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Schmerzbehandlung in der manuellen Therapie

14.09.2018

Gespräch mit Jenny Schiller, Physiotherapeutin in Bad Sooden-Allendorf

Jenny Schiller. © Privat.
Porträtfoto unserer Gesprächspartnerin Jenny Schiller.

CIP: Frau Schiller, was sind klassische Schmerzmuster, mit denen Contergangeschädigte zu Ihnen kommen?

Jenny Schiller: Das ist sehr unterschiedlich. Ich hatte jetzt gerade eine Patientin ohne Arme und nur mit Fingeransätzen an den Schultern. Sie hatte hauptsächlich Beschwerden im Schulter- und Nackenbereich. In ihrem Alltag muss sie – um z. B. die Brille aufzuziehen – ihren Kopf sehr weit beugen. Dabei geht sie in die Hocke und stützt sich mit den Knien die Finger ab, um die Brille aufzuziehen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Schmerzen in Schulter und Nacken sind schon sehr häufig ein ausgeprägtes Beschwerdebild, welches unsere contergangeschädigten Patienten mitbringen. Dazu kommt nun erschwerend hinzu, dass unsere Contergan-Patienten alle in einem Alter sind, so Mitte 50, wo ganz typisch auch mal eine Bandscheibe zwickt. Das haben leider viele irgendwann in dem Alter. Aber die vielen Ausweichbewegungen, welche Contergangeschädigte machen müssen, fordern jetzt einfach ihren Tribut. Bandscheiben, Rückenschmerzen, Probleme am unteren Rücken ... die Problembereiche und Schmerzen sind breit gefächert. Contergangeschädigte haben dann auch häufig – durch ihre vielen bzw. großen Ausweichbewegungen – eine Übermobilität in der Hüfte und eine sehr, sehr bewegliche Wirbelsäule, da sie viel mit Seitenneigung, Beugen und Wiederaufrichtung machen müssen. Hier müssen wir als Physiotherapeuten stabilisieren und auch Muskelaufbau betreiben, um die Betroffenen wieder mehr ins Gleichgewicht zu bringen. Also klassische Altersthemen der Orthopädie und die dazu vermehrt auftretenden Folgeschäden aus Überbeanspruchung, die zur Primärschädigung hinzukommen.  Alles in Allem ist das schon ein sehr komplexes Thema.

CIP: Mit welchen Übungen oder Therapieansätzen versuchen Sie hier Linderung zu schaffen und auf die Herausforderungen therapeutisch zu reagieren?

Jenny Schiller: Es kommt immer darauf an, was der Patient mitbringt. Vor Beginn der Therapie definieren wir zusammen das Hauptproblem. Was stört den Contergangeschädigten am meisten? Oder, was schränkt ihn im Alltag am meisten ein. Dazu gibt es ja das ICF-Modell, wo auf der Strukturebene geschaut wird, welches Gelenk oder welche Muskulatur vielleicht die vorliegenden Schmerzen verursachen oder welche Bänder überdehnt sind. Dann wird aber auch zusammen geschaut, was das im Alltag konkret für den Betroffenen bedeutet, welche Einschränkungen dadurch verursacht werden und wie es den Menschen in der Partizipation, in der Teilhabe an den alltäglichen Dingen, behindert. Danach gilt es zu entscheiden, mit welchen Therapieansätzen wir hier eine Erleichterung für den Alltag der Betroffenen erreichen können. Dabei ist es auch wichtig zu sehen, was im Vordergrund steht, die Bewegungsbeeinträchtigung oder der Schmerz. Ist der Contergangeschädigte hauptsächlich durch den Schmerz beeinträchtigt, dann richtet sich die Dosierung meiner Gelenktechniken natürlich auf eine Schmerzlinderung. Das können sie sich wie so ein Baukastensystem vorstellen. Dann suche ich mir z. B. eine kleine Amplitude und gehe nur wenig in diesen Widerstand hinein, um den Schmerz bzw. das Schmerzempfinden herab zu setzen. Wenn aber ein Betroffener zu mir kommt und sagt `Ich fühle mich hier so steif, und ich komme da nicht weiter in meine Beugung´, dann schaue ich zum Beispiel, wo finde ich in der Wirbelsäule festere Strukturen und wo ist der Widerstand, an dem wir arbeiten können, um den Betroffenen in diesem Segment mobiler zu machen. Also die Zielsetzung richtet sich immer nach der Problematik, die der Mensch mitbringt. Deshalb steht am Anfang einer solchen Behandlung immer erst einmal das Gespräch und die Diagnostik: Was bringt der Mensch mit? In welcher Verfassung ist er zurzeit? Welche Problematik stört ihn am meisten? Daraus ergibt sich dann die weitere Vorgehensweise.

CIP: Und wenn Schmerz das Hauptproblem ist?

Jenny Schiller: Dann nutze ich erst einmal eine schmerzlindernde Technik. Das wäre dann eine kleine Intensität und eine kleine Amplitude (Ausmaß der Einwirkung, Anm. d. Red.), die ich an den Gelenkpartnern ausübe. Das kann z. B. eine Weichteiltechnik (Muskel- und Bindegewebsmassagen, Anm. d. Red.) sein, die ist immer sehr beliebt. Auch Wärme, also z. B. eine heiße Rolle, lieben unsere Patienten, weil sich ihre Muskulatur dadurch erst einmal lockert. Das wird von den Betroffenen bereits als wohltuend und auch schon schmerzlindernd empfunden. Zusätzlich schafft es Vertrauen zum Therapeuten. Das ist ganz wichtig. Denn man muss auch loslassen können und sich dem Therapeuten einfach anvertrauen, der einen behandelt und Hand anlegt. Nach dem erfolgreichen Einstieg durch die oben genannten vorbereitenden Maßnahmen können wir weiter machen. Dann gilt es z. B. festzustellen, wie sind die Knochen gegeneinander verschiebbar, die einzelnen Wirbelkörper und so weiter.

CIP: Nach der entspannenden Rolle kommen dann also die größeren „Geschütze“.

Jenny Schiller: (Lacht) Andere ... nicht größere. Dann wird konkret geschaut, welche Bewegungen können wir mittels unserer Gelenktechniken positiv beeinflussen. Die manuelle Therapie bezieht sich ja immer auf Gelenkpartner, die gegeneinander mobilisiert werden. Und je nach Grad der Intensität beeinflusse ich entweder mehr den Schmerz oder mehr eine Beweglichkeit, eine Steifigkeit, die ich manuell auflösen kann. Dabei kann die Intensität je nach Problem gesteigert werden. Das reicht bis zu einer ganz hohen Intensität bei der Manipulation der Gelenke, die landläufig auch als Einrenken beschrieben wird.

 

CIP: Sie sprachen davon, dass manche Anwendungen bzw. Therapien beliebter sind. Es gibt also so etwas wie Favoriten bei den Betroffenen?

Jenny Schiller: Was immer gut ankommt sind passive Maßnahmen, eine Wärmeanwendung oder auch das Bearbeiten der Muskeln im Sinne einer klassischen Massage oder auch eine Querdehnung. Eine punktuelle Querdehnung, das ist schon bisschen unangenehmer, aber manche Betroffene mögen auch das, weil man genau spürt, dass es einem schnell eine Erleichterung bringt. Aber das ist ja nicht alles in der manuellen Therapie. Wir müssen versuchen, den Menschen wieder in eine Symmetrie zu bringen und ihn auch zu aktivieren. Dazu zählt vor allem auch die Muskulatur, die er nicht kontinuierlich in die Bewegungen in seinem Alltag einbaut. Und hier wird es dann eben auch anstrengend für unsere Patienten. Aber auch das müssen wir ihnen schmackhaft machen, damit sie sich mit Eigenübungen gut an diesen Anstrengungen beteiligen. Dafür haben wir auch unsere Gruppen. In der Gruppentherapie können wir als Therapeuten den Betroffenen auch gut Anleitungen für Eigenübungen geben. Das müssen wir nicht nur in den Einzelübungen machen. Es ist wichtig, dass die Betroffenen immer etwas an die Hand bekommen, was sie auch alleine zu Hause sinnvoll machen können. Immer mit dem Ziel sich ökonomischer und für ihren Körper schonender zu bewegen, besser aufzustehen etc.

CIP: Denn der Erfolg der Reha hält nicht ewig, oder?

Jenny Schiller: Nein, das ist ein stetiges Arbeiten. Die Linderung hält oft nur für einen bestimmten Zeitraum an. Wie lange richtet sich nach den individuellen Beschwerdemustern. Deshalb kommen manche Patienten auch immer wieder zu uns. Es ist ja so, die Grundproblematik können wir nicht wegnehmen. Sie bleibt erhalten. Es ist deshalb ein stetiges Arbeiten an Symptomen und muskulären Dysbalancen, die da sind und die man auch nicht wegtherapieren kann. Da müssen unsere Patienten auch nach der Reha am Ball bleiben. Aber das machen unsere Patienten ja auch. Sie haben auch zu Hause ihre Behandlungssitzungen, wo sie gemeinsam mit den Therapeuten vor Ort kontinuierlich an den Problemen arbeiten.

CIP: Wo liegt der besondere Vorteil der stationären Rehabilitation?

Jenny Schiller: Eine Reha ist eine umfassendere und intensivere Form der Behandlung. Die Betroffenen kommen meist 3 - 4 Wochen zu uns und haben jeden Tag Anwendungen, intensive Einzelkrankengymnastik und Gruppenbehandlung im Wasser und an Land, gegebenenfalls Anwendungen mit Strom, Massagen, Infrarot-Anwendungen, Lymphdrainagen ... und die Ergotherapie rundet das kompakte Programm ab. Zuhause ist man dann wieder in seinem Alltag. Die Betroffenen gehen einmal oder zweimal die Woche zur Krankengymnastik und haben da in der Praxis oft nur 20 Minuten, und dann sind sie schon wieder draußen. In einer Reha ist die Intensität einfach größer und wir haben die Chance, z. B. Schmerzmechanismen einfach einmal wirksam zu unterbrechen und es zu schaffen, überhaupt wieder in eine ökonomische Bewegung zu kommen und das eigene Körpergefühl zu schulen. Das geht nicht in 20 Minuten. Hier in der Reha kann ich mit meinen Patienten intensiv arbeiten. So können wir gemeinsam herausfinden, wo sich der Betroffene zu wenig bewegt und wo vielleicht auch zu viel und hier gezielte Lösungen identifizieren, anwenden und einüben. Das kann eine Reha gut leisten. Sie ist einfach ein intensiveres Gesamtpaket, um dann wieder in den Alltag zu gehen und zu sagen, da arbeite ich weiter dran und diese sinnvollen Hinweise versuche ich für mich weiter zu beherzigen. Ich glaube es ist ein stetiger Prozess der Veränderungen und Anpassungen. Man lernt ja mit- und voneinander. Zu den Primärschäden kommen ja nun die Folgeschäden und Alterserscheinungen oder der normale Verschleiß, den jeder Körper miterlebt über die Jahre. Das macht es nicht leichter für unsere Patienten.

CIP: Ist es dabei nicht schwierig, ein lange eingeübtes Verhalten, welches den Betroffenen im Alltag geholfen hat, ihren Weg zu gehen, einfach komplett verändern zu müssen? Und das auch noch konsequent beizubehalten?

Jenny Schiller: Es sind ja meist keine großen Veränderungen, die wir zeigen. Manchmal auch nur kleine Kniffe. Ich denke, das können die Betroffenen schon ganz gut umsetzen. So wird sich z. B. ein Contergangeschädigter, der nur ganz kurze Arme hat, nicht so rückengerecht bücken können, wie jemand der alle Extremitäten vollständig hat. Hier zeigen wir ihnen Alternativen und empfehlen den Betroffenen vor allem auch naheliegende Dinge. So sollen sie dann zum Beispiel daran denken, beim Einkauf mehrere kleine Portionen zu transportieren, z. B. aus dem Kofferraum ins Haus. Sie sollen nicht zu viele und zu schwere Sachen heben und tragen. Das sind ganz alltägliche, kleine Sachen, die in der Summe aber einen großen Einfluss haben. Und die kann man schon üben. Es ist aber immer ein Weg und geht auch manchmal nicht von heute auf morgen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und es fällt uns oft schwer, Änderungen anzunehmen, aber in kleinen Schritten wird das von den Betroffenen schon akzeptiert und auch als hilfreich empfunden.

CIP: Gibt es Übungen, die Sie den Patienten mit nach Hause geben?

Jenny Schiller: Natürlich. Wir erarbeiten verschiedene Übungen in der Einzelkrankengymnastik. Dazu haben wir zum Teil auch Ausdrucke, die wir den Betroffenen mitgeben, wobei die sich leider meistens immer noch auf einen vollständigen Körper beziehen. Ich mache es dann gerne so, dass wir das zusammen soweit einüben, dass es der Patient spürt, wenn die Übung richtig gemacht wird und wir dies dann in der Wiederholung einfach weiter „einschleifen“ und üben. Manchmal gebe ich meinen Patienten auch selbst gemalte Strichmännchen mit, als eine Art Gedächtnisstütze zum Thema „Wie wollte ich das eigentlich machen in meiner Übung?“. Für die Übungen zuhause sind auch aufblasbare Sitzkissen hilfreich. Die sehen wie eine runde Scheibe aus. Da ist Luft drin und wenn man sich darauf setzt, ist man eigentlich ständig gefordert, seine Position ein bisschen auszugleichen, weil sich die Luft im Kissen hin und her bewegt. Damit können Betroffene ganz prima im aktiven Sitz üben, die tiefe Haltemuskulatur am Rücken und an der Wirbelsäule zu aktivieren. Das geschieht, ohne dass man ständig denkt „Oh, ich muss jetzt üben“. Stattdessen übt man es einfach beim Sitzen und integriert es so in seinen Alltag. Wichtig ist die Konsequenz und die Kontinuität beim Üben, denn wir Menschen handeln oft erst, wenn es zwickt und hören dann schnell wieder auf, wenn es nicht mehr zwickt.

CIP: Haben Sie aufgrund Ihrer Erfahrung einige praktische Tipps, die Betroffene beherzigen sollten?

Jenny Schiller: Was wir häufig sehen bei unseren Patienten, nicht nur contergangeschädigten Menschen, sind Optimierungsmöglichkeiten beim Stehen. Wenn jemand steht, dann steht er meist mit durchgedrückten Knien und hängt seinen Oberkörper so ein wenig in die Hüfte nach hinten. Und da weisen wir immer wieder darauf hin: Wenn sie stehen, dann achten sie bitte auf einen guten Bodenkontakt mit ihrer Fußsohle und dass die Knie leicht gebeugt sind. Dann richtet sich der restliche Körper in der Aktivität fast schon von selbst auf. Dann können auch die Schultern locker lassen und wieder hängen. Aber wenn ich auf einem durchgedrückten Knie stehe, entsteht eine große Belastung auf den Knorpeln und auf den Bändern. Mein Becken schiebt sich nach vorne und mein Kopf – weil ich ja noch etwas sehen will – rutscht nach vorn. Es ist nichts mehr im Lot. Ich hänge wirklich in den Bändern und Knorpelstrukturen drin, was meinen Gelenken gar nicht gut tut. Es ist natürlich für den Moment auch mal bequem und kräfteschonend, aber geht sehr auf die Gelenkstrukturen. Also, wenn ich mit meinem Körper pfleglich umgehen will, dann stehe ich in einer flexiblen Position mit leicht gebeugten Knien und etwa hüftbreit auseinander stehenden Beinen. Eine physiologisch optimale Grundhaltung beim Stehen beugt auch Rückenschmerzen vor. Zusätzlich befinde ich mich dann in einer Position, in der ich auch immer wieder auf mein Umfeld reagieren kann, z. B. wenn mal einer kommt und mich anrempelt. Mit durchgedrückten Knie kann ich darauf nicht mehr adäquat reagieren. Das sehen wir häufig. Und ich gebe meinen Patienten gerne auch den folgenden Tipp: Wenn sie stehen, z. B. an Küchenarbeitsflächen, an Verkehrsampeln oder egal wo, dann sollen sie sich einfach mal vorstellen, sie haben ein gutes Lied im Ohr. Nur innerlich vorstellen, dass müssen andere gar nicht von außen so sehen. Aber wenn man gut drauf ist und ein schönes Lied im Ohr hat, das einem gut gefällt, dann schwingt man ja innerlich so ein bisschen mit. Und dabei hat man dann auch kein durchgedrücktes Gelenk. Ganz automatisch. Können Sie gerne einmal probieren. Es wirkt!

CIP: Nun sind ja einige Contergangeschädigte auf einen Rollstuhl angewiesen.

Jenny Schiller: Das geht auch im Rollstuhl. Wobei, für die Betroffenen, die im Rollstuhl sitzen, da gibt es leider situationsbedingt mehr Passivität, z. B. durch die Rückenlehne, Pelotten und zusätzliche Mobilitätseinschränkungen. Aber auch da ist es natürlich wichtig, in das Sitzen im Rollstuhl so viele Varianten wie möglich hinein zu bringen. Sich immer mal wieder von der Rückenlehne zu lösen, auch mal ein anderes Kissen in den Rollstuhl hineinlegen und einfach zu schauen, dass man dem Körper Varianten anbietet. Aber ja, es ist definitiv schwieriger im Rollstuhl aktiv zu bleiben. Das kann man auch nicht schön reden.

Es gibt aber auch hier Möglichkeiten, z. B. aus dem Sitz heraus den Oberkörper zu aktivieren. Wenn z. B. ein Betroffener nicht gut am Gerät trainieren kann, weil er die Stellung des Ellenbogens oder der Hand nicht hat bzw. einnehmen kann, die es benötigt, dann muss man Varianten finden und dafür sind ja wir als Therapeuten wieder da. Wir können Übungen abwandeln oder auch gegen therapeutische Widerstände arbeiten, wenn wir selbst Hand anlegen. Hier gilt es, im Rahmen der Möglichkeiten, die der Contergangeschädigte mitbringt, ein Programm zu entwickeln, mit dem er sinnvoll gefordert und gefördert werden kann. Was am besten funktioniert, dass muss man dann gemeinsam herausfinden. Auch das ist ein Weg. Dabei muss ich immer auch sehen, inwieweit der Betroffene bereit ist, diesen Weg mit dem Therapeuten zusammen zu gehen und wann es ihm einfach zu viel wird. Es wäre ja schön, wenn ich nur die Hand auflegen müsste und alle Probleme wären gelöst. Deshalb vielleicht auch die Vorliebe mancher Patienten für passive Anwendungen. Aber wenn man langfristig etwas bewirken will oder eine erarbeitete Verbesserung halten will, dann muss man aktiv dran bleiben. Das ist eben so.

Deshalb sollten Betroffene so viel Bewegung wie möglich in ihren Alltag einbauen, auch dann, wenn es ihnen nicht so gut geht. Wir wollen ja die Beweglichkeit erhalten und wenn es mir nicht so gut geht, dann mache ich die Bewegung eben vorsichtig und trage nicht noch 5 Milchtüten dazu. Lieber eine Bewegung häufiger machen und mit einer geringen Belastung, so wie ich das gut kann. Immer in Bewegung bleiben, denn die Erhaltung der Aktivität geht nur, indem man auch aktiv bleibt. Das gilt auch für die Muskulatur. Wir erhalten sie, indem wir sie benutzen, ansonsten geht sie uns nach und nach verloren.

CIP: Worauf müssen Sie bei contergangeschädigten Patienten besonders achten?

Jenny Schiller: Ich habe hier einmal verschiedene Fachbücher mitgebracht. Sämtliche Fachliteratur, die wir so finden, und unsere Unterlagen beziehen sich immer auf vollständige Gelenke. Man geht immer vom gesunden, vollständigen Körper aus und sucht dort nach Einschränkungen innerhalb eines Gelenks, außerhalb in der Nervendehnbarkeit oder auch der Muskeldehnbarkeit. Die große Aufgabe für uns ist es, dann zu schauen, wie diese Lehrbuchmaßgaben auf den betroffenen contergangeschädigten Menschen angewendet werden können, denn er hat ja z. B. keine vollständige Gelenkpfanne an der Schulter.

CIP: Bei einem Gespräch mit Dr. Graf verwies dieser auf den Ansatz „Versuch und Irrtum“ mit dem Sie in den 1980ern versucht hatten, die Behandlung Contergangeschädigter nach vorne zu bringen. Hat eine Therapieidee nicht funktioniert, so wurde sie verworfen. Hat etwas funktioniert, so wurde es weiterentwickelt. Wie es scheint, hat sich da bis heute nicht viel verändert.

Jenny Schiller: Ja, wenn etwas funktioniert, dann macht man weiter. Auch das ist ein Weg, den wir gemeinsam gehen. Zusammen mit dem Patienten zu prüfen, auch von der Intensität her, wie weit können wir z. B. ein Schultergelenk mobilisieren. Wenn einer bis hierhin kommt (zeigt mit ihrem Arm an eine Stelle an der Wange) und möchte sich unbedingt aber auch hinter dem Ohr kratzen können, dann ist es nicht immer der Weg der manuellen Therapie zu sagen, ich mobilisiere das soweit, dass sie hinter das Ohr kommen. Im Einzelfall kann das nämlich auf Kosten einer zusätzlichen Beeinträchtigung dieses unvollständigen Gelenkes gehen. Dann haben wir mit diesen 3 Zentimetern mehr Bewegungsfreiheit nichts gewonnen, denn der Betroffene hat sie mit neuen Schmerzen erkauft. Also das muss man sehr gut abwägen.

Und auch wenn sich an den Lehrbüchern nichts geändert hat. Wir haben durch die längere Zeit, die wir mit contergangeschädigten Patienten gearbeitet haben, viele Erfahrungen gesammelt und wissen nun genauer, was funktioniert bzw. was nicht. Aber – trotz der vielen Jahre – begeben wir uns in jedem Jahr auch immer wieder auf Neuland, z. B. durch die Kombination von Primärschäden, Folgeschäden und Altersverschleißerscheinungen. Hier müssen wir immer wieder schauen, wie kann man mit dem, was man weiß, in der neuen Situation weiter kommen. Aber das ist nun mal ein Herantasten, wie weit können wir gehen, was verträgt der Mensch, welche Intensität kann ich geben bei diesem Gelenk und wie ist die Antwort des Körpers darauf.

CIP: Welche Techniken wenden Sie dabei an?

Jenny Schiller: Was wir in der manuellen Therapie nutzen sind insbesondere

  • Weichteiltechniken (Muskel- und Bindegewebsmassagen),
  • Wärmeanwendungen, z. B. heiße Rolle um die Muskulatur erstmal zu lockern,
  • Infrarotkabinen (Wärme und Lockerung),
  • Kryo-Therapie (Kaltlufttherapie, z. B. bei Narben, ist für gerade Operierte sehr wohltuend und hilft bei gereizten Gewebezuständen)
  • Zwei- und Vierzellenbad (Stromanwendungen),
  • Kinesiotape/Taping oder auch
  • Gruppentherapien an Land und im Wasser.

Die manuelle Therapie umfasst hauptsächlich

  • Gelenktechniken, um Schmerz zu lindern und Beweglichkeit zu verbessern,
  • Muskeltechniken, um ein erlangtes Bewegungsausmaß zu stabilisieren, sowie die
  • Nervenmobilisation.

Dabei ist die Nerven-Mobilisation abhängig davon, ob ein Nerv gereizt ist oder nicht. Mobilisieren kann ich einen Nerv eigentlich nur, wenn er nicht in einem äußerst gereizten Zustand ist. Sonst kann ich nur ganz sacht – da geht es halt auch wieder nach der  Intensität – in ganz geringem Maße versuchen, eine Bewegung hinein zu bringen und den Stoffwechsel im System anzuregen.

Generell versuchen wir zu ergründen, wo kommt der Schmerz her? Ist er intraartikulär (innerhalb eines Gelenkes, Anm. d. Red.) oder extraartikulär (außerhalb eines Gelenkes, Anm. d. Red.)? Ist es ein Gelenkschmerz, ein Weichteilschmerz oder ein Nervenschmerz? Je nach Diagnose wird dann gehandelt. Aber wenn ich zum Beispiel eine ganz gereizte Schulter habe, die schon im ersten Drittel des Anhebens des Arms äußerst schmerzhaft ist, dann hat die Frage der Beweglichkeit erst einmal nur zweite Priorität. Da gehen wir erstmal mit einer ganz sachten Gelenktechnik ran, mit einer kleinen Amplitude und einer geringen Intensität. Eine Mini-Gelenkmobilisierung ist dann oft der erste Schritt, um den Schmerz zu lindern. Und erst wenn mir das gelingt, dann kann ich ein bisschen weitergehen und prüfen, ob das in einer höheren Position der Armhebung auch funktioniert. Alles eine Frage der Dosierung. Mit einer ganz geringen Intensität und einer kleinen Amplitude anfangen und dann schauen, ob ich diesen Zustand im Gelenk stabilisieren kann, um es belastbarer zu machen. Und erst wenn der Schmerz nicht mehr im Vordergrund steht, dann kann man anfangen, aktiv mit dem Arm zu arbeiten. Denn gegen seinen Schmerz arbeitet niemand gerne. Das ist eine ganz natürliche Hemmschwelle. Deshalb gehört zur manuellen Therapie auch ein ausgeprägtes Wissen der Therapeuten über Wundheilungsmechanismen und Schmerzmechanismen dazu. Ich muss einschätzen können, wie viel ich dem Gelenk zumuten kann. Danach richtet sich die weitere Behandlungsintensität.

Und das ist umso wichtiger bei contergangeschädigten Patienten, weil ihre Gelenkstrukturen nicht so sind, wie wir sie von ansonsten „gesunden“ Patienten oder aus dem Lehrbuch kennen. Darauf müssen wir einfach unsere Behandlungstechniken anpassen und im Einzelfall unser Vorgehen im Gesamtkontext abwägen. Wenn jemand sagt, ich komme problemlos bis seitlich hier an meinen Kopf und das macht mir gar nichts, aber ich möchte unbedingt bis dahinten kommen, dann können wir das in einer Probebehandlung gerne mal testen. Aber es kann dann auch schnell passieren, dass wir am nächsten oder übernächsten Tag schon sagen müssen, das lassen wir lieber. Denn jetzt hat es schon beim normalen Hochheben weh getan und das normale Erhalten der vorhandenen Bewegungsfähigkeit der Betroffenen ist uns viel wichtiger, als zwei Zentimeter weiter nach hinten zu kommen. Da wäre der Preis, den man zahlen müsste, vor allem mit neuen Schmerzen, viel zu hoch.

CIP: Sie sprachen vorhin davon, dass Sie ihren Patienten manchmal Strichzeichnungen mitgeben würden, als Gedächtnisstütze für die Übungen zuhause. Wie müssen wir uns das konkret vorstellen?

Jenny Schiller: Die Zeichnungen sind eigentlich sehr simpel. Das sind nur einfache Strichmännchen die ich nutze, da es keine speziellen Blätter zu Übungen für contergangeschädigte Menschen gibt. Hier einmal ein Beispiel (Ziffern durch Redaktion ergänzt):

Zeichnung von Jenny Schiller zur Übungs-Visualisierung.
Strichmännchen-Zecinung eines Betroffenen mit kurzen Armen, auf einem Stuhl sitzend, zur Verdeutlichung der Übung zum Aufstehen.

Wenn ich einem Betroffenen mit kurzen Armen im Rahmen einer Übung zeigen möchte, wie er aus dem Sitz zum Stand kommt, dann nehmen wir in einem ersten Schritt die Arme nach vorne. Sein nächster Schritt wäre es dann, aus dem Sitz heraus den Oberkörper vor und zurück zu neigen in einem schönen geraden Lot. Da ist immer der Auftrag an den Betroffenen, das eigene Kinn runter zu nehmen. Da mache ich hier so einen Pfeil (1), dann weiß er, Kinn runter. Dann soll er in dieser Rumpfaufrichtung und mit der verlängerten Wirbelsäule seinen Oberkörper vor und zurück nehmen (2). Damit hat er schon einmal seine Rückenmuskeln schön aktiviert. Wenn das gut klappt, kann ich das noch kombinieren mit einer Oberkörperdrehung (3). Dann kann ich ihn bitten, wenn die Sitzgelegenheit hoch genug ist, noch einen Fuß nach hinten zu nehmen und einen Fuß etwas nach vorn (4). Seine Arme sind ja in dem Fall nicht so lang ... aber wenn er sie gut einsetzen möchte, kann er sie auch noch hoch und runter nehmen. Der Betroffene hat dann auch noch eine Stabilisation von der Wirbelsäule her. Denn, in dem Moment wo ich Körperteile aktiv mobilisieren bzw. bewegen lasse, sind andere Bereiche gefordert zu stabilisieren. Und dann geben wir ihm zum Beispiel noch als konkrete Aufgabe, aus dieser Position, dieser Schrittposition, aufzustehen. Das ist viel leichter, als wenn ich meine Füße parallel stehen habe. Da habe ich mehr diese Hebel- und Schaukelbewegung. Um die Schwierigkeit der Übung noch etwas zu steigern, können Betroffene auch wieder dieses aufblasbare Sitzkissen auf den Hocker legen und sich dann darauf setzen. Durch die instabilere Unterlage sind sie wieder gefordert ständig auszugleichen. Das fordert die Betroffenen durch die anhaltende Haltungskorrektur zusätzlich. Das sind so kleine Hilfsmittel. Die kosten nicht viel, nehmen nicht viel Platz weg, sind aber sehr effektiv.

Oder, wir hatten zuletzt auch eine schwerstbetroffene Frau ohne Beine und Arme. Mit der haben wir viel Rumpfarbeit gemacht und diesen „Schinkengang“ geübt. Da sitzt man erst einmal so aufrecht da (zeigt es auf der Liege). Dann haben wir mit ihr geübt, die Rumpfaufrichtung zu halten und das Gewicht zu verlagern, so dass sie zumindest auf dem Fußboden in der Lage ist, sich weiter fortzubewegen und sich umzudrehen. Ich habe jetzt hier noch meine Fersen als Stütze. Für die Betroffene aber ist das schwere Arbeit. Ohne stützende Fersen ist man auch viel schneller geneigt umzukippen, weil die Hebel fehlen. Also, da ist ganz viel Rumpfarbeit nötig. Das würde wieder mehr über therapeutischen Widerstand z. B. am Schulterblatt laufen (demonstriert es eine Zeitlang an mir). Da merkt man schon, das war ja jetzt nur eine Minute, wenn man das über einen längeren Zeitraum macht, das summiert sich eben ... zeitliche und räumliche Summation nennen wir das ... und strengt an. Der Widerstand in der Muskulatur und damit auch die Rumpfaufrichtung wird dadurch gestärkt. An meiner Zeichnung hierzu würden sie allerdings nicht viel sehen. Deshalb lasse ich das auch.

Für alle Übungen hier und auch zuhause gilt dabei: Wenn ich eine nachhaltige Verbesserung erreichen möchte, dann muss ich aktiv dran bleiben, auch wenn es mir manchmal schwer fällt. Das ist der Preis für eine Schmerzlinderung oder auch eine verbesserte Beweglichkeit.

CIP: Vielen Dank für das Gespräch.


Eingestellt von: T. Heckmann
Letzte Aktualisierung: 14. September 2018

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