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Alternativen

Zur Diskussion: Sind Behandlungszentren der einzige Weg zu einer verbesserten Behandlung bei Contergan?

Ärztin erklärt Contergangeschädigtem ein Röntgenbild.

Bei der Beschäftigung mit den optimalen Behandlungsstrukturen für die Conterganschädigung sind multidisziplinäre Zentren sehr schnell in den Fokus der Diskussion gerückt. Dabei stellt sich angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre und der immer noch bestehenden Herausforderungen bei der sektorenübergreifenden Finanzierung solcher Zentren jedoch die Frage, ob es nicht noch Alternativen zur sehr zeitaufwendigen und langwierigen Bildung von Behandlungszentren gibt. Ist dies der einzige Weg zu einer Verbesserung der Behandlung und Betreuung bei Contergan, oder gibt es nicht noch alternative Möglichkeiten der kurz- bzw. mittelfristigen Verbesserung der Versorgung, z. B. durch eine optimalere Vernetzung der behandelnden Ärzte und Experten, die es zu diskutieren lohnt? 

Auch hier lohnt sich ein Blick in andere Bereiche des Gesundheitswesens. Aufgrund der demographischen Entwicklung sowie der anhaltenden Sogwirkung der Ballungsräume haben sich in vielen ländlichen Gebieten unseres Landes große Herausforderungen im Bereich der Facharztbetreuung ergeben: Die Auswirkungen chronischer Krankheiten und Schädigungen bestimmen den Alltag vieler, v.a. älterer Betroffener. Regelmäßige Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sind die Folge. Dabei wird der Weg zum Facharzt immer länger. Der Wunsch vieler Patienten ist es jedoch, zuhause ein möglichst normales Leben zu führen, aber – wenn es nötig ist -  jederzeit schnelle und kompetente Betreuung und Unterstützung zu bekommen. Beim Versuch hierfür funktionierende Lösungen zu finden, sind einige interessante Ansätze entstanden, die auch für die zukünftige Gestaltung der Behandlung und Betreuung contergangeschädigter Menschen interessant und nützlich sein können.

Einen großen Anteil an diesen Lösungsansätzen haben dabei die rasanten Entwicklungen im Bereich der Kommunikations- und Informationstechnologie. Diese machen es möglich, dass aus der früheren „Vision“ einer Telemedizin eine bereits heute praktisch nutzbare und hilfreiche Unterstützung der ärztlichen Tätigkeit wurde. Dabei ist laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) unter Telemedizin der „Einsatz audiovisueller Kommunikationstechnologien“ zu verstehen, um „trotz räumlicher Trennung z.B. Diagnostik, Konsultation und medizinische Notfalldienste anzubieten“. Nach Ansicht des BMG kann Telemedizin dabei zukünftig insbesondere im „ländlichen Raum ein (integraler) Bestandteil der medizinischen Versorgung werden“.1

Wie das konkret einmal aussehen kann, zeigen heute bereits einige Projekte in verschiedenen Bundesländern, von denen wir drei kurz vorstellen möchten:

Bayern: PädExpert

Mit Hilfe von PädExpert2 kann der "Hausarzt" einen besonders qualifizierten Pädiater online konsultieren und um Unterstützung bitten – von der Diagnosestellung bis hin zu möglichen Behandlungsoptionen. Die Behandlung und Betreuung orientiert sich dabei immer an den aktuellen Leitlinien der jeweiligen Fachgesellschaften. So wird mit Hilfe dieses „telemedizinischen Konsils“ ein einheitlicher hoher Behandlungsstandard gesichert, unabhängig vom aktuellen Wohnort.

Mecklenburg-Vorpommern: TeleStroke

Ein weiteres interessantes Projekt ist die Vernetzung von Kliniken und Praxen in Mecklenburg-Vorpommern mit der Universitätsmedizin Greifswald im Zuge eines Schlaganfallprojektes. Hier werden Mediziner mithilfe von „TeleStroke“4 probeweise direkt mit den Schlaganfallexperten an der Universitätsmedizin Greifswald verbunden. So können Menschen mit neurologischen Erkrankungen in Kliniken ohne entsprechende Fachabteilungen mit Hilfe modernster Kommunikationstechnologien durch die Universitätsmedizin Greifswald schnellstmöglich fachärztlich versorgt werden.

Sachsen: CCS Telehealth Ostsachen

Das Projekt CCS5 Telehealth Ostsachen stellt eine offene und universell einsetzbare IT-Plattform zur Verfügung, die mit Hilfe eigener gesicherter Datennetze regionale und überregionale Kliniken, Ärzte, Pflegekräfte, weitere medizinische Leistungserbringer und Patienten zu Hause verbindet. Der Pilotbetrieb startete 2015 mit der häuslichen Betreuung von Herzinsuffizienz-Patienten und der ambulanten Schlaganfall-Nachsorge. Dazu wurden spezielle „Tele-Nurses“ und Fallmanager geschult, die den Betroffenen als erste Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Was können wir daraus lernen?

Was allen drei vorgestellten Projekten gleichermaßen am Herzen liegt, ist die Verbesserung der fachärztlichen Betreuung insbesondere im ländlichen Raum, wo die Spezialisten für eine Erkrankung oder Schädigung eher selten vor Ort sind. Die regionale Streuung der Patienten und lange Anreisewege zu den wenigen Spezialisten ist dabei auch für contergangeschädigte Menschen nichts Unbekanntes. 

In ländlichen Regionen wird nun versucht, die Problematik unzureichender Facharzt-Betreuung mit Hilfe der Telemedizin zu entschärfen. So soll schnell eine diagnostische und therapeutische Entscheidung getroffen werden, die aufgrund des Zusammenspiels von örtlichem „Hausarzt“ und regional entfernt sitzendem Facharzt bzw. Experten (1) eine spürbare Verbesserung der Versorgung bei einer seltenen und komplexen Schädigung und (2) zusätzlich Zeitersparnis für die Betroffenen bietet (z.B. Wartezeiten, Reisezeiten). 

Dieses kollegiale, telemedizinische Miteinander der betreuenden Ärzte zum Wohle des Patienten könnte auch eine ergänzende Komponente beim Aufbau und Betrieb multidisziplinärer Behandlungszentren für die Conterganschädigung sein. Je nach Gestaltung könnte sie aber auch eine schnell umsetzbare und möglicherweise weniger Ressourcen erfordernde Alternative dazu sein. Hierzu könnte auf der Basis der Erfahrungen der telemedizinischen Projekte in verschiedenen Bundesländern eine Prüfung verschiedener Ansätze, Ideen und Konzepte zur Verbesserung der flächendeckenden Versorgung von contergangeschädigten Menschen sowie deren Voraussetzungen und Umsetzungshorizonte erfolgen. An diese Prüfung könnten sich zeitnah Pilotprojekte anschließen, um die Betreuung und Versorgung der Betroffenen schnell und spürbar weiter zu verbessern. 

Das Interesse der Betroffenen ist vorhanden und die Bereitschaft vieler Experten ebenfalls. Vielleicht bedarf es, wie bei jedem langen Weg, auch nur eines ersten mutigen Schrittes, um die Entwicklung auch praktisch in Gang zu setzen.

Quellen

  1. BMG: Glossar Gesundheit. http://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/t/telemedizin.html Zuletzt eingesehen am 04.04.2017.
  2. Informationen basieren auf dem Internetauftritt von PädExpert® - Telemedizinisches Konsil für ambulante Pädiatrie. https://www.paedexpert.de/. Zuletzt eingesehen am 29.08.2016.
  3. E-Health-COM: Telemedizin - Startschuss für neues Telemedizin-Modellprojekt in der Kinderheilkunde in Anklam-Greifswald. 28.08.2014. http://www.e-health-com.eu/details-news/startschuss-fuer-neues-telemedizin-modellprojekt-in-der-kinderheilkunde-in-anklam-greifswald/43d49e9bf679ae5d9104bcb8b95d6d63/. Zuletzt eingesehen am 28.08.2016.
  4. Ernst-Moritz.-Arndt-Universität Greifswald: Tele-Neurologie wird in Vorpommern ausgeweitet. 25. August 1916. https://idw-online.de/de/news658026 Zuletzt eingesehen am 29.08.2016.
  5. Informationen des Universitätsklinikums CGC Dresden: CCS Telehealth Ostsachen. http://www.telehealth-ostsachsen.de. Zuletzt eingesehen am 28.08.2016.

Eingestellt von: T. Heckmann
Letzte Aktualisierung: 05. Mai 2017

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