Das Bild zeigt ein Schild, das vor Rutschgefahr warnt

„Das Wichtigste ist die Selbstwahrnehmung und die richtige Einschätzung der eigenen Fähigkeiten“

Stürze und Knochenbrüche sind besonders für Menschen mit Conterganschädigung ein relevantes Thema. Das hat verschiedene Ursachen: Die körperliche Konstitution und das Alter sind die einen, mangelnde Vorsorge und Vorsicht die anderen. Zu diesem Thema starten wir im CIP eine kleine Interviewserie. Den Anfang macht der Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Volker Stück von der Wickler-Klinik Hoher Meißner. Er rät: Angepasste Physiotherapie und richtige Prävention sind wichtige Unfallvermeider.

Herr Dr. Stück, sind Menschen mit Conterganschädigung besonders anfällig für Stürze und Knochenbrüche?
Menschen mit Conterganschädigung sind mit zunehmendem Alter nicht anfälliger als Menschen ohne Behinderung. Sie haben in ihrem bisherigen Leben gelernt, sich besonders vorsichtig zu verhalten, um Stürze und Knochenbrüche zu vermeiden.

Nehmen Sie die Kurzarmer. Sie haben von klein auf gelernt, Tätigkeiten mit dem Mund oder den Füßen auszuführen. Dadurch haben sie sehr gut bewegliche Wirbelsäulenabschnitte entwickelt. Diese Beweglichkeit lässt altersbedingt nach. Auch Hüft-, Knie- und Fußgelenke werden im Alter steifer bzw. weniger beweglich. Aufgrund der nicht anatomiegerechten Überbeanspruchung und Fehlhaltung über viele Jahre entwickeln sich aber Verschleißerscheinungen wie Arthrose überdurchschnittlich stark.

Und das erhöht die Gefahr eines Sturzes?
Genau. Aber es gibt noch einen tieferliegenden Grund: Menschen mit Conterganschädigung haben von Kind an gelernt, sich durchzubeißen. Für andere Menschen selbstverständliche Dinge und Abläufe mussten sie ganz anders einüben. Sie haben sich eine sehr hohe körperliche Leistungsfähigkeit antrainiert. Wenn Sie jetzt hören, altersbedingt gehen bestimmte Dinge nicht mehr, ist das frustrierend oder schwer einzusehen. Das Team unserer Rehabilitationsklinik erkennt bei vielen Menschen mit Conterganschädigung in letzter Zeit einen plötzlichen Leistungsknick. Es ist so, als würde mit dem Alter ein Ventil aufgehen, durch das viele Fähigkeiten einfach entweichen.

Welche zum Beispiel?
Die Reaktionsfähigkeit, die Mobilität allgemein, das Sehvermögen...  Viele von ihnen haben gearbeitet, Sport getrieben und waren sehr aktiv. Die meisten unserer Patientinnen und Patienten haben eine bessere körperliche Konstitution als viele Gleichaltrige im Bevölkerungsdurchschnitt! Sie waren jahrzehntelang gewohnt, über blaue Flecken hinwegzugehen oder leichtere Knochenbrüche und Verletzungen wegzustecken. Irgendwann geht das alles nicht mehr.

Es besteht also eine gewisse Gefahr von Selbstüberschätzung?
So kann man das sehen. Und daher ist die psychologische Ebene ein wichtiger Teil der Prävention: Man muss lernen, dass vieles nicht mehr so funktioniert wie früher. Die Handlungsschnelligkeit reduziert sich, die Kondition lässt nach, die Beweglichkeit der Halswirbelsäule nimmt ab. Ebenso die Wahrnehmungsfähigkeit des Untergrundes über die Fußsohlen. Der Körper muss also neu kennengelernt, die eigenen Fähigkeiten müssen akzeptiert werden.

Heißt: Der Faktor Alter betrifft uns alle, aber eine Conterganschädigung verschärft die Gefahr von Stürzen?
Ja. Vor allem, wenn der Patient halbwegs mobil ist. Wenn z.B. ein Kurzarmer stürzt, hat er ja noch ein weiteres Problem: Er oder sie kann sich nicht abstützen und den Aufprall abfedern. Sie fallen auf den Oberkörper oder auf den Kopf, mit den entsprechenden Verletzungen. Die Gefahr etwa einer Halswirbelverletzung ist signifikant höher als bei der Normalbevölkerung.

Der berühmte Oberschenkelhalsbruch tritt zwar statistisch nicht häufiger auf. Ein solcher Bruch ist für Menschen, die es gewohnt sind, sich mit den Füßen die Zähne zu putzen, allerdings fatal. Sie müssen nun lernen, dass das nach einem solchen Bruch unter Umständen nicht mehr möglich ist.

Was kann man präventiv tun, um Stürze zu vermeiden?
Es hat keinen Sinn, Schutzpolster anzulegen oder jede Bewegung zu vermeiden. Das Wichtigste ist die Selbstwahrnehmung und, dass man die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzt. Man muss es aktiv angehen. Diejenigen, die bei uns in Reha-Behandlung waren, sind sensibilisierter. Sie haben wieder Muskelkraft aufgebaut, sind beweglicher, haben mehr Gleichgewichtssinn und wollen die Übungen auch zuhause weitermachen. Deshalb sind individuell abgestimmte Krankengymnastik und Ergotherapie so wichtig.

Bei der Krankengymnastik gibt es ja verschiedene Zugänge und Schulen. Wir bieten alles an und prüfen von Fall zu Fall: Was tut dem jeweiligen Patienten gut, was verspricht den besten Erfolg? Viele, die erstmalig hier waren, sagen, dass sie eine solche Behandlung noch nie hatten. Immerhin haben wir so schon rund 800 Menschen mit Conterganschädigung helfen können, etwa 80 waren es im letzten Jahr. 

 

Hinweis:

Die Schön Klinik Hamburg führt aktuell eine Umfrage zum Thema „Sturzgefahr und Knochenbrüche bei Menschen mit Conterganschädigung“ durch.

Link zur Umfrage (www.surveymonkey.de/r/83DHR2V)

 

Für Fragen steht Ihnen das Team der Contergansprechstunde zur Verfügung.

E-Mail: rbeyer@schoen-klinik.de oder dbrkitsch@schoen-klinik.de

Telefon: 040 20922364 / Fax: 040 2092 83 2364