten Pflegewagens, der Pflegekräfte im Berufsalltag informatorisch und physisch unterstützt. Er kommt auf Anforderung, hält Pflegematerial vorrätig und dokumentiert den Verbrauch. "Elevon" dagegen ist ein Prototyp für einen multifunktionalen, teilautonomen Personenlifter für die stationäre Pflege vor, der künftig mehrere Einzelliftersysteme vereinen, elektronisch angefordert werden kann und sich dann autonom zum Einsatzort bewegen können soll. Er gilt als Pendant zu den japanischen RIBA und ROBEAR hat jedoch keine äußerliche Tierform. © Fraunhofer IPA

2012-2016
Japan: An der Technischen Universität Toyohashi, wird "Terapio" entwickelt. Er soll den Arbeitsalltag von Ärzten und Krankenpflegern sicherer und körperlich weniger belastend gestalten. Darüber hinaus soll er den Einstieg in die teilautomatisierte Pflege in Krankenhäusern einleiten. Der Roboter wurde bereits in zwei verschiedenen Kliniken in der Praxis getestet. © TUT

2017
China: Das chinesische Unternehmen UBTECH präsentiert auf der ifa 2017 Roboter zur Mensch-Maschine-Interaktion an. In ihrem Informationsmaterial wies das Unternehmen darauf hin, dass die bestehenden Schnittstellen des angebotenen Roboters "Cruzr" auch in der Medizin und im Gesundheitswesen genutzt werden könnten. Dazu sollten die aktuell verfügbaren Funktionen von "Cruzr" auf spezifische Situationen in medizinischen Einrichtungen angepasst werden. 

2017
Schweiz: "Lio", eine Entwicklung des Schweizer Unternehmens F&P, ist ein Serviceroboter auf einer mobilen Plattform, der Menschen helfen und sie unterstützen kann, z.B. beim Tragen und Beschaffen von Gegenständen. Er soll sowohl in Pflege- und Altenzentren, Krankenhäusern oder auch zuhause eingesetzt werden. Lio kann mit Menschen kommunizieren, im Haushalt helfen und bei verschiedenen pflegerischen Aufgaben unterstützen.

Wohin führt das alles?

Aktuell haben sich Ethiker und Philosophen noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, ob es ethisch vertretbar oder verwerflich wäre, Maschinen für die Pflege von Menschen mit Behinderungen oder Altersbeeinträchtigungen einzusetzen. Die Forschungen und Praxistests werden dagegen immer weiter ausgeweitet.

Welche praktischen Auswirkungen dies für die Pflege contergangeschädigter Menschen in Zukunft haben wird, ist heute noch schwer konkret zu benennen. Unbestritten wird der erhöhte Pflegebedarf contergangeschädigter Menschen in Zukunft auf ein Gesundheitswesen treffen, dass insbesondere im Bereich der Pflege mit der demografischen Entwicklung der Bevölkerung und dem zunehmenden Bedarf an Pflegekräften bei geringerem Angebot an eben diesen zu kämpfen hat. 

In den Interviews mit den Forschern und Entwicklern wird von ihnen deshalb immer wieder darauf verwiesen, dass Digitalisierung und Robotertechnik praktische Lösungsoptionen für die Herausforderungen der Zukunft v. a. auch in der Pflege darstellen. Es ginge ihnen nicht darum, menschliche Pfleger zu ersetzen, sondern diese zu unterstützen und ihnen hilfreich zur Seite zu stehen, zum Wohle der betreuten Patienten. 

Eine Argumentation der man grundsätzlich folgen kann. Es gilt jedoch auch hier, wie in jedem anderen Feld der technologischen Entwicklung, die aktuellen und zukünftigen Entwicklungen mit einer gesunden Portion Skepsis zu beobachten. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern im Wissen, dass schon oft in der Geschichte der Menschheit grundsätzlich sinnvolle und angesichts der Rahmenbedingungen hilfreiche Ansätze in der Umsetzung auch Fehlentwicklungen hervorbrachten, die den ursprünglichen Zielen widersprachen und nicht zum Wohle der Menschen beitrugen. Häufig spielten dabei auch Kostengründe eine Rolle. Kaum jemand möchte in Zukunft jedoch allein von Robotern betreut werden. Menschliche Zuwendung, Ansprache und Interaktion sind und bleiben unverzichtbar. Wenn Roboter aber dabei helfen, dass (1) sich Pflegende wieder mehr Zeit haben, um die zu Pflegenden kümmern können, mit ihnen das Gespräch zu suchen und in den Austausch zu treten oder (2) den Pflegern kraftraubende Tätigkeiten oder Routineaufgaben zu erleichtern oder abzunehmen, werden sie zu einer sinnvollen Komponente im Pflegealltag, deren Bedeutung wahrscheinlich immer mehr zunehmen wird. 

Auch aus Sicht der Betroffenen könnten Roboter sehr hilfreich bei verschiedenen Tätigkeiten im Pflegebereich sein. Die große Herausforderung wird dabei der Grad der Individualisierung der Pflegeprogramme sein. Er wird darüber entscheiden, ob Roboter nur mit Standard-Pflege-Aufgaben zurechtkommen, oder auch bei der Betreuung der sehr individuellen Schädigungen durch Contergan eine Hilfe sein können. 

Sinnvolle Unterstützung oder Schreckensszenario? Das ist aktuell so nicht pauschal zu beantworten. Die Zeit wird es zeigen.


Eingestellt von: T. Heckmann

Quellen: Materialien der Hersteller, eigene Recherchen sowie 

Aktualisiert: 30. November 2017


Quellen: Informationen der Hersteller, Messebesuche und eigene Recherchen.
Autor: T. Heckmann
Zuletzt aktualisiert: 03. August 2017 

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