Das Bild zeigt die Anfahrt zur Schön Klinik in Hamburg Eilbek

Die Schön Klinik in Hamburg Eilbek: „Unser Auftrag ist die optimale Betreuung von Menschen mit Conterganschädigung“

Mit einer speziellen Contergan-Sprechstunde bietet die Schön Klinik in Hamburg Eilbek seit mittlerweile sechs Jahren ein gezieltes Behandlungsangebot für Menschen mit Conterganschädigung an. Initiator Dr. Rudolf Beyer stellt seine Einrichtung im CIP-Interview vor. Mit diesem Interview setzen wir unsere Serie mit Portraits spezialisierter Kliniken fort.

 

Herr Dr. Beyer, wie kam es zur Einrichtung der Hamburger Contergan-Sprechstunde?

Ausgangspunkt waren die zunehmenden körperlichen Einschränkungen von Menschen mit Conterganschädigung hier in Hamburg. Diese und das Fehlen allgemein akzeptierter Behandlungsstandards und Leitlinien führte insbesondere nach der Veröffentlichung der Heidelberger Contergan-Studie zu intensiven Diskussionen. Aufgrund der unklaren Zukunftsperspektiven sind die Betroffenen selbst aktiv geworden. Auf Betreiben des Hamburger Hilfswerkes für Contergangeschädigte (HICOHA) und mit Unterstützung der örtlichen Gesundheitsbehörde wurden 2013 verschiedene Einrichtungen zu einem runden Tisch geladen. Mit dem Ziel, in einem gemeinsamen Projekt eine praktische Verbesserung bei der Versorgung von Menschen mit Conterganschädigung in Hamburg zu erreichen.

 

Und die Schön Klinik Eilbek war von Anfang an im Boot?

Ja. Schon im Herbst 2013 kam es zur Kontaktaufnahme und zu ersten Gesprächen zwischen der HICOHA und uns hier in der Schön Klinik. Nachdem viele Einrichtungen eher zurückhaltend auf die bestehenden Herausforderungen reagiert hatten, erstellten wir in enger Abstimmung mit der HICOHA ein Versorgungskonzept für Menschen mit Conterganschädigung, das dann im Oktober 2014 in die Aufnahme des Sprechstundenbetriebes für Menschen mit Conterganschädigung mündete. Bis heute werden alle Angebote und Leistungen in enger Zusammenarbeit mit Betroffenenverbänden geplant und auf die speziellen Bedürfnisse zugeschnitten.

 

Was war Ihnen bei der Gestaltung des Versorgungskonzeptes besonders wichtig?

Neben internen organisatorischen Fragen galt es, Know-how von anderen Kolleginnen und Kollegen zu sammeln, die sich schon länger mit Conterganschäden beschäftigen. Aufgrund des komplexen Schädigungsbildes war es uns von Beginn an wichtig, auf einen interdisziplinären Behandlungsansatz zu setzen. Es war erforderlich, weitere Partner für ein Netzwerk zu gewinnen, das dann alle notwendigen medizinischen Fachrichtungen abdeckte und kurzfristig Betroffene betreuen konnte. In diesem Zusammenhang wollten wir auch versuchen, die diagnostischen Untersuchungen alle an einem Tag anzubieten, um den Betroffenen Zeit zu sparen und sie so schnell wie möglich mit konkreten Ergebnissen zu unterstützen.

 

Und das auch für Notfälle?

Ja. Deutschlandweit sind wir sogar die einzige akutmedizinische Einrichtung für Menschen mit Conterganschädigung, inklusive der Möglichkeit zur Notfallversorgung. Neben der akutmedizinischen Versorgung bilden die Themen Mobilität und gesundheitliche Prävention die Schwerpunkte. Unsere Leistung deckt zudem ein sehr großes Spektrum der orthopädischen Versorgung ab. Darüber hinaus bieten wir auch die Möglichkeit zur ambulanten Schmerztherapie für Menschen mit Conterganschädigung an.

Komplexere medizinische Fragestellungen sollten dann bei Bedarf im Rahmen eines stationären Aufenthaltes (ca. 3-4 Tage) geklärt werden. Dabei können dann alle diagnostischen Maßnahmen, die notwendig und sinnvoll sind, zusammen durchgeführt werden. Dazu wurden auch Patientenzimmer in unserer Eilbeker Klinik für Menschen mit Conterganschädigung umgebaut.

 

Liegt Ihr Fokus dabei nur auf Hamburg?

Nein, nicht nur. Nur im ersten Schritt und bei der Konzeption haben wir uns zunächst auf die Betroffenen aus Hamburg und Umgebung konzentriert. Heute sind wir als „Zentrum für besondere Aufgaben bei der Behandlung contergangeschädigter Menschen“ durch die Gesundheitsbehörde der Stadt Hamburg ausgewiesen.

Unabhängig davon beraten und betreuen wir selbstverständlich auch Menschen mit Conterganschädigung aus anderen Regionen Deutschlands. Wir sind sehr gut auch aus der Ferne erreichbar. Auch haben wir bereits lange Erfahrung mit der Videosprechstunde gewonnen. Dies kommt den entfernter lebenden Betroffenen außerhalb Hamburgs zugute und ist außerdem besonders jetzt in der Corona-Pandemie immer wichtiger geworden.

 

Mit wem kooperieren Sie bei der interdisziplinären Betreuung?

Inzwischen besteht eine sehr gute und enge Vernetzung mit Ärzten und Wissenschaftlern. Und das sowohl regional als auch überregional und international. So kooperieren wir mit Expertinnen und Experten aus über 20 Fachrichtungen, von der Andrologie bis zur Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Durch die Kooperation mit der Universitätsklinik Eppendorf (UKE) besteht somit vollständige Abdeckung aller medizinischen Fachbereiche. Die Schön Klinik ist zudem Mitglied im Martin Zeitz Centrum für Seltene Erkrankung und an diversen Forschungskooperationen beteiligt.

Aufgrund der gewachsenen Netzwerkverbindungen und der Einbindung in den Klinikverbund der Schön Kliniken können wir auch kurzfristig notwendige Facharzt-Termine realisieren, um unseren Patentinnen und Patienten lange Wartezeiten zu ersparen. Ebenso helfen wir bei psychologischen Bedarfen. Auch sind Hörschäden oder Taubheit häufiger bei Menschen mit Conterganschädigung anzutreffen. Dazu arbeiten wir mit einer Psychotherapeutin, die selbst Gebärdensprache beherrscht, also auch in diesem Fall helfen kann.

 

Sie würden also von einem erfolgreichen Angebot sprechen?

Aber ja. Das zeigen allein die Nachfrage und der Erfolg der Betreuung. Von Beginn an gab es sehr viele positive Rückmeldungen von Betroffenen und Partnern. Die Konzeptions- und Startphase war eine sehr intensive und anstrengende Zeit, als es darum ging, aus der ursprünglichen Idee ein funktionierendes Angebot zu machen, das den Betroffenen auch wirklich hilft. Seitdem verzeichnen wir einen stetigen Zuwachs in der Nachfrage an behandelten Patientinnen und Patienten im stationären Bereich wie auch bei der kassenärztlichen Sprechstunde.

 

Gibt es eine Rückkopplung mit Betroffenen, die bei Ihnen betreut wurden?

Ja, die gibt es. Allerdings ist der Kontakt mit den Hamburger Betroffenen etwas enger als mit den weiter entfernt Lebenden. Die Patientinnen und Patienten erhalten am Ende des Aufenthalts eine umfassende Beratung mit konkreten Empfehlungen für die weitere Behandlung und Nachsorge. Wir geben auch Unterstützung bei der Beantragung von Leistungen.

In dem ausführlichen Arztbrief, den alle Behandelten erhalten, sind alle Ergebnisse der diagnostischen Untersuchungen sowie unseren Empfehlungen enthalten. Hierzu stehen wir den Betroffenen und auch den behandelnden Ärzten vor Ort jederzeit gern zu einem Gespräch oder für weiterführende Informationen zur Verfügung. Wir melden uns auch bei den Patientinnen und Patienten und fragen telefonisch nach, wie es Ihnen nach der Rückkehr zu Hause ergangen ist.

 

Ist das Angebot für die Zukunft gesichert?

Grundsätzlich lautet der Auftrag: Optimale Betreuung von Menschen mit Conterganschädigung. Dem fühlen wir uns alle verpflichtet. Wir sind in der überaus komfortablen Lage, dass die Geschäftsführung unseres Hauses und die Eigner der Schön Kliniken das Projekt selbst zu 100 Prozent unterstützen. Sie können sich noch gut an den auslösenden Skandal in den 60er Jahren erinnern und an den mühevollen Weg der Betroffenen seitdem. 2015 wurde eine „Schön Klinik Stiftung für Gesundheit gGmbH“ gegründet, deren einziger Zweck es ist, den Betrieb und den Ausbau der Contergan-Sprechstunde zu finanzieren.

So muss ich seit einigen Jahren nicht mehr als „Einzelkämpfer“ agieren. Dies hilft mir auch bei den individuellen Arztbriefen für die Betroffenen, die eben nicht aus Textbausteinen bestehen. Das erfordert zwar mehr Zeit, wird der komplexen und individuellen Schädigung und Behandlung aber besser gerecht. Zwar muss ich den Nachteil einräumen, dass die Erstellung der Arztbriefe aufgrund des interdisziplinären Konzepts mit externen Behandlern oft noch viel zu lange dauern.

 

Können Sie neue Patienten aufnehmen und betreuen?

Ja, natürlich. Anmeldungen für die Sprechstunde in Hamburg nimmt unser Sekretariat entgegen. Man kann uns auch per E-Mail erreichen. Die ambulante Sprechstunde hat eine Kassenzulassung. Unsere Angebote stehen den Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen deshalb genauso zur Verfügung, wie den privat Versicherten. Bei uns können medizinische Verordnungen genau wie bei einem niedergelassenen Arzt ausgestellt werden. Alle Leistungen werden ohne zusätzliche Kosten im Rahmen gesetzlicher oder privater Krankenversicherung erbracht.

Contergan-Sprechstunde (vorstationär), auch online / per Video möglich

 
  • Erstvorstellung, Anamnese, standardisierte Evaluierung von Schmerz- und Begleitfaktoren
  • Untersuchung durch Schmerztherapeuten und Orthopäden: Orthopädischer Ganzkörperstatus, Laboruntersuchung
  • Beratung und Befundbericht
 

Multidisziplinäres stationäres Assessment

 
  • Anamnese und Untersuchung durch Schmerztherapeuten, Orthopäden, Physiotherapeuten und Psychologen
  • Optional: Bildgebung, Hinzuziehen anderer Fachabteilungen, Beratung
  • Arztbrief mit konkreten Empfehlungen für die Therapie
  • Umbau eines Patientenzimmers erfolgt, zweites Zimmer in Planung
 

KV-Ambulanz /
Ermächtigungs-Sprechstunde

 
  • Wiedervorstellung
  • Therapiekontrolle
  •  Verordnung von Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln
 

 

 

Kontaktdaten:

Contergansprechstunde Hamburg
Schön Klinik Stiftung für Gesundheit gGmbH
Dehnhaide 120
22081 Hamburg
Dr. Rudolf Beyer
Frau Brkitsch (Medizinische Fachangestellte)

Webseite: Contergansprechstunde
E-Mail: Contergansprechstunde-Hamburg@schoen-kliniken.de

Tel.: 040-2092 2364
Montag bis Mittwoch 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr
Montag und Dienstag 13.00 Uhr bis 16.00 Uhr
(AB außerhalb der Sprechzeiten)

 

Foto: Schön Klinik