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HNO-Heilkunde

Mit welchen Erkrankungen beschäftigt sich die HNO-Heilkunde?

Die HNO-Heilkunde oder auch Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ist ein eigenes medizinisches Fachgebiet. Es beschäftigt sich mit der Vorsorge, Diagnostik, Behandlung, Nachsorge und der Rehabilitation von Erkrankungen und Funktionsstörungen im Bereich der Nase, der Nebenhöhlen der Nase, von Ohren, Mundhöhle und Rachen sowie des Kehlkopfes.1

Welche Schäden im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde sind als Conterganschäden ggf. anzuerkennen?

Entsprechend der Richtlinie für die Gewährung von Leistungen wegen Conterganschadensfällen zählen die folgenden Köperschäden zu den HNO-Schäden:2 

-    Fehlen der äußeren Ohren oder Rudimente, die keine zusammenhängende Muschel bilden (einseitig/doppelseitig),
-    Entstellende Deformierung der Ohrmuschel bei Größe unter 2/3 der Norm (einseitig/doppelseitig),
-    Lippen - Kiefer - Gaumenspalte,
-    Gaumenspalte mit Sprachbehinderung, 
-    Taubheit oder Hörverlust (in verschiedenen Ausprägungen),
-    Schwerhörigkeit,
-    Gehörgangenge (einseitig/zweiseitig),
-    auffallende Dysplasie oder Nasenspitze (Flachnase) und die
-    fehlende Anlage oder Fehlbildung des Gleichgewichtsorgans (einseitig/zweiseitig).

Was haben bisherige Studien zur Conterganschädigung über Beeinträchtigungen in diesem Bereich festgestellt?

K.M. Peters et al.: Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf von contergangeschädigten Menschen aus Nordrhein-Westfalen in der Langzeitperspektive. Studie im Auftrag des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen (2014)

Im Forschungsbericht von Prof. Peters und seinen Kollegen wurden 202 contergangeschädigte Menschen (56,9% weiblich; Altersspanne 48-54 Jahre; Zweifachschädigung 80,5%, Vierfachschädigung 9,0%, keine Dysmelien 10,5%) systematisch befragt und untersucht. Dies umfasste eine komplette fachorthopädische Untersuchung, ein strukturiertes Interview zur Diagnose psychischer Erkrankungen, strukturierte Fragebögen zur Erfassung der Lebensqualität und der Schmerzsymptomatik sowie - bei Bedarf - auch ergänzende Diagnostik (Neurologie, Röntgen, Sonografie). Damit wurden rund 25% aller in Nordrhein-Westfalen lebenden Contergangeschädigten erfasst. Bei den "nicht-skelettalen Fehlbildungen" sind dabei folgende Untersuchungsergebnisse für den Bereich HNO aufgeführt:

Von 202 untersuchten Betroffenen waren bei 16,8% Ohrmuscheldefekte, bei  30,7% eine Gehörgangsenge sowie bei 25,2% der Teilnehmer eine Flachnase diagnostiziert. Darüber hinaus fanden sich bei 33 Teilnehmern (TN, 16,3%)  an der Studie eine Gehörlosigkeit (18,6% der männlichen und 14,9% der weiblichen TN). Bei den Betroffenen ohne Dysmelien (n=21) waren 13 TN gehörlos (61,9%), die anderen Teilnehmer waren schwerhörig. Im Gegensatz dazu betrug der Anteil der Gehörlosen der Gruppe der Zweifachgeschädigten (n=161) insgesamt 11,2% und der Anteil der Schwerhörigen 16,1%. Bei Vierfachgeschädigten (n=20) sind jeweils 10,0% gehörlos bzw. schwerhörig.3

Übersicht zu den Ursprungsschäden der Sinnesorgane bei Thalidomid-Embryopathie (n=202)4

 

Schädigung Fallzahl Prozent
Gehörlosigkeit 33 16,3
Schwerhörigkeit 36 17,8
Ohrmuscheldefekt 34 16,8
Gehörgangsenge 62 30,7
Flachnase 51 25,2
Gaumenspalte 1 0,5

 

      
Laut Prof. Peters fanden sich in der 2014 durchgeführten Studie Veränderungen im Gesichtsbereich häufiger ohne begleitende Extremitäten-Fehlbildungen. Die einzige Ausnahme hierbei bildete die Flachnase.

Veränderungen im Gesichtsbereich in Abhängigkeit von einer Extremitäten-Fehlbildung mit Prozentangaben relativ zum jeweiligen Schädigungsmuster5

Schädigung

keine Dysmelie
(n=21)
Zweifachschädigung
(n=161)
Verfachschädigung 
(n=20)
Ohrmuscheldefekt 19 (90,5%) 13 (8,1%) 2 (10,0%)
Schwerhörigkeit 8 (38,1%) 26 (16,1%) 2 (10,0%)
Gehörlosigkeit 13 (61,9%) 18 (11,2%) 2 (10,0%)
Flachnase 2 (9,5%) 39 (24,2%) 10 (50,0%)

 

     
Diese Ergebnisse wurden von den Studienautoren mit den Erkenntnissen der Marquardt-Studie (Erhebung von Ursprungsschäden mit 2.540 Contergangeschädigten aus dem Jahre 1991)6 und der Kruse-Studie von 2012 verglichen. In der 1991 durchgeführten Erhebung von Marquardt wurden Ohrmuscheldefekte mit 26,6% etwas häufiger angegeben. Dafür wäre der Anteil der Gehörlosen in der Peters-Studie etwas höher (10,3% versus 16,3%). Schwerhörigkeit wurde bei Marquardt bei 24,7% der Teilnehmer festgestellt. In der Peters-Studie bei 17,8%. In diesem Zusammenhang verwiesen die Studienautoren auch auf den merklich höheren Anteil an Flachnasen in der Peters-Studie (1,7% versus 25,2%). In der Heidelberger Contergan-Studie (2012) war der Anteil der Gehörlosen mit 5,4% deutlich geringer als in den Studien von Peters et al. und Marquardt.7 

A. Kruse et al.: Contergan. Wiederholt durchzuführende Befragung zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefiziten von contergangeschädigten Menschen. Endbericht an die Conterganstiftung für behinderte Menschen (2012)

Die Untersuchung von Professor Kruse und seiner Kollegen vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg zur aktuellen Lebenssituation und zum zukünftigen Versorgungsbedarf von Contergangeschädigten umfasste eine Fragebogenerhebung (n= 870 TN), biografische Interviews (n= 285 TN) und 23 themenzentrierte Fokusgruppen (n= 112 TN) sowie eine Befragung der behandelnden Ärzte (n= 62 TN). Auf der Basis der dabei gesammelten Erkenntnisse trafen die Studienautoren differenzierte Aussagen zur aktuellen körperlichen, psychischen und sozialen Situation contergangeschädigter Menschen.

Dabei beschäftigten sich die Wissenschaftler vor allem auch mit den Folgen der durch Contergan bedingten Schäden für das Leben der Betroffenen. Die dabei konstatierten Beeinträchtigungen der kommunikativen Fähigkeiten waren fast ausschließlich auf die Personen mit Schädigungen im Kopfbereich und der Sinnesorgane (z. B. der Ohren) beschränkt.8 Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler im Bereich Depression und Conterganschädigung fest, dass bei der von ihr definierten Schwerpunktgruppe mit Schädigungen im Kopfbereich, zu denen sie auch Hörbeeinträchtigungen zählten, "es häufig zu Problemen bei sozialen Kontakten und ... damit verbundenen Vorurteilen oder "Andersbehandlungen" durch die Mitmenschen" kommen würde.9 Diese Problematik gehört zwar nicht direkt zu den Schädigungen welche von der HNO-Heilkunde behandelt werden. Fortschritte in der Behandlung der HNO-Schädigungen können in der Folge so jedoch auch positive Auswirkungen auf den Bereich der sozialen Beziehungen Contergangeschädigter haben.

Aktuelle Behandlungsansätze im Bereich der HNO-Heilkunde

Zusammen mit Experten aus dem Bereich der HNO-Heilkunde werden wir Ihnen hier zeitnah aktuelle Therapieansätze und Erfahrungen aus der klinischen Praxis präsentieren. Sollten Sie vorab schon Fragen zum Bereich der HNO-Heilkunde oder konkrete Wünsche zu den zukünftig vorgestellten Therapieansätzen haben, so senden Sie uns einfach eine kurze E-Mail unter info@contergan-infoportal.de zu. 

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Weitere Informationen

Studie zu Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf von contergangeschädigten Menschen aus Nordrhein-Westfalen in der Langzeitperspektive - PDF, 8.43 MB

Contergan. Wiederholt durchzuführende Befragung zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefiziten von contergangeschädigten Menschen. Endbericht an die Conterganstiftung für behinderte Menschen


Quellen:

  1. Vgl. hierzu DocCheck Flexicon. Das Medizinlexikon der Online-Community für medizinische Fachberufe. Zuletzt eingesehen am 09.12.2017.
  2. Conterganstiftung: Anlage 2 - Richtlinie zu den Richtlinien für die Gewährung von Leistungen wegen Conterganschadensfällen. Medizinische Punktetabelle. 
  3. K.M. Peters et al.: Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf von contergange-schädigten Menschen aus Nordrhein-Westfalen in der Langzeitperspektive. Studie im Auftrag des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Köln 2014, S. 62 f.
  4. Ebenda, S. 63.
  5. K.M. Peters et al.: Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf von contergangeschädigten Menschen aus Nordrhein-Westfalen in der Langzeitperspektive. Studie im Auftrag des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Köln 2014, S. 66.
  6. Marquardt E: Begutachtung des Conterganschadens und seiner Folgezustände. In: Niethard FU, Marquardt E, Eltze J (Hrsg.) Contergan 30 Jahre danach. Enke Stuttgart, 1994.
  7. K.M. Peters et al.: Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf von contergangeschädigten Menschen aus Nordrhein-Westfalen in der Langzeitperspektive. Studie im Auftrag des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Köln 2014, S. 64 f.
  8. A. Kruse et al.: Contergan. Wiederholt durchzuführende Befragung zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefizi-ten von contergangeschädigten Menschen. Endbericht an die Conterganstiftung für behinderte Menschen. Heidelberg 2012, S. 144.
  9. Ebenda, S. 156.

Eingestellt von: T. Heckmann
Letzte Änderung: 06. März 2018

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