„Das Fahrrad muss sich nach dem Fahrer richten – und nicht umgekehrt“

Fahrradfahren kann eigentlich jeder Mensch. Zumindest, wenn es nach Juliane Neuß geht. Deshalb konstruiert sie für jeden Bedarf das passende Fahrrad. Ob für Menschen mit Behinderung oder ohne ist dabei nicht entscheidend. Wichtig ist für sie eine fundierte Ergonomie-Beratung. Mit diesem Ansatz baute Juliane Neuß in ihrer „Fahrradschmiede 2.0“ im Oberharz auch für Menschen mit Conterganschädigung bereits passende Fahrräder. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.


Frau Neuß, was bedeutet Ergonomie?

Allgemein ist Ergonomie die Wissenschaft von den Gesetzmäßigkeiten physikalischer Arbeit an der Schnittstelle von Körper und mechanischem Gerät. Entweder geht es um angepasste Formen oder, wenn Leistung erbracht werden muss, um angepasste Arbeitswinkel.

 

Das Fahrrad ist das Gerät und unsere Körper sind alle unterschiedlich…

Ja. Jede körperliche Proportion ist individuell. Danach sollte sich das Fahrrad richten, nicht umgekehrt. Doch Fahrräder werden mehr oder weniger alle ähnlich gebaut. Das bringt Probleme. Beim Radfahren geht es hauptsächlich um die richtigen Winkel: Wie übertragen die Beine ihre Kraft optimal? Wie verlagere ich den Körperschwerpunkt sinnvoll? Wie sitzt man ohne Schmerzen...?

 

Mit diesem Ansatz können Sie für jeden Menschen ein Rad bauen?

Grundsätzlich schon. Ich muss halt dafür sorgen, dass der Körper die notwendige physikalische Arbeit, also das Radeln, verrichten kann. Und das bei sicherem Halt.

 

Hersteller und Händler sind meistens Techniker. Wie kam es dazu, dass Sie die Ergonomie-Beratung in den Fokus stellten?

Ich habe vor mehr als 30 Jahren in einem Fahrradladen gejobbt und da ist mir als erstes aufgefallen, wie gruselig und schlecht Kinderfahrräder gebaut waren. Ich vermute, weil keine lange Nutzungsdauer vorgesehen ist und daher Kinderräder einfach verkleinerte Erwachsenenfahrräder waren. Die zudem übrigens noch viel zu schwer waren.

 

Kleine Menschen, kleine Räder…

Aber das reicht eben nicht. Die Räder wurden vom Erwachsenenmaß einfach runter skaliert. Das konnte nicht passen! Die Proportionen eines Kindes sind völlig andere. Sie haben einen langen Rücken und kurze Beine. Das ändert sich erst später. Bei einem Wachstumsschub einfach den Sattel und Lenker höherstellen wird dem Prozess des Wachsens nicht gerecht. Als meine Nichte geboren wurde, habe ich dann gesagt, die lernt nicht auf so einem Rad! So habe ich ein „mitwachsendes“ Kinderfahrrad entwickelt. Es wurde fast 20 Jahre lang gebaut. Die Idee, dass sich das Rad dem Menschen anpasst – und nicht umgekehrt – war geboren.

 

Was passierte dann?

Eine kleinwüchsige Frau fragte an, ob ich ihr ein Rad umbauen könnte. Mein Umbau war am Ende sieben Kilo leichter als das Rad, das sie von der Krankenkasse bekommen hatte. Ich stellte dabei fest, dass man mein „mitwachsendes Rad“ auch gut für kleinwüchsige Menschen nutzen konnte. Die besagte Frau war damals Vorsitzende des Bundesverbandes der Kleinwüchsigen Menschen und ihrer Familien (BKMF). Sie lud mich zu den Jahrestreffen ein. Dort präsentiere ich die Räder regelmäßig.

 

„Auf dem Markt gibt es seit 50 Jahren immer dieselbe Rahmengeometrie“

 

Inzwischen bauen Sie aber nicht nur Räder für kleinwüchsige Menschen?

Ich habe immer mehr Erfahrung mit den unterschiedlichen ergonomischen Ansprüchen gesammelt. Das Prinzip gilt ja auch für Normalwüchsige oder eben für Menschen mit Behinderung.

 

Dann kam der Schritt in die Selbständigkeit.

Meine jetzige Firma habe ich 1998 gegründet und sie zunächst parallel zu meinem Beruf als Metallografin betrieben. Seit 2014 mache ich Ergonomie-Beratung und ergonomie-basierten Fahrradbau in voller Selbständigkeit. 2011 habe ich auch ein Buch über Fahrrad-Ergonomie geschrieben. Das liegt nun schon in dritter Auflage vor, von mir komplett überarbeitet. Es heißt „Richtig sitzen – locker Rad fahren.“

 

Wie gehen Sie vor bei Ihrer Beratung?

Ich arbeite meistens mit dem sogenannten Velo-Checker von der Firma Patria, das ist ein Messbock, ein Metallgestell. Da sitzen die Leute drauf und ich ändere etwa den Sitzrohrwinkel oder die Kurbellänge oder die Oberrohrlänge - bis es passt. Mit den üblichen Formeln wie Beinlänge mal Nullkomma-Noch-Was bekommt man diese exakten Ergebnisse nicht hin. Die maßgefertigten Rahmen kommen dann von der Firma Patria aus Bielefeld oder von anderen Rahmenbauern.


Wer ist heute Ihre Kundschaft?

Die unterschiedlichsten Menschen, von Flensburg bis München, kommen zur Ergonomie-Beratung. Das sind nicht nur Fahrradfans oder Leute, die was Spezielles suchen. Auch die kleinwüchsigen Menschen kommen mittlerweile europaweit. Gute Ergonomie-Beratung braucht Mut zur Veränderung. Ein bisschen Ergonomie geht nicht.


Sie hatten auch Menschen mit Conterganschädigung als Kunden?

Ja. In der Regel Kurzarmer. Vor Zeiten hatte ich auch mit einem Mann zu tun, der keine Unterschenkel hatte, dem ich damals leider noch nicht helfen konnte. Heute wüsste ich vielleicht eher, worauf ich in solch einem Fall achten muss.

 

Kurze Arme sind weniger ein Problem?

Ich sage immer: Der Lenker muss dort anfangen, wo die Arme zu Ende sind. Ich habe schon Kunden mit Conterganschädigung hier gehabt, die Kurzarmer waren. Die stark verkürzten Arme müssen lenken, bremsen und schalten können. Außerdem muss die Person mit den Füßen ausnahmsweise vom Sattel aus den Boden erreichen können, das ist eine Sicherheitsvorgabe.

 

Worauf müssen Sie bei Menschen mit Conterganschädigung noch achten?

Dieses spezielle Rad ist natürlich insgesamt kürzer und gleichzeitig höher. Am Lenker kann man dann noch mit mehreren abgewinkelten Lenkerhörnchen viel machen. Auch braucht es einen eher flacheren Sitzrohrwinkel. Wenn man systembedingt tief sitzt, muss man das mit einem tiefen Tretlager und kurzen Pedalkurbeln ausgleichen, damit die Knie nicht ständig zu stark angewinkelt sind, was die Gelenke schädigen würde.


Wobei das Fahrrad nicht zwingend ein Zweirad sein muss.

Es gibt auch andere Möglichkeiten: etwa Tandems oder auch Sesselräder. Für unsichere Menschen empfehle ich etwa ein Liegedreirad mit relativ hoher Sitzposition, etwa solche von HASE-Bikes.

 

Solche Sonderanfertigungen sind aber teuer…

Sicher ist es teurer als ein Rad von der Stange. Aber wer es einmal begriffen hat, ist gerne bereit, mehr zu investieren. Um entspannter voran zu kommen muss es nicht gleich ein E-Bike sein, Ergonomie reicht in den meisten Fällen.

 




Das Taschenbuch von Juliane Neuß, „Richtig sitzen – locker Rad fahren. Ergonomie am Fahrrad“, ist im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

Kontakt:

Juliane Neuß
Entwicklung und Vertrieb von Spezialrädern und Zubehör
Fahrradschmiede 2.0 in Clausthal-Zellerfeld
www.junik-hpv.de
E-Mail: info@junik-hpv.de
Tel.: +49 (0)5323 - 96 32 486


Foto: Van Raam