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Thema des Monats April 2018

05.04.2018

Aktuelle Herausforderungen und Therapieansätze bei der Behandlung contergangeschädigter Menschen im Bereich der Augenheilkunde

© S.W. / pixelio.de
Großaufnahme eines Auges.

Das Thema des Monats April 2018 möchten wir nutzen, um uns gemeinsam mit Experten aus dem Bereich der Augenheilkunde aktuellen Herausforderungen, Therapieansätzen und Erfahrungen aus der klinischen Praxis bei der Betreuung von contergangeschädigten Menschen zu widmen.

Wenn Sie spezifische Fragen haben, die vielleicht auch für andere Nutzer des CIP interessant und hilfreich sein könnten, oder bei Ihnen Interesse an einem speziellen Verfahren besteht, welches wir vorstellen sollen, so würden wir uns über eine kurze E-Mail mit Ihren Wünschen unter info@contergan-infoportal.de freuen.


13.09.2018

Augenheilkunde und Contergan

Ein Gespräch mit Herrn Prof. Dr. med. Anselm G. M. Jünemann

Im Endbericht der Befragung zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefiziten von contergangeschädigten Menschen, welche die Universität Heidelberg 2012 durchführte, trafen die Studienautoren auch Aussagen zur körperlichen und medizinischen Situation contergangeschädigter Menschen. Dabei wurden in Bezug auf die Schädigungen der Augen in den Befragungen insbesondere folgende Sehschädigungen festgestellt:

  • Augenmissbildungen und Refraktionsanomalien, 
  • Lähmungen der Augenmuskeln (z. B. räumliches Sehen nicht möglich), 
  • ein Strabismus (Schielen, z. B. Entstehung von Schwindel bei Fixierung von Gegenständen) oder auch
  • ein nicht vollständiger Lidschluss (z. B. Schmerzen wegen Austrocknung des Auges).

Vor diesem Hintergrund haben wir mit Prof. Dr. med. Anselm G. M. Jünemann von der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde der Universitätsmedizin Rostock gesprochen und ihn zum Thema „Augenheilkunde und Contergan“ befragt.

CIP: Herr Prof. Jünemann, welche Herausforderungen für contergangeschädigte Menschen sehen Sie im Bereich der Augenheilkunde? Wie werden sich diese mit dem zunehmenden Alter der Betroffenen weiter entwickeln?

Prof. Jünemann: Bei contergangeschädigten Menschen können wir im Bereich der Augenheilkunde vor allem Strabismus (d. h. Schielen, insbesondere horizontales Schielen), eine Parese (Lähmung) der Augenmuskeln und Refraktionssyndrome (in der Regel nur in einem Auge) beobachten. Dabei treten diese Erkrankungen nicht nur bei Contergangeschädigten auf. Bei ihnen ist jedoch eine Häufung solcher Augenprobleme zu beobachten. Folgen solcher Schädigungen sind eine Schwachsichtigkeit der Augen oder auch Probleme mit dem räumlichen Sehen. Die Beeinträchtigung der Sehfähigkeit kann dabei sowohl einseitig als auch in beiden Augen auftreten und dabei in jedem Auge auch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. In der Folge eines solchen Ungleichgewichtes kann es deshalb auch dazu kommen, dass der Körper das Auge mit dem schlechteren Bild einfach „abschaltet“. Weitere, komplexere Fehlbildungen im Bereich der Augen können zu kleine Augen bzw. Augenkörper oder auch eine Augenspaltbildung sein. Das Vorhandensein solcher Schädigungen lässt für sich alleine noch nicht auf eine bestehende Conterganschädigung schließen. Etwa 6% der ansonsten gesund zur Welt kommenden Kinder haben Probleme mit dem Schielen bzw. weisen andere, oben bereits aufgeführte, Beeinträchtigungen der Sehfähigkeit auf. Wenn dann jedoch auch noch andere mit Contergan assoziierte Schädigungen des Körpers (z. B. eine Faszialisparese) hinzukommen, spricht bei den auftretenden Augenproblemen vieles für eine Conterganschädigung. Dabei gibt es aber auch mit Contergan assoziierte Schädigungen der Augen, wie z. B. die Krokodilstränen beim Essen (überschießende Tränen), die bereits seit der Kindheit vorhanden sind und den Betroffenen oder ihren Angehörigen anfangs jedoch nicht so sehr aufgefallen sind.

Natürlich ist auch das Auge mit zunehmendem Alter Veränderungen unterworfen, welche die Sehkraft beeinträchtigen. Diese Veränderungen, wie z. B. der „Graue Star“ oder der „Grüne Star“,  sind jedoch nicht contergan- sondern altersbedingt. Nach den uns bisher vorliegenden Erkenntnissen treten diese Augenerkrankungen bei Betroffenen auch nicht auffallend häufiger auf, als in der Gesamtbevölkerung in Deutschland.

Anders als bei den Knochen in der Orthopädie oder auch den Fragestellungen der inneren Medizin (wo z. B. ein intensiver Gebrauch zu zusätzlichen Beeinträchtigungen führt, Anm. d. Red.), werden Augen, die an Schwachsichtigkeit leiden oder anderweitig sehbeeinträchtigt sind, durch dauerhaftes Sehen nicht zusätzlich beeinträchtigt. 

Die Augen von Contergangeschädigten leiden jedoch – wie die Augen von allen anderen Menschen auch – an den Problemen des Alters. So haben wir mit zunehmendem Alter auch immer trockenere Augen. Der Tränenfilm hat eine schlechtere Qualität und die Drüsen sind nicht mehr so gut gepflegt. In der Folge tränen unsere Augen, sie können vermehrt jucken und kratzen. Häufig ist dann aus medizinischer Sicht eine Applikation von Augentropfen notwendig. Dies kann – je nach Schädigungsmuster – für contergangeschädigte Menschen aufgrund ihrer angeborenen Fehlbildungen der Gliedmaßen schwierig sein. Teilweise ist die Gabe der Augentropfen deshalb nicht alleine umsetzbar. Dann sind Betroffene auf Hilfe von Angehörigen oder Pflegekräften angewiesen. Ergänzend zu den Augentropfen können hier auch feuchtwarme Kompressen und Lidmassagen angewendet werden, die zusätzliche Linderung verschaffen.

Bei Augenerkrankungen wie z. B. dem grünen Star (Glaukom) wird in den letzten Jahren sehr viel häufiger und sehr viel früher operiert oder auch zum Laser gegriffen. Aktuell gewinnen neue medikamentöse Darreichungsformen mit in das Auge eingebrachten Medikamentendepots an Bedeutung. Dies ist auch aus Sicht der Contergangeschädigten von großem Interesse, da neue Medikamente oft keine kontinuierliche Tropfengabe in das betroffene Auge mehr erfordern. Aufgrund ihrer Depotfunktion reicht es möglicherweise aus, wenn Medikamente dann nur einmal pro Jahr appliziert werden.

Neue Probleme können jedoch entstehen, wenn ein Contergangeschädigter, der z. B. auf einem Auge conterganbedingt schwachsichtig ist und sich beim Sehen vor allem auf sein zweites, gesundes Auge stützt, ein (altersbedingtes) Problem an diesem gesunden Auge bekommt. Das hat dann schon eine sehr große Relevanz und kann leider zu einer merklichen Einschränkung der Lebensqualität und Selbständigkeit bei den Betroffenen führen.

CIP: Welche Besonderheiten gilt es bei der Augenheilkunde in Bezug auf contergangeschädigte Menschen zu beachten? Unterscheiden sich ihre Therapieansätze von den sonst angewandten Therapien?

Prof. Jünemann: Die ophtalmologischen Therapieansätze sind nicht conterganspezifisch. Häufige Behandlungsansätze sind das Abdecken des betroffenen Auges oder eine operative Korrektur des Schielens. Bei komplexen Fehlbildungen des Auges sind die Therapieoptionen und der Handlungsspielraum jedoch leider manchmal sehr begrenzt. Hier muss sich der Arzt immer den jeweiligen Einzelfall ansehen. Oft ist ein chirurgisches Vorgehen hilfreich. In einer nicht geringen Anzahl der Fälle sind die Therapieoptionen jedoch aus medizinischer Sicht häufig begrenzt. Dabei verschlechtert sich der Ausgangszustand jedoch nicht, die Schädigung bleibt einfach so, wie sie ist.

CIP: Welche Erfahrungen haben Sie in der klinischen Praxis mit der Betreuung contergan-geschädigter Menschen gemacht?

Prof. Jünemann: Contergangeschädigte werden von mir normalerweise nicht klinisch behandelt. Vereinzelt kommen natürlich durch Contergan geschädigte Patienten auch in unserem Klinikum vor, die dann auch von mir betreut werden. Mein Schwerpunkt ist die Beurteilung von Conterganschäden aufgrund schriftlicher Unterlagen. Hier gab es zuletzt vermehrt Anfragen zu den Krokodilstränen. Diese entwickeln sich jedoch nicht ad hoc neu, sie sollten eigentlich schon seit der Kindheit vorhanden sein, auch wenn dies bisher vielleicht nicht so aufgefallen ist. Hier kann es sich im Einzelfall um eine zusätzliche Conterganschädigung handeln, die nach einem Revisionsantrag bei der Conterganstiftung auch in den Punkten berücksichtigt werden kann. Natürlich würde ich hier in Rostock gerne auch eine eigene Contergan-Sprechstunde anbieten. Aktuell habe ich aber leider keine freien Kapazitäten und auch nicht das notwendige Personal für ein solches Angebot im Rahmen der Rostocker Universitätsmedizin.

CIP: Worauf sollten Betroffene in Bezug auf Augenprobleme besonders achten?

Prof. Jünemann: Prinzipiell gilt: Sollten Betroffene bisher noch nie bei einem Augenarzt gewesen sein, so wird es nun Zeit. Sie sollten hingehen und sich untersuchen lassen, aber nicht wegen ihrer Conterganschädigung, sondern aufgrund ihres Alters. Alle Menschen sollten sich ab 40 regelmäßig an den Augen untersuchen lassen, um altersbedingte Schäden frühzeitig zu erkennen und behandeln zu lassen. Oft beginnen solche Schädigungen schleichend und wir bemerken zu Beginn die entstehenden Probleme noch nicht, da wir keine gravierenden Verschlechterungen unserer Sehkraft bemerken. Wenn wir eine gravierende Verschlechterung aber bereits selbst bemerken, ist das Augenproblem oft schon sehr weit fortgeschritten. Auch hier gilt deshalb das Motto der Früherkennung in der Medizin: Je früher erkannt, desto besser für die Therapie und den Behandlungserfolg.

CIP: An wen sollten sich Betroffene bei Augenproblemen wenden? Gibt es Ihnen bekannte Experten, die Erfahrungen mit der Behandlung bzw. Betreuung von Augenproblemen bei Contergangeschädigten haben?

Prof. Jünemann: Contergangeschädigte Menschen sollten sich bei massiven Augenproblemen an einen Experten wenden. Gute Ansprechpartner sind zum Beispiel die Opthalmologen in städtischen Kliniken, in Universitätskliniken oder in den Praxen mit einem Schwerpunkt auf Strabologie. Spezifische Ansprechpartner habe ich leider nicht. In diesem Zusammenhang möchte ich aber noch einmal darauf verweisen, wie wichtig es ist, dass jeder Mensch seine Augen ab 40 auch von einem Augenarzt regelmäßig untersuchen lässt. Dies gilt auch, wenn man akut kein spezielles Augenproblem oder keine Verschlechterung verspürt. Für diese Präventionsuntersuchungen können sie sich an jeden zugelassenen Augenarzt in ihrer Region wenden. 

CIP: Wo könnten sich jüngere Ärzte zum Thema Contergan und Augenheilkunde informieren?

Prof. Jünemann: Aktuell gibt es meines Wissens nach keinerlei CME-Angebote für den Bereich der Augenheilkunde bei Contergangeschädigten. Dies wäre ein wichtiges Projekt für die Zukunft. Vereinzelt gibt es noch (vor allem ältere) Studien zu solchen Augenleiden aus Schweden. Hier gibt es – wie auch in anderen Bereichen der Medizin – leider immer noch weiße Flecken in Bezug auf die Bewahrung und Weitergabe conterganspezifischen Fachwissens. Wünschenswert wären hier sicherlich umfassende Übersichtsarbeiten. Neben der nicht immer ausreichenden Erfahrung mit Conterganschädigungen bzw. der begrenzten Fallzahlen für Studien scheitern solche Ansätze oft auch an der verfügbaren freien Zeit der Ärzte, die für die Erstellung solcher Arbeiten notwendig wäre.

CIP: Vielen Dank für das Gespräch!


Eingestellt von: T. Heckmann
Letzte Aktualisierung: 13. September 2018

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