Navigation

Brotkrümelpfad

Inhalt

Thema des Monats - Oktober 2018

17.10.2018

Meine Rechte als Patient

Im Gespräch mit dem Arzt. @ mark@rocketclips.com /depositphotos.com
Sitzende Patientin im Gespräch mit einem Arzt in seinem Behandlungszimmer.

In unserem Gesundheitswesen haben Sie als Patient gesetzlich verankerte Rechte gegenüber Ihrem behandelnden Arzt, der Klinik oder auch Ihrer Krankenversicherung. Aber nur wer diese Rechte kennt, kann sie für sich auch einfordern. Dass dies im täglichen Medizinbetrieb manchmal notwendig ist, müssen auch contergangeschädigte Menschen immer wieder erfahren.

Nehmen wir z. B. das Recht auf umfassende Information und Aufklärung. So kann ein Besuch beim Arzt für gehörlose contergangeschädigte Menschen schnell zum Problem werden, da nicht in jeder Arztpraxis immer ein Gebärdendolmetscher anwesend ist. Dabei hat die Kommunikation zwischen Arzt und Patient einen großen Einfluss auf die Gesundheit und die Behandlung von Krankheiten, wie Studien zeigten. 

Ständig auf die gesetzlich verbrieften Rechte als Patient zu pochen, muss für das Vertrauens- und Behandlungsverhältnis zwischen Arzt und Patient nicht immer förderlich sein. Bei auftretenden Problemen geben Ihnen diese Rechte jedoch Sicherheit und eine gute Basis zur Diskussion mit den Behandlern. Deshalb werden wir uns im CIP im Oktober 2018 ausführlich mit Fragen der Patientenrechte beschäftigen und Ihnen wertvolle Tipps für die Vorbereitung auf den Arztbesuch und die Arzt-Patienten-Kommunikation geben.

Wenn Sie persönliche Erfahrungen mit den Herausforderungen eines Arztbesuches gemacht haben, und diese mit den Nutzern des CIP teilen möchten oder z. B. auch eigene Empfehlungen oder Tipps für die Kommunikation mit Ärzten und Therapeuten haben, so würden wir uns - wie immer - über eine kurze E-Mail mit Ihren Erfahrungen unter info@contergan-infoportal.de freuen.


Herausforderungen

Der Arztbesuch als Stressfaktor

Eine Behandlung bei einem niedergelassenen Arzt oder in einer stationären Einrichtung ist für contergangeschädigte Menschen häufig mit großen Herausforderungen verbunden. Dazu zählen u. a.

  • die besonderen Anforderungen an Diagnostik und Therapie, die sich für den behandelnden Arzt aus der individuellen Conterganschädigung ergeben, 
  • bestehende Ängste der Betroffenen vor der Behandlung aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit (z. B. Spritzenphobie) oder auch
  • die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens in Deutschland, die sich z. B. in langen Wartezeiten und kurzen Arztkonsultationen niederschlägt (Ärzteblatt: Durchschnittliche Länge des Hausarztkontaktes = 7,6 Minuten).

Bei vielen Patienten, nicht nur mit einer Conterganschädigung, kommen oft weitere Probleme hinzu. So ist die Sprache der Mediziner für viele Menschen meist nur schwer verständlich. Ärzte könnten ihren Patienten viel erklären und ihnen dabei auch bestehende Ängste nehmen. Häufig tun sie es aber nicht oder nicht in angemessener Form, weil 

  • sie im täglichen Klinik- und Praxisbetrieb durch die Vielzahl der medizinischen, juristischen, organisatorischen und verwaltungstechnischen Aufgaben zunehmend überlastet sind,
  • verschiedene Themen auch Ärzten unangenehm sind und die „Gesprächsführung“ bisher in der Ausbildung des angehenden Arztes oftmals viel zu kurz kommt und
  • drängende Fragen aus Sicht der Patienten nicht gestellt oder, aus den verschiedensten Gründen, manchmal auch einfach vergessen wurden.

Oft hilft es deshalb, dem Stress des Arztbesuches und dem vorhandenen Zeitdruck mit einer guten Vorbereitung auf das Arztgespräch zu begegnen. Dabei sollte z. B. am Anfang immer die Frage stehen: „Was möchte ich erreicht haben, wenn ich das Arztzimmer wieder verlasse?“ Laut einer Studie unterbrechen Ärzte ihre Patienten bereits durchschnittlich nach 11-24 Sekunden.Eine klare eigene Zielsetzung für das Gespräch und vorab schriftlich fixierte Fragen an den Arzt können da helfen, den eigenen roten Faden und das gewünschte Ergebnis des Besuches im Blick zu behalten. So kann die Zeit mit dem Arzt effektiv genutzt werden.  Dabei sollten sich Patienten nicht scheuen, nachzufragen und sich Fremdwörter und komplizierte Sachverhalte auch wiederholen zu lassen. So lange, bis sie die Hinweise und Informationen des Arztes sowie die daraus resultierenden Folgen wirklich verstanden haben.

   

Natürlich können Patienten auch eine Vertrauensperson mit zum Arzt nehmen. Sie kann ein sicheres Gefühl vermitteln und sich im Laufe des Gespräches auch Notizen machen. Währenddessen kann sich der Patient voll auf die Ausführungen des Arztes konzentrieren. Später können sie sich austauschen und zusammen herausfinden, ob Sie beide die Informationen des Arztes gleich verstanden haben. Dies beugt Missverständnissen vor und schafft Klarheit.

Online-Tipp

Medizinstudenten der Plattform „Was hab‘ ich?“ haben zusammen mit der Bertelsmann Stiftung einen interaktiven Befunddolmetscher entwickelt. Dort können Patienten und Interessierte selbstständig Fachbegriffe nachschlagen. Aktuell werden leicht verständliche Erläuterungen zu rund 10.000 medizinischen Fachbegriffen angeboten. Diese werden kontinuierlich ergänzt. Zum Befunddolmetscher

 

Der Weg zum mündigen Patienten

Doch die Kommunikation ist nur ein Problemfeld in der Arzt-Patienten-Beziehung. Patienten möchten als Mensch respektiert und behandelt werden und sich nicht als „Fall“ abgewickelt fühlen. Dieses Bedürfnis spiegelt sich in den letzten Jahren zunehmend auch in der gesundheitspolitischen Diskussion wider. 

So hat sich die Rolle, die Patienten zugedacht wird, grundlegend gewandelt. An die Stelle des „blind“ dem Urteil der Ärzte vertrauenden Kranken ist das (Ideal-)Bild des mündigen und informierten Patienten getreten. Dieser soll als selbstbewusster Beitragszahler und kritischer Verbraucher immer mehr als Partner des Arztes an der Erhaltung oder Wiederherstellung seiner Gesundheit bzw. der Vermeidung einer Verschlechterung seines Gesundheitszustandes mitwirken. Um diesem Anspruch in der Realität gerecht werden zu können, benötigen Patienten aber umfassende Informationen und Rechte. Deshalb hat die Politik mit dem 2013 verabschiedeten Patientenrechtegesetz die Position der Patienten gegenüber den verschiedenen Leistungserbringern (z. B. Ärzten, Therapeuten, aber auch Heilpraktikern) sowie den Krankenkassen gestärkt. Zu den im Gesetz beschriebenen Rechten der Patienten gehören u. a. 

  • das Recht auf umfassende Information und Aufklärung, 
  • das Recht auf Einsicht in die Behandlungsunterlagen und 
  • das Recht auf Selbstbestimmung. Das bedeutet, dass eine medizinische Maßnahme nur nach erfolgter Einwilligung durch den Patienten erfolgen darf.

So kann ein informierter Patient seinen Ärzten, Therapeuten, Apothekern oder auch seiner Krankenkasse zunehmend auf Augenhöhe gegenübertreten. Das ermöglicht ihm, bestehende Angebote zu hinterfragen, notwendige Leistungen einzufordern und aktiv am Entscheidungsprozess (im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung) rund um seine Gesundheit mitzuwirken.

Weitere Informationen

Arztgespräche erfolgreich führen
Kompetent als Patient. Eine Informationsbroschüre
der Techniker Krankenkasse

Der Nächste, bitte!
Eine Anleitung für Ihren Arztbesuch
(Leitfaden von Medizinstudenten für Patienten, 32 Seiten)

Zur Leseprobe
Kostenlose Bestellung des Leitfadens als PDF per E-Mail

Patienten und Ärzte als Partner
Informationsbroschüre der
Deutschen Krebshilfe
 


Gesetzliche Regelungen

Das Patientenrechtegesetz (PRG)

Das "Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten" (Patientenrechtegesetz, PRG) wurde am 29. November 2012 vom Deutschen Bundestag verabschiedet. Es trat nach Beratung im Bundesrat im Februar 2013 in Kraft. Mit dem PRG sollen sich Patienten und Ärzte in Zukunft auf Augenhöhe begegnen. Es bündelte erstmals die Rechte von Patientinnen und Patienten in transparenter und verständlicher Form und entwickelte sie in wesentlichen Punkten weiter. Die wichtigsten Regelungen des PRGsind:

  • Der Behandlungsvertrag wurde ausdrücklich im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Dadurch ist die vertragliche Beziehung zwischen Patient und Arzt erstmals gesetzlich geregelt worden. Diese Regelung umfasst dabei insbesondere die gesetzlich garantierten Rechte und Pflichten von Patienten und Ärzten im Rahmen der Behandlung. Sie ist auch für andere Heilberufe, wie z. B. Heilpraktiker, Hebammen, Psycho- oder Physiotherapeuten, bindend.
  • Patientinnen und Patienten müssen verständlich und umfassend informiert werden, etwa über erforderliche Untersuchungen, Diagnosen und beabsichtigte Therapien. Diese Informationspflicht besteht auch für die mit der Behandlung verbundenen Kostenfolgen: Werden Behandlungskosten nicht von der Krankenkasse übernommen und weiß dies der Behandelnde, dann muss er den Patienten vor dem Beginn der Behandlung entsprechend informieren. Auch muss der Behandelnde den Patienten unter bestimmten Voraussetzungen über einen Behandlungsfehler informieren.
  • Die gesetzlich vorgeschriebene Aufklärung erfordert, dass grundsätzlich alle Patientinnen und Patienten umfassend über eine bevorstehende konkrete Behandlungsmaßnahme und über die sich daraus ergebenden Risiken aufgeklärt werden müssen. Damit sich der Patient seine Entscheidung gut überlegen kann, muss rechtzeitig vorher mit ihm ein persönliches Gespräch geführt werden. Eine schriftliche Aufklärung reicht alleine nicht aus. Auch Patientinnen und Patienten, die aufgrund ihres Alters oder ihrer geistigen Verfassung nicht in der Lage sind, allein über die Behandlungsmaßnahme zu entscheiden, werden künftig verstärkt mit in den Behandlungsprozess eingebunden, indem   auch ihnen die wesentlichen Umstände der bevorstehenden Behandlung zu erläutern sind.
  • Die Dokumentationspflichten bei der Behandlung wurden ebenfalls niedergeschrieben. Patientenakten sind vollständig und sorgfältig zu führen. Fehlt die Dokumentation oder ist sie unvollständig, wird im Prozess zu Lasten des Behandelnden vermutet, dass die nicht dokumentierte Maßnahme auch nicht erfolgt ist. Behandelnde sind künftig auch verpflichtet, zum Schutz von elektronischen Dokumenten eine manipulationssichere Software einzusetzen.
  • Patientinnen und Patienten wird ein gesetzliches Recht zur Einsichtnahme in ihre Patientenakte eingeräumt, welches nur unter strengen Voraussetzungen (z. B. therapeutische Gründe) und nur mit einer Begründung abgelehnt werden darf.
  • Verbesserung der Transparenz in Haftungsfällen und Beweiserleichterungen: Jeder kann im Gesetz nachlesen, wer im Prozessfall was beweisen muss.
  • Die Kranken- und Pflegekassen sind verpflichtet, ihre Versicherten bei der Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen aus Behandlungsfehlern zu unterstützen. Dies kann etwa durch Unterstützungsleistungen, mit denen die Beweisführung der Versicherten erleichtert wird, z. B. mit medizinischen Gutachten, geschehen.
  • Einführung von Sanktionen bei Verletzung von Verfahrensvorschriften, wie beispielsweise einer nicht fristgemäßen Entscheidung in Hinblick auf Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Krankenkassen müssen binnen drei, bei Einschaltung des medizinischen Dienstes innerhalb von fünf Wochen über einen Leistungsantrag entscheiden. Bei vertragszahnärztlichen Anträgen hat die Krankenkasse innerhalb von sechs Wochen zu entscheiden, der Gutachter nimmt innerhalb von vier Wochen Stellung. Erfolgt keine Mitteilung eines hinreichenden Grundes für eine Fristüberschreitung, so gilt die Leistung nach Ablauf der Frist als genehmigt.

Recht auf ärztliche Zweitmeinung

Im Zuge der Weiterentwicklung der gesetzlichen Regelungen zu den Patientenrechten wurde mit dem Inkrafttreten des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes (GKV - VSG) im Juli 2015 auch ein Anspruch auf eine ärztliche Zweitmeinung gesetzlich verankert. Somit haben GKV-Versicherte nun die Möglichkeit, vor bestimmten planbaren Eingriffen - auf Kosten ihrer Krankenkasse - einen weiteren Arzt zu konsultieren. Die dafür notwendigen Verfahrensregeln hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) festgelegt. 

Dabei umfasst die Zweitmeinung die Durchsicht der vorliegenden Befunde des behandelnden Arztes, ein Anamnesegespräch sowie körperliche Untersuchungen, sofern diese für die Abgabe der Zweimeinung erforderlich sind.

Weitere Informationen

Gesetz zur Verbesserung der Rechte 
von Patientinnen und Patienten
(Patientenrechtegesetz, PRG)

Kommentar zum PRG in der
Zeitschrift Gesundheitsrecht
von Prof. Dr. Martin Rehborn, Dortmund
(PDF-Datei - 362 KB)

Infoblatt Patientenrechte
des Bundesministeriums für Justiz
(PDF-Datei - 166 KB)

Informiert und selbstbestimmt 
Ratgeber für Patientenrechte 
der Bundesregierung
(PDF-Datei - 1.7 MB​​​​​​​)

Patientenrechte – Ärztepflichten
Broschüre der BAGP-PatientInnenstellen
(PDF-Datei - 1 MB​​​​​​​​​​​​​​)

Patientenrechte
Informationsangebote des
Bundesgesundheitsministeriums

Richtlinie zum Zweitmeinungsverfahren
(zm-RL) des gemeinsamen Bundesausschusses
 


1 Wilm S, Knauf A, Peters T, Bahrs O.: Wann unterbricht der Hausarzt seine Patienten zu Beginn der Konsultation? Z Allg Med. (und Zitate darin), 2004.

Weitere Quellen: Pressemeldungen und Informationen des Bundesministeriums für Gesundheit zum Patientenrechtegesetz sowie der Leitfaden „Der Nächste, bitte!“ des Portals www.washabeich.de Online unter https://washabich.de/arztbesuch Zuletzt eingesehen am 12. Oktober 2018 und das Ärzteblatt vom 13. November 2017: Konsultationen beim Hausarzt oft kürzer als 5 Minuten. Online unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/83432/Konsultation-beim-Hausarzt-oft-kuerzer-als-fuenf-Minute. Zuletzt eingesehen am 07. Oktober 2018.

Eingestellt von: T. Heckmann
Letzte Aktualisierung: 18. Oktober 2018

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.