Sturzprävention mit Künstlicher Intelligenz

Wie hoch ist die Gefahr, dass ich hinfalle? Wie begegne ich dem Risiko eines Sturzes? Wäre doch schön, wenn man solche Fragen im Vorfeld beantworten könnte. Man kann! Mittels einer neuen App eines jungen Berliner Start-up-Unternehmens. Die App steht kurz vor der Zulassung als Kassenleistung. Hier der zweite Beitrag unserer kleinen CIP-Serie zum Thema Stürze und Sturzprävention.

Stürze und Knochenbrüche – ein Thema, das für Menschen mit Conterganschädigung relevant ist. Stürze können bei ihnen besonders schwere Folgen haben. Dem kann man durchaus vorbeugen. Bisher war eine Bewegungsanalyse als Präventionsmaßname allerdings recht aufwendig – und teuer. Die neue App des Berliner Anbieters Lindera setzt genau hier an. Wir haben uns die Anwendung genauer erklären lassen.

Anamnese: Vom Gangbild zur Sturz-Analyse

Die Idee ist einfach, ihre Anwendung auch. Die App bringt die Analyse eines Bewegungsvideos des Patienten mit einem standardisierten Fragenkatalog zusammen, um daraus eine individuelle Sturzanalyse zu erstellen. „Die App filmt das Gangbild. Man bittet den Patienten vom Stuhl aufzustehen, ein paar Schritte zu gehen und sich wieder hinzusetzen“, erklärt die Lindera-Geschäftsführerin und Gründerin Diana Heinrichs. „Diese Daten werden als Video dreidimensional verarbeitet, was bislang nicht mit der einfachen Smartphone-Kamera möglich war.“

Die Motivation, eine solche Anwendung zu entwickeln und für alle zugänglich zu machen, fand Diana Heinrichs durch die eigene Großmutter: „Unserer Familie lag viel daran, dass sie ihre Tage aktiv gestalten und selbstbestimmt zu Hause leben konnte. Dass sie keine Angst beim Laufen verspürte.“ Ein Wunsch, den Millionen von Familien teilen. Und nicht nur sie. Ärzte, Pflegekräfte und Versicherungen sitzen mit im Boot. „Sie alle möchten wissen, worin das Risiko im Einzelfall besteht, um die richtigen Schutzmaßnahmen einzuleiten.“

Durch die Befragung fließen auch Aspekte der körperlichen Befindlichkeit wie etwa Schwindel, mögliche Medikation oder Aspekte des persönlichen Krankheitsbildes in die Analyse ein. Ein Prozess, der zuvor „analog“ bis zu 75 Minuten gedauert hat, gelingt nun dank Künstlicher Intelligenz weitaus schneller – und wird durch die Technologie vereinheitlicht und überall verfügbar.

Auch Rollstuhlfahrer werden analysiert

Solche Analysen sind auch von Rollstuhlfahrern oder Benutzern von Gehhilfen oder Prothesen möglich. „Aktuell steht die App Pflegeheimen und Kliniken zur Verfügung. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass sie auch jede Privatperson zu Hause nutzen kann“, so Heinrichs. „Inzwischen erfüllen wir dafür alle rechtlichen Anforderungen, ab Herbst erhalten Patienten die Mobilitätsanalyse per App auf Rezept beim Arzt“.

Die App kann kostenfrei im Google Play Store und im Apple Store heruntergeladen werden. Die Analyse ist dann kostenpflichtig – noch. Diana Heinrichs: „Die Daten erfassen, das Gangbild aufzeichnen, das macht die App auf jedem Endgerät. Kostenpflichtig sind die Auswertung und die Begleitung durch den Prozess. Hier kommen die Krankenkassen ins Spiel.“ Lindera arbeitet daran, dass die App als Kassenleistung verschrieben werden kann und dann erstattet wird. Im Herbst soll es so weit sein.

„Jeder, der per Video den eigenen Gang aufnimmt und den psycho-sozialen Fragebogen beantwortet, erhält eine individuelle Analyse des eigenen Sturzrisikos. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen man in ein entsprechendes Ganglabor reisen musste, um auf einem teuren GAITRite-Teppich den Gehtest zu machen.

Die App verarbeitet alle Informationen aus Gangbild und Befragung zu einer Analyse persönlicher Risikofaktoren. Die Sturzgefahr wird am Ende in Prozent ausgedrückt. Ist der Prozentsatz entsprechend hoch, können Therapeuten, Pfleger und Ärzte gemeinsam mit den Patienten handeln und entsprechende Gegenmaßnahmen entwickeln. Muss man etwa die Schrittlänge verändern, bauliche Vorkehrungen im Wohnumfeld vornehmen, eine Physiotherapie machen oder braucht es physische Hilfsmittel. Ob sich das Risiko minimiert hat, findet wiederum die App bei einem wiederholten Einsatz heraus. Die Künstliche Intelligenz lernt und zieht individuelle Schlüsse aus dem Abgleich alter und neuer Informationen.

Zertifiziertes Medizinprodukt – bald als Kassenleistung

Wie sind die Reaktionen bei den Erstbenutzern? „Natürlich gibt es Probleme und Skepsis - aber eher selten. Überlegen Sie, wie viele Problemfelder unser Produkt berührt. Wir steuern auf eine alternde Gesellschaft zu, die Digitalisierung schreitet voran, die Kosten im Gesundheitswesen steigen, es gibt einen Pflegenotstand und Ärztemangel auf dem Land ...“

Die AOK, Pflegedienste wie etwa die Korian Gruppe, Maltheser, der Katharinenhof oder der Medizinische Dienst der Krankenversicherung sind bereits überzeugte Anwender. Dr. Anika Steinert, Leiterin AG Alter & Technik, Forschungsgruppe Geriatrie an der Berliner Charité erhofft sich von Lindera „ein validiertes und technisch unterstütztes Assessmentverfahren, welches in der Praxis von Senioren, Angehörigen und Pflegekräften einfach angewendet werden kann.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die App übrigens bereits getestet und damit sein persönliches Sturzrisiko auf schmale zwei Prozent reduziert.

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Zur Website des Anbieters: www.lindera.de

© Foto: Lindera GmbH