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Unterstützung für die Pflege zu Hause

25.07.2019

Ambulante Pflege

Die Unterstützungsleistungen für pflegebedürftige Contergangeschädigte und ihre Angehörigen in der häuslichen Pflege sind

  • im Elften Sozialgesetzbuch (SGB XI),
  • dem Gesetz über die Pflegezeit – Pflegezeitgesetz (PflegeZG) und
  • dem Familienpflegezeitgesetz (FPfZG)

geregelt. Bei der häuslichen Pflege, die zukünftig auch für immer mehr contergangeschädigte Menschen aufgrund der im Alter zunehmenden Folgeschäden wichtig wird, werden Pflegebedürftige entweder durch nahe Angehörige, durch ambulante Pflegedienste oder anerkannte Einzelpflegekräfte zu Hause gepflegt bzw. unterstützt. Dabei ist der Kreis der nahen Angehörigen erweitert worden. Nun gehören dazu 

  • Großeltern, Eltern und Schwiegereltern,
  • Ehegatten, Lebenspartner und Partner einer eheähnlichen Gemeinschaft,
  • Geschwister,
  • Eigene Kinder, Adoptiv- und Pflegekinder,
  • Kinder, Adoptiv- und Pflegekinder des Ehegatten oder Lebenspartners sowie
  • Schwiegerkinder und Enkelkinder.
  • Stiefeltern,
  • Schwägerinnen und Schwager sowie
  • lebenspartnerschaftsähnliche Gemeinschaften.

Neben der Pflege contergangeschädigter Menschen in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus zählen grundsätzlich auch die Versorgung in Pflege-Wohngemeinschaften oder Wohngruppen unter die häusliche Pflege. Die möglichen Unterstützungsleistungen für contergangeschädigte Pflegebedürftige im Rahmen der häuslichen Pflege sowie deren jeweilige Finanzierung und Ausgestaltung hängen dabei maßgeblich von der Art und dem Umfang der gewählten Pflege ab.

Die Gewährung der verschiedenen Unterstützungsleistungen erfolgt auch für contergangeschädigte Menschen immer auf Antrag bei ihrer Pflegekasse. Die Höhe der Leistungen hängt - sofern keine Pauschalen gezahlt werden (z. B. bei Pflegehilfsmitteln) - vom Pflegegrad ab. Dieser wird vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder dem Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung (PKV) im Rahmen der einzelfallbezogenen Begutachtung ermittelt und dem contergangeschädigten Menschen dann von der Pflegekasse zuerkannt.

Diese Begutachtung erfolgt für contergangeschädigte Menschen unabhängig von der bereits erfolgten Begutachtung durch die Medizinische Kommission der Conterganstiftung. Die Begutachtung durch die Medizinische Kommission der Conterganstiftung erfolgte unter anderen Gesichtspunkten als die Begutachtung durch den MDK oder den PDK. Die Bepunktung der Conterganschäden durch die Medizinische Kommission der Conterganstiftung hat deswegen auch keinen Einfluss auf die Einstufung eines contergangeschädigten Pflegebedürftigen.

Wenn sich ein pflegebedürftiger contergangeschädigter Mensch für eine Betreuung durch Angehörige entscheidet, kann er bei der Pflegekasse ein „Pflegegeld“ entsprechend seines jeweiligen Pflegegrades geltend machen. Dieses kann den Pflegenden als „Anerkennung“ weitergegeben werden. Das bedeutet für contergangeschädigte Menschen konkret, dass Ihnen aktuell im Pflegegrad 2 maximal 316 Euro, im Pflegegrad 3 maximal 545 Euro, im Pflegegrad 4 maximal 728 Euro und im Pflegegrad 5 maximal 901 Euro zur Verfügung stehen. Im Pflegegrad 1 stehen keine Leistungen aus dem Bereich Pflegegeld zur Verfügung. Diese Gelder werden unabhängig von etwaigen Ansprüchen gegenüber der Conterganstiftung bezahlt.

Ergänzend können von ihren pflegenden Angehörigen Unterstützungsleistungen für kurzzeitige Arbeitsverhinderung, die Pflegezeit und die Familienpflegezeit genutzt werden (siehe weitere Infoboxen unten).

Das an die contergangeschädigten Menschen gezahlte Pflegegeld lässt sich darüber hinaus auch mit Pflegesachleistungen (z. B. für Hilfen von Pflegediensten) kombinieren. Die Höhe des Pflegegeldes reduziert sich dabei anteilig um den Wert der in Anspruch genommenen Sachleistungen. Die Leistungen zur teilstationären Versorgung können von den contergangeschädigten Menschen dagegen mit Pflegegeld und Pflegesachleistungen ohne Anrechnung kombiniert werden.

Das Pflegegeld ist in allen Pflegestufen geringer als bei der Inanspruchnahme von Pflegesachleistungen, die für die contergangeschädigten Menschen von professionellen Anbietern erbracht werden.

Entscheiden sich pflegebedürftige contergangeschädigte Menschen für eine Betreuung durch professionelle Pflegekräfte (z. B. einen zugelassenen ambulanten Pflegedienst oder eine selbständige Einzelpflegekraft), so wird dies als „Pflegesachleistung“ durch die Pflegeversicherung finanziert. Auch hierbei existieren - je nach Pflegstufe - Höchstgrenzen für die Erstattung dieser Pflegesachleistungen durch die Pflegeversicherung. 

Deren Höhe ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Aktuell erhalten so z. B. pflegebedürftige contergangeschädigte Menschen maximal 689 Euro im Pflegegrad 2, 1.298 Euro im Pflegegrad 3 sowie in den Pflegegraden 4 und 5 dann 1.612 Euro bzw. 1.995 Euro. Im Pflegegrad 1 stehen keine Leistungen aus dem Bereich Pflegesachleistungen zur Verfügung. 

Diese häusliche Pflege von contergangeschädigten Menschen durch Pflegedienste oder anerkannte Einzelpflegekräfte umfasst neben der Grundpflege (z. B. Körperpflege, Ernährung, Lagerung) und der hauswirtschaftlichen Versorgung (z. B. Einkaufen, Kochen, Reinigen) auch die häusliche Betreuung (z. B. persönliche Hilfeleistungen durch Unterstützung zur Orientierung und Gestaltung des Alltags sowie bei der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte).

Die potentiell in Frage kommenden ambulanten Pflegedienste müssen von den Pflegekassen im Rahmen eines Versorgungsvertrages zugelassen sein, wenn sie für contergangeschädigte Menschen Leistungen im Bereich der häuslichen Pflege erbringen wollen. Bei der Suche nach einem zugelassenen Pflegedienst helfen die regionalen Pflegeberatungen/Pflegestützpunkte sowie Leistungs- und Preisvergleichslisten, welche die Pflegekassen kostenfrei zur Verfügung stellen. Neben einem ambulanten Pflegedienst können aber auch Einzelpflegekräfte, z. B. selbständige Altenpflegerinnen und Altenpfleger, mit der häuslichen Pflege beauftragt werden. Die Pflegekassen müssen vertragliche Vereinbarungen mit solchen Pflegekräften eingehen, soweit keine konkreten Gründe vorliegen, die dem entgegenstehen.

Art, Inhalt und Umfang der Leistungen werden zwischen dem pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen und dem ambulanten Dienst oder auch der Einzelpflegekraft in einem Pflegevertrag festgelegt. Muster-Pflegeverträge bieten beispielsweise die Pflegekassen an. 

Pflegebedürftige contergangeschädigte Menschen haben das Recht, vom Pflegedienst vor Vertragsschluss und zeitnah nach jeder wesentlichen Veränderung durch einen Kostenvoranschlag über die voraussichtlichen Kosten der beabsichtigten Leistungsinanspruchnahme informiert zu werden.

Mit der Abrechnung haben Sie dagegen nichts zu tun. Sie erfolgt direkt zwischen der Pflegekraft bzw. dem Pflegedienst und Ihrer Pflegekasse.

Contergangeschädigte Menschen mit Pflegegrad und ihre Angehörigen haben verschiedene Wahl- und Kombinationsmöglichkeiten bei der Zusammenstellung des gewünschten Leistungsangebots in der häuslichen Pflege. 

So lassen sich die gewährten Pflegesachleistungen auch mit dem Bezug von Pflegegeld - für die Betreuung durch nahe Angehörige - kombinieren. Dabei reduziert sich das Pflegegeld anteilig im Verhältnis zum Wert der zusätzlich in Anspruch genommenen ambulanten Sachleistungen. Konkrete Informationen zur Kombination erhalten Sie beim Pflegeleistungs-Helfer des Bundesgesundheitsministeriums.

Pflegesachleistungen können darüber hinaus auch noch mit niedrigschwelligen Betreuungs- und Entlastungsangeboten kombiniert werden. Sie haben hier die Möglichkeit, jeweils maximal 40 Prozent der gewährten Pflegesachleistungen in eine zusätzliche Kostenerstattung für Leistungen niedrigschwelliger Betreuungs- und Entlastungsangebote umzuwidmen.

Pflegebedürftige contergangeschädigte Menschen haben einen zusätzlichen Anspruch auf Unterstützungsleistungen für (1) zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel und (2) technische Pflegehilfsmittel. Diese müssen zur Erleichterung der Pflege oder zur Linderung der Beschwerden beitragen oder ihnen eine selbständige Lebensführung ermöglichen. 

Die Höhe der Leistungen für die Contergangeschädigten durch die Pflegekassen ist hier unabhängig vom jeweiligen individuellen Pflegegrad. Sie beträgt für zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel (z. B. Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe, Betteinlagen) nun pauschal 40 Euro im Monat (vor der Erhöhung im Rahmen der Pflegestärkungsgesetze waren es 31 Euro).

Für technische Pflegehilfsmittel (z. B. Pflegebetten, Rollstühle, Hebegeräte, Polster für die Lagerung, Notrufsysteme) müssen contergangeschädigte Pflegebedürftige einen Eigenanteil von 10 Prozent, jedoch maximal 25 Euro pro Hilfsmittel leisten. 

Voraussetzung für die Übernahme der Kosten für ein Pflegehilfsmittel ist jedoch eine Aufführung des Produktes im Pflegehilfsmittel-Verzeichnis der Pflegekassen. Als Alternative werden technische Pflegehilfsmittel oft auch leihweise von den Pflegekassen zur Verfügung gestellt. Hierfür würde die Zuzahlung dann entfallen.

Sollte ein benötigtes Pflegehilfsmittel durch die Pflegekasse nicht gewährt werden, müssen contergangeschädigte Menschen hierzu die pauschalen Leistungen zur Deckung spezifischer Bedarfe einsetzen.

Zusätzliche Betreuungsleistungen für Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz gab es bereits im Rahmen der bisherigen gesetzlichen Regelungen im SGB XI. Mit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz (PSG I) wurde der Anspruch auf zusätzliche Betreuungsleistungen auf alle Pflegebedürftigen ausgeweitet und leicht erhöht. Zudem wurde die Regelung um die zusätzlichen Entlastungsleistungen erweitert. Diese dienen der Deckung des Bedarfs an Unterstützung

  • im Haushalt (z. B. bei der hauswirtschaftlichen Versorgung), 
  • bei allgemeinen/pflegebedingten Anforderungen des Alltags, 
  • bei der eigenverantwortlichen Organisation individuell benötigter Hilfeleistungen und
  • zur Entlastung der pflegenden Angehörigen.

Seit dem 1. Januar 2015 können so Betreuungsleistungen und Kosten für Entlastungsangebote erstattet werden. Dafür stehen bis zu 1.500 Euro jährlich oder 125 Euro monatlich zur Verfügung. Alle diese Angebote dienen dem Grundsatz „ambulant vor stationär“. Dies bedeutet, ihr Ziel ist es, dem pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Leben im eigenen Wohnumfeld zu ermöglichen.

Betreuungsleistungen 

Bei zusätzlichen Betreuungsleistungen werden pflegebedürftige contergangeschädigte Menschen von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die entsprechend qualifiziert wurden, unter pflegefachlicher Anleitung stundenweise betreut. Dadurch sollen sie eine zusätzliche Ablenkung oder Anregung erhalten, die im Pflegealltag sonst schwer zu leisten wäre. Für ihre pflegenden Angehörigen soll durch diese Betreuungsleistungen vor allem eine zeitweise Erholung vom Pflegealltag ermöglicht werden. 

Zusätzliche Betreuungsleistungen können sich dabei an einzelne Personen oder auch Gruppen richten. Sie können zum Beispiel 

  • eine Musikgruppe oder ein leichtes Bewegungsangebot,
  • Leistungen der Tages- oder Nachtpflege, 
  • Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder 
  • weitere Leistungen zugelassener Pflegedienste sein, sofern es sich dabei nicht um Leistungen der Grundpflege handelt. 

Entlastungsleistungen

Ergänzend zu den Betreuungsangeboten gibt es nun auch zusätzliche Entlastungsangebote. Diese dienen der Unterstützung bzw. Entlastung pflegender Familienangehörige oder nahestehender Menschen, die Pflegeverantwortung übernehmen.

Entlastungsleistungen helfen pflegebedürftigen Contergangeschädigten vor allem bei ganz alltäglichen Aufgaben, die ihnen alleine schwerfallen oder unmöglich geworden sind. Sie sollen grundsätzlich für sie leicht zugänglich sein, um schnell und unbürokratisch flexible Hilfe zu erhalten. Ihre Ausgestaltung ist dabei bewusst sehr weit gefasst. Sie umfassen neben Serviceleistungen rund um den Haushalt und die unmittelbare häusliche Umgebung auch Unterstützungsangebote zur Organisation des Alltags. 

Hierzu zählen zum Beispiel die Unterstützung pflegebedürftiger contergangeschädigter Menschen durch Alltagsbegleiter und die Nutzung von 

  • Hilfen bei der Wohnungsreinigung,
  • Unterstützung beim notwendigen Wocheneinkauf,
  • Unterstützung bei Anträgen und Behördengängen sowie
  • Begleitung zu Terminen.

Für eine Erstattung der Kosten durch die Pflegekasse muss es sich bei den von den contergangeschädigten Menschen in Anspruch genommenen Leistungen um qualitätsgesicherte Angebote handeln. Leistungen für Unterstützungsangebote im Alltag (oft auch als niedrigschwellige Betreuungs- und Unterstützungsangebote bezeichnet) können deshalb nur von solchen Anbietern erbracht werden, die nach Landesrecht und gemäß § 45b Abs. 1 Satz 6 Nr. 4 SGB XI als solche anerkannt sind. Die Kostenerstattung erfolgt zweckgebunden und nicht pauschal. Angefallene Ausgaben für diese Angebote müssen nachgewiesen werden. Erst dann können sie von der Pflegekasse ersetzt werden.

Pflegekassen oder die regionalen Pflegestützpunkte informieren contergangeschädigte Menschen und ihre Angehörigen über zugelassene und zur Verfügung stehende Entlastungsangebote. Eine solche Beratung kann auch zu Hause stattfinden. Dabei können sie sich ergänzend darüber informieren lassen, ob und wie solche Entlastungsleistungen im Einzelfall auch mit Mitteln der Pflegesachleistungen erweitert werden können, sofern hier das individuelle Budget noch nicht ausgeschöpft wurde. 

Nicht genutzte Leistungsansprüche verfallen nicht automatisch. Sie können von den contergangeschädigten Menschen in das nächste Kalenderhalbjahr übertragen werden.

Zusätzlich zu den Unterstützungsleistungen im häuslichen Umfeld können auch teilstationäre Angebote als Ergänzung der Pflege zu Hause genutzt werden. So können contergangeschädigte Menschen, die Unterstützung benötigen und deren pflegende Angehörige tagsüber berufstätig sind, in entsprechenden Einrichtungen auch Angebote der Tages- und Nachtpflege nutzen. 

Dabei werden die pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen von zu Hause abgeholt, zeitweise betreut und am Nachmittag oder Abend wieder nach Hause zurückgebracht. Anspruchsberechtigt sind alle versicherten contergangeschädigten Menschen mit einem Pflegegrad. Seit dem 1. Januar 2015 können die Leistungen der Tages- und Nachtpflege neben der ambulanten Pflegesachleistung oder dem Pflegegeld von pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen in vollem Umfang in Anspruch genommen werden können. Die bisher übliche Anrechnung der Leistungen aufeinander erfolgt nicht mehr.

Bei der Tages- und Nachtpflege übernimmt die Pflegekasse

  • die Pflegekosten, 
  • die Aufwendungen der sozialen Betreuung,
  • die Kosten der medizinischen Behandlungspflege sowie
  • den Transport zwischen Wohnung und Einrichtung.

Auch hier gibt es wieder - je nach Pflegegrad - maximale Leistungen pro Monat. Diese reichen von 689 Euro im Pflegegrad 2 bis zu 1.995 Euro für contergangeschädigte Menschen mit dem Pflegegrad 5. Betroffene mit Pflegegrad 1 können hierfür ihren Entlastungsbeitrag einsetzen. Kosten für Verpflegung müssen grundsätzlich selbst getragen werden. Zusätzlich können von pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen für die Tages- und Nachtpflege auch Leistungen für Betreuungs- und Entlastungsangebote in Anspruch genommen werden.

Außerhalb der Aufenthalte in der Tages- und Nachtpflege werden die contergangeschädigten Menschen - wie auch bisher - von ihren Angehörigen und/oder einem ambulanten Pflegedienst zu Hause gepflegt.

Kurzzeitpflege

Mit der Kurzzeitpflege ist es möglich, pflegebedürftige contergangeschädigte Menschen, die eigentlich ambulant versorgt werden, für eine Übergangszeit auch vollstationär unterzubringen. Gründe hierfür können eine akute Krise oder aber auch die Betreuung im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt sein, bei der zeitweise eine häusliche oder teilstationäre Betreuung nicht möglich ist.

Verhinderungspflege

Die Pflege eines contergangeschädigten Menschen ist auch für den Pflegenden mit teilweise großen physischen und psychischen Belastungen verbunden. Um pflegenden Angehörigen die Möglichkeit einer kurzen Auszeit zur Regeneration (z. B. Urlaub) zu bieten, gibt es die Möglichkeit der Verhinderungspflege. Die Pflege wird in der Zeit dann von einem ambulanten Pflegedienst, weiteren nahen Angehörigen oder anderen ehrenamtlichen Pflegepersonen übernommen. Die Inanspruchnahme erfolgt auf Antrag und ist dabei mit verschiedenen Voraussetzungen verbunden:

  • die Mindestversicherungszeit der Pflegeversicherung wurde erreicht,
  • der/die pflegebedürftige contergangeschädigte Mensch hat mindestens einen Pflegegrad 2 (via MDK oder Prüfdienst der PKV nachgewiesen) und
  • der/die Pflegende muss den contergangeschädigten Menschen seit mindestens sechs Monaten pflegen.

Im Rahmen der Änderungen der Pflegegesetzgebung wurde die Verhinderungspflege erweitert, von ursprünglich vier auf bis zu sechs Wochen im Jahr. Der Antrag zur Gewährung von Verhinderungspflege muss bei der zuständigen Pflegekasse des contergangeschädigten Menschen gestellt werden. Dies kann auch formlos erfolgen. Maximal stehen dafür Geldmittel in Höhe von 1.612 Euro pro Kalenderjahr zur Verfügung. Die dabei entstandenen Aufwendungen müssen auch real nachgewiesen werden. Es ist jedoch keine Anspruchsvoraussetzung, dass die Leistung im Voraus beantragt wird.

Kurzzeit- und Verhinderungspflege können miteinander kombiniert und verrechnet werden.

Arbeitnehmer, die einen contergangeschädigten Angehörigen pflegen, können nun auch Rechtsansprüche auf eine teilweise bzw. vollständige Freistellung von ihrer beruflichen Tätigkeit nutzen. Hierzu gehören die kurzzeitige Arbeitsverhinderung, die Pflegezeit und die Familienpflegezeit. Die Möglichkeit ihrer jeweiligen Inanspruchnahme hängt aber zum Teil auch von der Betriebsgröße ihres Arbeitgebers ab. 

Kurzzeitige Arbeitsverhinderung (§ 2 PflegeZG) mit Pflegeunterstützungsgeld (§ 44a SGB XI) 

Es kann vorkommen, dass sich die Pflegesituation eines contergangeschädigten Menschen akut verändert, z. B. durch eine plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes aufgrund von Folgeschäden. Ein Arbeitnehmer, der daraufhin die Pflege eines nahen Angehörigen (neu) organisieren muss, kann bis zu zehn Arbeitstagen der Arbeit fernbleiben (kurzzeitige Arbeitsverhinderung). Dieses Recht wird unabhängig von der Größe des Unternehmens gewährt. Für die Inanspruchnahme sind zwar keine Ankündigungsfristen zu beachten. Der Arbeitgeber ist aber sofort zu informieren. 

Während der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung muss der Arbeitgeber dem Pflegenden jedoch keinen Lohn bzw. Gehalt zahlen. Dafür kann für die pflegende Person ein Antrag auf Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatzleistung gestellt werden. Dieses Pflegeunterstützungsgeld muss bei der Pflegeversicherung des pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen unverzüglich beantragt werden. Eine ärztliche Bescheinigung über die akute Pflegesituation ist beizufügen. Ausgezahlt wird das Pflegeunterstützungsgeld von der Pflegekasse oder dem zuständigen privaten Versicherungsunternehmen des contergangeschädigten Menschen.

Die Höhe des Pflegeunterstützungsgeldes beträgt bis zu 90 Prozent des aktuellen Nettoeinkommens des Pflegenden. 

Pflegezeit (§§ 3, 4 PflegeZG) und Familienpflegezeit (§§ 2, 3 FPfZG)

Sind pflegende Angehörige eines Contergangeschädigten Menschen bei einem Arbeitgeber mit 15 oder mehr Beschäftigten angestellt, so haben sie einen Anspruch auf Pflegezeit. Dies ermöglicht dem pflegenden Angehörigen eine Arbeitszeitreduzierung oder eine komplette Freistellung von bis zu 6 Monaten. Für eine außerhäusliche Betreuung in der letzten Lebensphase, z. B. im Hospiz, ist eine Freistellung von bis zu drei Monaten möglich. Die Inanspruchnahme der Pflegezeit muss 10 Tage vorher dem Arbeitgeber angekündigt werden.

Bei einem Arbeitgeber mit mehr als 25 Beschäftigten (ohne Azubis) kann der Arbeitnehmer, der einen pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen pflegt, bei Bedarf auch noch den Anspruch auf Familienpflegezeit wahrnehmen. Diese ermöglicht eine Arbeitszeitreduzierung von bis zu 24 Monaten. Die verbleibende Arbeitszeit darf jedoch 15 Wochenstunden nicht unterschreiten.

Trotz der Möglichkeit der Kombination beider Freistellungsansprüche darf die Gesamtdauer der Freistellung höchstens 24 Monate betragen. Darüber hinaus müssen die Auszeiten auch nahtlos aneinander anschließen. Freistellungen können von nahen Angehörigen der contergangeschädigten Menschen aber auch parallel oder nacheinander in Anspruch genommen werden, um sich die Pflege zu teilen.

Sowohl bei der Pflegezeit als auch bei der Familienpflegezeit muss der pflegende Angehörige die Pflegebedürftigkeit des Contergangeschädigten Menschen gegenüber seinem Arbeitgeber durch eine Bescheinigung der Pflegekasse oder des MDK nachweisen. 

Zinsloses Darlehen

Um den entgangenen Arbeitslohn während der Auszeiten zur Pflege des Contergangeschädigten Menschen(Pflegezeit/Familienzeit) etwas auszugleichen, können Beschäftigte ein zinsloses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beantragen. 

Seine Höhe richtet sich dabei nach dem individuellen Lohnausfall. In der Regel wird dabei die Hälfte der Differenz zwischen dem bisherigen Gehalt und dem Gehalt während der Auszeit als monatliches Darlehen ausgezahlt

Ein entsprechendes Antragsformular finden Sie unter www.wege-zur-pflege.de und einen Rechner zur Ermittlung der Darlehenshöhe unter www.bafza.de.

Niemand ist verpflichtet diese Darlehen in voller Höhe in Anspruch zu nehmen. Aus verwaltungstechnischen Gründen besteht jedoch eine Darlehens-Untergrenze von 50 Euro pro Monat. Auch die Rückzahlung erfolgt nach der Auszeit in Raten.

Pflegekurse

Für pflegende Angehörige eines Contergangeschädigten Menschen besteht die Möglichkeit an einem kostenlosen Pflegekurs der Pflegekasse teilzunehmen (§ 45 SGB XI). Diese bieten Anleitungen und Informationen rund um die praktische Pflege, aber auch Beratung und Unterstützung zu Spezialthemen (z. B. Demenz). Bei Bedarf können diese auch in der häuslichen Umgebung des pflegebedürftigen Contergangeschädigten Menschen stattfinden. 

Bei den zentral stattfindenden Kursen bietet sich den Pflegenden auch die Möglichkeit des Austausches mit anderen Pflegenden und das Knüpfen von hilfreichen Kontakten. Die Kurse werden von den Kranken-/ Pflegekassen selbst bzw. in Zusammenarbeit mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege, Volkshochschulen, der Nachbarschaftshilfe oder Bildungsvereinen angeboten. 

Beratungseinsätze

Pflegebedürftige Contergangeschädigte Menschen müssen zur Sicherung der Qualität der häuslichen Pflege bei Bezug von Pflegegeld kontinuierlich Beratungen ihrer Pflegekasse wahrnehmen. Diese Beratung erfolgt in den Pflegegraden 2 und 3 einmal halbjährlich sowie in den Pflegegraden 4 und 5 einmal vierteljährlich in der eigenen Wohnung.

Betroffene mit Pflegegrad 1 und Pflegebedürftige, die ambulante Pflegesachleistungen beziehen, können alle 6 Monate einen Beratungsbesuch in Anspruch nehmen.

Durchgeführt werden die Beratungen von zugelassenen Pflegediensten, neutralen und unabhängigen Beratungsstellen mit pflegefachlicher Kompetenz (nach Anerkennung durch die Landesverbände der Pflegekassen) sowie eigenen Pflegeberatern der Pflegekassen. Die Inanspruchnahme der Beratung muss vom pflegebedürftigen contergangeschädigten Menschen gegenüber der Pflegekasse nachgewiesen werden (§ 37 Abs. 3 SGB XI). 

Weitere Informationen

Alles, was Sie zur Pflege und zum neuen Pflegestärkungsgesetz wissen müssen
Ratgeber zur Pflege des Bundesministeriums für Gesundheit - PDF, 3.4 MB

Die Pflegestärkungsgesetze – Das Wichtigste im Überblick
Informationen des Bundesgesundheitsministeriums - PDF, 2.5 MB

Pflegende Angehörige – Angebote, Leistungen, soziale Absicherung
Informationen des Bundesministeriums für Gesundheit

Servicebereich Familienpflegezeit
beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 


Eingestellt von: T. Heckmann
Erstellt am 30.11.2017. Letzte Aktualisierung: 25. Juli 2019
Quellen: Bundesregierung, BMG

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