Navigation

Brotkrümelpfad

Inhalt

Interview

Belastungen und Depressionen aus Sicht der Psychologie

Interview mit 
Dipl.-Psych. Christoph-M. Neumann
Psychologischer Psychotherapeut


CIP: Wann wird aus einer Belastung eine Depression?

C. M. Neumann: Belastungen erleben wir alle. Sie können kurz oder langfristig auf uns einwirken. Entsprechend fallen unsere Reaktionen aus. Kurzfristige Stressreaktionen verschwinden meist wieder, wenn sich die Situation entspannt. Langfristige Stressreaktionen sind hartnäckiger und haben schwerwiegendere schädliche Nebenwirkungen (z. B. steigender Alkoholkonsum, Schlafprobleme, leichte Erkrankungen).

Bei einer Depression handelt es sich um eine psychische Erkrankung. Langfristige Belastung ist dabei als Risikofaktor zu sehen, d. h. sie kann mit dafür verantwortlich sein, dass eine Depression entsteht. Jedoch nicht allein. Es gibt weitere Risikofaktoren, wie zum Beispiel die Lebens- und Lerngeschichte, die den Boden für Depression fruchtbar gemacht hat.

CIP: Woran erkennt man das? Was sind Alarmsignale?

C. M. Neumann: Die Alarmsignale (Reaktionen) finden sich auf vier Ebenen: der körperlichen, der emotionalen, der kognitiven und der Verhaltensebene. Damit man von einer Depression sprechen kann, müssen bestimmte Symptome zusammen(!)wirken und in einem Ausmaß vorhanden sein, dass für den Betroffenen ungewöhnlich ist.

Körperlich: zum Beispiel Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Morgentief, vermindertes oder erhöhtes Schlafbedürfnis.

Emotional: zum Beispiel Freud- und/oder Interessenverlust, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit.

Kognitiv: verminderte Konzentration, Merkfähigkeit, Gedächtnis, kurze Aufmerksamkeitsspanne.

Verhalten: zum Beispiel Rückzug, Passivität, verändertes Schlaf- und Essverhalten, weniger Aktivitäten, die früher Spaß gemacht haben …

CIP: Was kann man tun?

C.M. Neumann: Es gibt vier Schutzfaktoren: mehr Bewegung, mehr angenehme Aktivitäten, mehr soziale Kontakte und anders denken. Aber Achtung: ist die Depression erst einmal im Anmarsch, kann es sein, dass es eine große Portion Überwindung kostet, etwas davon zu beginnen. Und dies ist wegen der lähmenden Wirkung der Depression oft umso schwieriger. Aber ohne diese Schutzfaktoren geht es nicht.

CIP: Wo kann man sich bei wem Hilfe holen? Wer darf hier helfen?

C. M. Neumann: Hilfe können die Familie, die Freunde, die Bekannten leisten indem sie Verständnis für den Betroffenen zeigen, sein Leid nicht bagatellisieren und behutsam zu den oben genannten Schutzfaktoren motivieren. Professionelle Hilfe kommt in erster Linie von Ärzten und Psychotherapeuten. Weiterhin können auch Heilpraktiker hilfreich sein, wenn sie die entsprechende Befähigung besitzen.

CIP: Wie läuft so eine professionelle Hilfe ab?

C.M. Neumann: Professionelle Hilfe kann unterschiedlich intensiv sein, da auch eine Depression unterschiedliche Schweregrade haben kann. Man unterscheidet die leichte, die mittelgradige und die schwere depressive Episode. Hat der Betroffene früher schon einmal eine depressive Episode erlebt, spricht man von einer rezidivierenden, also wiederkehrenden, Depression.

Bei einer leichten Episode ist meist eine ambulante Psychotherapie ausreichend. Dies kann als Kurzzeittherapie bis zu 24 Sitzungen dauern, die in der Regel wöchentlich bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten stattfinden. Auch bei einer mittelgradigen Depression kann eine ambulante Psychotherapie ausreichend sein. Meist sind aber mehr Sitzungen nötig, z. B. als Langzeittherapie mit bis zu 60 Sitzungen. Gegebenenfalls ist eine Unterstützung durch antidepressiv wirkende Medikamente sinnvoll. Diese muss ein Arzt verordnen, meist ein Facharzt für Psychiatrie und Neurologie.

Alternativ kommt bei einer mittelgradigen Episode auch ein teilstationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik in Frage. Dort durchlaufen die Patienten über einen Zeitraum von mehreren Wochen an den Werktagen von 8 bis 16 Uhr ein antidepressives Programm. Die restliche Zeit verbringen sie in ihrem gewohnten Umfeld.

Bei schweren Episoden ist zunächst ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik erforderlich, der eine entsprechende Medikation einschließt. Nach einer Besserung schließt sich dann oft ein teilstationärer Aufenthalt und schließlich eine ambulante Therapie an.

CIP: Was muss man beachten (Verschreibung, Beantragung etc.)?

C.M. Neumann: Betroffene können sich direkt an die Behandler wenden oder sich vom Hausarzt die entsprechenden Überweisungen geben lassen. Auch zum Psychotherapeuten darf man inzwischen ohne Überweisungsschein gehen. Bei einer Vorstellung in einem Krankenhaus oder einer Tagesklinik erhält man die entsprechenden Informationen, die für eine Aufnahme erforderlich sind.

CIP: Wer trägt die Kosten?

C.M. Neumann: In der Regel werden die Kosten für die Behandlung einer Depression von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Die meisten privaten Krankenversicherungsverträge enthalten ebenfalls Regelungen zur Kostenübernahme einer Psychotherapie. Dies sollte der Betroffene aber vorher unbedingt prüfen.

CIP: Vielen Dank!


Eingestellt von: T. Heckmann
Eingestellt am 10. November 2019.

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.