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Mach das Beste draus!

22.07.2018

Lesung mit Stefanie Ritzmann

Lesung mit Stefanie Ritzmann im Hospitalhof Stuttgart.
Blick auf das Podium der Lesung mit Stefanie Ritzmann im Hospitalhof Stuttgart.

Am 5. Juli 2018 fand im Hospitalhof Stuttgart eine Lesung mit Stefanie Ritzmann statt. Sie stellte ihr - in diesem Jahr erschienenes - Buch „Weglaufen? Geht nicht!“ vor, in dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Dabei ist das Buch über ihr Leben mit einer Contergan-Schädigung nicht nur eine Biographie, sondern vor allem auch ein Mutmach-Buch ... für Alt und Jung, für Behinderte und Nichtbehinderte. Stefanie Ritzmann kämpfte sich Stück für Stück in ein selbständiges Leben hinein. Das geschah nicht ohne Rückschläge und nicht ohne neue Verletzungen. Aber sie gibt nicht auf. Sie engagiert sich, mischt sich ein, kämpft und triumphiert. Dabei hat sie nie ihren Humor verloren. Und das merkte man auch bei der Lesung in Stuttgart. Moderiert wurde die Veranstaltung von Pfarrerin Monika Renninger, der Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof. Sie stellte auch die erste Frage des Abends: „Wie ist dieses Buch entstanden?“

„Ich wollte schon immer ein Buch schreiben, habe mich aber lange nicht getraut, es selber in die Hand zu nehmen“, berichtete Stefanie Ritzmann. „Dann habe ich ein Frauenporträt von Beate (Rygiert, die Co-Autorin, d. Red.) gelesen und gehofft, vielleicht hilft sie mir. Ich habe sie im Internet gesucht, gefunden und per E-Mail angeschrieben. Sie hat dann innerhalb von 2 Stunden geantwortet. Sie war sehr, sehr schnell ... hat aber nicht gleich ja gesagt. Stattdessen hat sie gefragt, was ich mir da genau vorstelle und ob ich wüsste, was an einem solchen Buchprojekt noch alles hinten dran hängt, z. B. auch finanziell. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich eine Botschaft habe, und die auch gerne weitergeben möchte. Finanziell würde ich das schon hinkriegen. Gezögert hat sie trotzdem noch, und ich weiß auch, dass man ihr davon abgeraten hat, das Buch mit mir zu schreiben. Sie hat dann aber doch zugesagt. Wollen Sie wissen warum? Ihre Mutter hatte auch Contergan-Tabletten auf dem Nachttisch liegen gehabt, hat sie aber nicht genommen. Ihr Vater hatte sie vorher weggeschmissen. Das hat für sie dann den Ausschlag gegeben doch mitzumachen. So sind wir zusammengekommen, und ich hatte das Gefühl, das sollte so sein. Weil alles relativ schnell funktionierte. Wir harmonierten gleich und haben uns gut verstanden.“


Hospitalhof in Stuttgart.
Blick auf die Außenfassade des Hospitalhofes im Zentrum Stuttgarts.
Vor der Lesung.
Gespannte Vorfreude auf die Lesung mit Stefanie Ritzmann im Hospitalhof Stuttgart.
Blick in den Innenhof des Hospitalhofes.
Bäume, Bänke und stimmungsvolles abendliches Licht im Innenhof des Stuttgarter Hospitalhofes.

„Ich hatte außerdem das Glück, dass Beate nur eine Stunde von mir entfernt wohnte. So kam sie dann mehrmals in der Woche zu mir. Und ich hab‘ dann einfach drauflos erzählt“, so Stefanie Ritzmann. „Es war nicht so, dass wir die ganze Zeit chronologisch vorgegangen sind. Wir hüpften bei den Themen schon hin und her. Aber Gott sei Dank hat sie immer auf dem Laptop mitgeschrieben oder unsere Gespräche auch mit dem Diktiergerät mitgeschnitten. So konnten wir das Ganze dann wie bei einem Film zusammenschneiden. Es war dann schon noch einmal ein Aufarbeiten meiner Biographie und eine Auseinandersetzung mit den Menschen, die mich ermutigt haben, aber auch mit den Menschen, die es mir nicht zugetraut haben, ein eigenes Leben zu führen. Ein halbes Jahr haben wir insgesamt dafür gebraucht. Gewidmet habe ich das Buch meiner Oma, die immer für mich da gewesen ist und zu mir gehalten hat. Meine Oma hatte ein Lebensmotto. Das war: `Mach das Beste draus!´. Und das wurde dann auch meins.“

„Ein ganzer Mensch - Wenn man mich als Kind fragte, was ich werden wollte, dann antwortete ich „Hundert!“ Das brachte die einen zum Lachen, die anderen zum Kopfschütteln, und so manchen brachte es in Verlegenheit. So wie meine ganze Existenz viele Menschen in Verlegenheit brachte. Die Ärzte sagten, Kinder wie ich hätten keine hohe Lebenserwartung. Ob wir das Erwachsenenalter erreichen könnten, darüber waren sie sich nicht einig. Hundert werden zu wollen war vor diesem Hintergrund eine Provokation. Und es war der Ausdruck meines unbändigen Lebenswillens.“ [1]

„Mein Vater erzählte mir später, ein Arzt habe ihm damals gesagt: „Ihre Tochter wird nicht lange lebensfähig sein“ Er habe jedoch entgegnet: „Sie wird mich noch überleben.“ Ich wertete dies immer als ein Zeichen, dass er mich in sein Herz geschlossen hatte. Auch wenn es offenbar nicht in Frage kam, das ich das Kinderzimmer , das zuhause ganz sicherlich liebevoll vorbereitet worden war, je beziehen sollte. Für ein Kind wie mich war kein Platz in der Welt meiner Eltern. Rund zwei Wochen nach meiner Geburt brachte man mich in ein Säuglingsheim. „Nach Hause“ kam ich Zeit meines Lebens nur zu Besuch. Es folgten Zeiten, in denen ich mich fragte, warum das so sein musste. Und doch gelangte ich schließlich zu der Erkenntnis, dass es für uns alle das beste war, für mich vielleicht noch mehr als für die Familie.“ [2]

„Ihre Lebensgeschichte fängt ja sehr traurig an“, bemerkte Monika Renninger nach der ersten Lesung aus dem Buch. „Ein bisschen bleibt einem der Atem stocken, wenn Sie erzählen, dass Ihre jungen Eltern gar nicht darauf vorbereitet waren und auch für sich persönlich keine Möglichkeit sahen mit der Situation umzugehen. War das nur in ihrem Fall so, oder kennen Sie weitere Fälle?“

„Also ich kenne nicht so viele mit einer vergleichbaren Lebensgeschichte“, entgegnete Stefanie Ritzmann. „In meinem Umfeld sind die meisten Betroffenen zu Hause aufgewachsen. Aber ich kann an dieser Stelle nur noch einmal sagen, dass das für mich persönlich so zum Vorteil war. Wäre ich zu Hause aufgewachsen, hätte ich das alles in meinem Leben nicht so machen können, und ich hätte bestimmt auch kein Buch geschrieben.“

„Gut, wenn man sagen kann, dass die Lebenswege dann die richtigen waren“, so Pfarrerin Renninger. Bevor die Stimmung jedoch zu traurig wurde, schritt Stefanie Ritzmann in der ihr eigenen pragmatischen Art ein: „Ich werde jetzt einmal etwas Lustiges erzählen. Das Leben ist ja nicht nur ernst. Und da ich eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch bin – ich liebe es zu lachen – möchte ich eine Geschichte über ein Erlebnis mit meinen Geschwistern, erzählen. Die freuten sich immer, wenn ich zu Besuch war, denn da war ‘mal was los. Und, ich war immer nur brav, wenn die Eltern in der Nähe waren ...“

"Ich war von Anfang an ein ziemlicher Wildfang. Streiche spielte ich für mein Leben gern. Meine Geschwister fanden das toll, mit mir gab es immer etwas zu lachen ... Ich war als Kind sehr zart und dünn und passte eigentlich fast überall hindurch. So zum Beispiel auch unter der hölzernen, geschwungenen Armlehne der Küchenbank. Natürlich musste ich meinem Bruder demonstrieren, wie elegant ich mich durch diese kleine Öffnung hindurchschlängeln konnte. Und natürlich musste er es mir auf der Stelle nachmachen. Vielleicht sagte ich auch: „Du schaffst das nie!“ und stachelte ihn damit an. Falls das so war behielt ich leider recht .... Irgendwie gelang es ihm zwar, seinen Kopf durch die Öffnung hindurch zu schieben, doch dann war Schluss ... Mit brennenden Ohren und dunkelrotem Kopf steckte Robert in der Küchenbank fest. Irgendwann kamen die Erwachsenen hinzu. Fett wurde geholt, um Roberts Ohren damit einzuschmieren, in der Hoffnung dass sie dann besser flutschten. Doch da war nichts zu machen. Mein Bruder hatte sich derart verkeilt, dass nur noch eines blieb: Man musste die Armlehne absägen. Mein Bruder weinte bitterlich, während ich mich unsäglich schuldig fühlte. Hätte ich ihm nicht dauernd vorgemacht, wie leicht ich durch dieses Nadelöhr gleiten konnte, wäre das alles nie passiert.  An Schimpftiraden oder Strafen kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, alle waren einfach sehr erleichtert, als Roberts Kopf wieder frei auf seinen Schultern saß und nicht mehr in der Küchenbank feststeckte.“ [3]

„Wie ist das eigentlich mit gesunden Geschwistern aufzuwachsen“, wollte Pfarrerin Renninger im Anschluss an die Geschichte mit der Küchenbank wissen? „Ich bin ja nicht mit Ihnen aufgewachsen, ich war ja nur zu Besuch“, entgegnete Stefanie Ritzmann. „Diese Situation als Besuchskind war normal für uns. Ich habe nichts anderes empfunden. Am Anfang waren wir uns immer etwas fremd. Klar, weil ich lange Zeit nicht da war. Und wir kannten uns nicht wirklich. Das war das Problem. Meine Schwester hat immer versucht mit mir Puppen zu spielen. Aber ich liebte Puppen überhaupt nicht. Ich war lieber mit der Eisenbahn beschäftigt oder mit der Carrera-Bahn meines Bruders. Das war für mich irgendwie spannender. Für meine Geschwister war das eine Abwechslung vom normalen Alltag. Aber sonst ... wir kannten uns halt nicht anders.“ Hierzu ergänzte Stefanie Ritzmann noch, dass sich inzwischen ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Bruder und seiner Familie entwickelt hat und sie darüber sehr glücklich ist!

Dann kam die Sprache auf die Zeit im Kinderheim. Wie es Stefanie Ritzmann dort ergangen wäre und welche Erfahrungen sie mit anderen Kindern gemacht hat. Gab es dort Erzieher oder Betreuungspersonen, die es besonders gut gemacht haben oder wie ist ihre Erinnerung heute überhaupt an die Zeit im Heim?

„Das Säuglingsheim ist mir eher weniger in Erinnerung“, begann Stefanie Ritzmann. „Ich habe da nur noch ein wirkliches Bild vor Augen: eine Fensterfront, vor der alle Kinderbetten aufgestellt waren und in denen alle Babys lagen. Das ist meine erste Erinnerung. Eine Schwester hat sich besonders um mich gekümmert. Die wurde später auch so etwas wie eine Ziehmutter für mich. Ihre Mutter hatte dieses Säuglingsheim geführt und geleitet. Und sie war auch diejenige, die mich am meisten gefördert hat. Ich war eigentlich immer lustig drauf und die Kinder haben mich so genommen wie ich war.

Später, in anderen Heimen, in denen ich dann auch in die Schule kam, da gab es dann auch Kinder, die eine Behinderung hatten. Die meisten Kinder hatten jedoch - da es eine Krankenhaus war, in dem ich eingeschult wurde - eher Hüftschäden und andere Probleme. Aber eine Behinderung, da waren nur noch drei weitere Kinder. Und so wurden wir das Kleeblatt, da wir immer zusammen waren. Wir haben uns gut verstanden. Später waren dann auch andere Behinderte dabei, aber wir waren etwas Besonderes. Wir kamen mit allen klar und ich habe immer auch meine Streiche getrieben.

Mobilität, das man sich bewegen kann, wie man will, gehen laufen, rennen, sitzen kann, ohne Hilfsmittel, ist das nicht etwas, was einem ständig auch als Problem wiederbegegnet, auch als erwachsener Mensch. Etwas für das man keine Vorbereitung bekommen hat, wollte Pfarrerin Renninger dann von Stefanie Ritzmann wissen? 

„Ich bin da ja reingewachsen in meine Behinderung ... in mein Leben, ich kenne es ja nicht anders. Ich habe meinen ersten Rollstuhl erst mit 8 oder 9 Jahren bekommen und vorher habe ich mich bewegt, indem ich einfach auf dem Boden herumgerutscht bin. Das konnte ich ganz gut. Mich konnte man auch nicht im Bett behalten. Als dann auch noch der Rollstuhl kam, war ich kaum noch zu sehen, weil ich dann immer irgendwo war. Das hat mir natürlich eine enorme Freiheit gegeben. Das ist schon mal ganz klar. Ich kenne das jetzt nicht anders, als mit dem Rollstuhl. Es gab auch ganz selten eine Zeit, wo ich sagte, schade dass ich nicht laufen kann. Die einzige Zeit war in der Pubertät. Als man anfing auf Partys zu gehen und zu tanzen ... und wo man selbst auch tanzen wollte. Da gab es schon Situationen, in denen ich dachte: `.... oooch mit dem würde ich jetzt gerne mal schwoofen!´ ... aber mit dem Rollstuhl ging das ja nicht so gut.“

„Also ich habe verstanden: Man wächst da so rein, man hält sich für selbstverständlich und empfindet sich nicht mehr als „unnormal“ im Vergleich zu den anderen ... außer bei Partys“, fasste Monika Renninger zusammen.

„Was ist denn normal, mal ganz ehrlich ... “, warf Stefanie Ritzmann daraufhin ein. Wir sind doch alle ganz normal. Wir sehen vielleicht etwas anders aus ... der eine hat eine Brille ... oder der andere hat vielleicht eine etwas komische Frisur. Aber wenn man jemand zum Beispiel mit rosa Haaren rumrennt, ist das heute fast schon gang und gäbe. Da gucke ich aber auch hin, das ist ein Hingucker. Und auch ich bin ein Hingucker. Für Kinder auf jeden Fall. Ein Kind hat mal zu mir gesagt, als mein Fahrer Martin mich einmal an einem Sportplatz aus dem Wagen ausgeladen hat: „Au guck mal, ein halber Mensch.“ Und ich musste so lachen. Das war herrlich. Kinder sind so herrlich ehrlich und unbeschwert. Ich finde das einfach gut.“

„Die Frage, was ist schon normal“, hakte Pfarrerin Renninger ein, „diskutieren sie die auch mit anderen Menschen?“

„Als wir den Behindertenbeirat damals in Karlsruhe gegründet hatten, war uns einfach wichtig, dass der Alltag für alle Menschen in Karlsruhe so normal wie möglich verlaufen soll. Nicht nur für uns Contergangeschädigte, Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte, Sehbehinderte oder Gehörlose ... es gibt ja so viele unterschiedliche Behinderungen. Sondern dass - wenn wir um automatische Türen kämpfen - ja auch Eltern mit Kinderwagen etwas davon haben. „Oder“, so Stefanie Ritzmann weiter, „wenn die Türen per Druckknopf aufgehen, dann sind auch Leute, die voll beladen mit ihren Einkäufen auf dem Arm kommen, froh über diese Annehmlichkeit. Sie können mit dem Ellenbogen nur mal kurz auf den Knopf gehen und die Tür geht auf. Davon haben alle etwas und das ist Normalität. Und davon haben alle etwas. Ich war 10 Jahre Vorsitzende vom Behindertenbeirat in Karlsruhe. Wir waren eine ganz tolle Truppe und haben als Team sehr viel erreicht. Es muss aber immer noch viel getan werden, denn Normalität bzw. ein normaler Alltag ist sehr, sehr schwer zu erreichen.“ 

„Wissen sie“, fährt Stefanie Ritzmann fort, „ich habe einen Traum. Wie schön wäre es, wenn ich morgens aufwache und könnte dann ganz einfach so in die Stadt fahren. Einfach so, ohne jetzt groß einen Fahrdienst zu beantragen. Ich könnte mich ganz normal dahin bewegen, weil alle Straßenbahnen barrierefrei sind und ohne Probleme erreichbar sind, auch zum Ein- und Ausstieg. Dass die Kaufhäuser alle ohne Treppen sind und auch mit automatischen Türen versehen sind, dass all dies eine ganz reale Normalität ist. Das wäre ein Traum von mir.“

Das ist aber immer auch ein Kampf bzw. ein Ausbalancieren oder ein Ausgleich zwischen den Interessen verschiedener Gruppen, denn auch Behinderte haben unterschiedliche Anforderungen. 

„Ja, schon.“ Stefanie Ritzmann präsentierte hierzu ein Beispiel. „In Karlsruhe haben die Blinden gehofft, dass die Bordsteine nicht komplett abgesenkt würden. Es sollte eine gewisse Kante bleiben, damit sie diese mit ihrem Blindenstock ertasten können. Da haben wir uns geeinigt und einen Kompromiss geschaffen. Die Absenkung erfolgt bis auf eine Kante von 2 Zentimetern. Die kann ein Rollstuhlfahrer, wenn er Selbstfahrer und ohne Elektroantrieb unterwegs ist, auch selbst bewältigen. Wir mussten halt Kompromisse eingehen. Auch wir können nicht nur immer an unsere eigene Behinderung denken, sondern müssen auch darüber hinaus sehen. Auch das habe ich in diesem Beirat gelernt, weil halt so viele unterschiedliche Behinderungsarten vertreten waren. Das finde ich im Nachhinein besonders wichtig, dass wir miteinander gehen und nicht gegeneinander.“

Für diese Einstellung, ihr Engagement und ihre Erfolge wurde Stefanie Ritzmann im Jahr 2014 auch ausgezeichnet. Sie erhielt für Ihre Arbeit als Vorsitzende des Behindertenbeirates in Karlsruhe den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg. Den Respekt und die Anerkennung, die in dieser Auszeichnung stecken, hat sie sich hart erarbeitet. Darauf ist sie auch zu Recht stolz. Übermäßigem Mitleid stand sie jedoch Zeit ihres Lebens kritisch gegenüber.

„Du armes Ding", sagte einmal ein wildfremder Mann zu mir, „hast es so schwer. Hier nimm. Kauf dir ein Eis.“ Und damit legte er mir eine Münze auf den Rollstuhl. Dieses eine Mal behielt ich das Geld. `Ja´, dachte ich, `warum auch nicht. Dann kauf ich mir tatsächlich ein Eis.´ Doch es war wie verhext, ganz so, als ob Pech an diesem Almosen geklebt hätte: Ich fuhr mit meiner Draisine (Dreirad, d. Red.) zur Cafeteria und kaufte mir ein Waffeleis. Die Leckerei in der Hand wollte ich vor dem Genuss noch rasch rückwärts einparken, um nicht im Weg zu stehen. Dazu musste ich über eine schwelle fahren, was nur mit Schwung gelang. Doch dieses Mal hatte ich zu viel davon. Und der Rollstuhl kippte mit mir nach hinten um. Ich knallte mit dem Rücken und Hinterkopf hart gegen die steinernen Bodenplatten, so dass ich einen Moment lang keine Luft mehr bekam. Dennoch gelang es mir, die Eistüte tapfer hochhalten, damit dieser ja nichts passierte. Als ich wieder nach Luft schnappen konnte, schälte ich mich mit Müh und Not aus meiner umgestürzten Draisine, stellte mit dem Eis in der Hand, das schon zu tropfen begonnen hatte, das Gefährt wieder auf, stopfte mir mein Eis kurz in den Mund, um beide Hände frei zu haben und wieder zurück in den Rollstuhl krabbeln zu können. Als ich mich endlich völlig erschöpft  zurechtsetzte, um endlich mein Eis zu genießen – da fiel mir doch tatsächlich die Kugel aus der Waffel und platschte auf den Boden. Da konnte ich nicht anders, ich heulte vor Zorn und Frustration. War fix und fertig mit der Welt und wollte auch kein neues Eis. Von da an sagte ich zu Menschen, die mir aus Mitleid Geld geben wollten: „Ich möchte das nicht. Für mich ist finanziell gut gesorgt. Ich brauche Ihr Geld nicht.“ [4]

„Wie geht es Ihnen, wenn andere Ihnen helfen wollen“, erkundigte sich Monika Renninger daraufhin? 

„Früher hat mir das etwas ausgemacht, aber heute ... ich werde älter (lacht) ... da bin ich dankbar dafür, wenn mir jemand hilft und ich nehme die Hilfe an“, berichtet Stefanie Ritzmann. „Ich habe auch akzeptiert, dass das gut für mich ist. Aber nicht immer, weil es auch bedeutet, dass ich manche Bewegungen verlerne, wenn ich sie nicht weiterhin mache. Das ist wichtig für mich ... zu unterscheiden, wann ist Hilfe auch angebracht und wann nicht.“

„Und wie vermitteln sie das den Personen, die guten Willens sind, gerne helfen wollen, aber einfach überhaupt nicht wissen, was jetzt genau richtig ist“ hakte Renninger nach?

„Ich sage dann, dass ich mich erst einmal für die Hilfe bedanke und ich nehme die Hilfe sehr gerne an. ... Wenn ich sie annehme. Und wenn nicht, dann sage ich: Bitte seien sie mir nicht böse, aber ich muss dieses jetzt alleine mache, weil ich sonst manche Fähigkeiten einfach verlerne und nicht mehr kann. Ich nehme sonst gerne Hilfe an. Also ich bin nicht so wie manch andere Betroffene, die sagen `Nee, auf keinen Fall, das kann ich schon alleine.´ .... die so ruppig sind. Das mache ich nicht.“

Hilfe anzunehmen ist doch manchmal auch eine Kunst, die man lernen muss, vor allem auch mit dem Älterwerden, wird Stefanie Ritzmann dann gefragt. Das gehöre dazu. Wir wären ja alle irgendwann einmal darauf angewiesen, dass uns jemand hilft.

Aber Stefanie Ritzmann nimmt nicht nur Hilfe an, sondern kann anderen Menschen auch selbst helfen. So hat sie eine Freundin, die an Muskeldystrophie leidet. Wenn sie zusammen im Café sind, gibt es häufig zum Kaffee auch kleine Päckchen mit Keksen. Diese bekommt ihre Freundin leider nicht mehr auf. Und dann sagt sie, komm ich helfe dir, denn diese Päckchen kriegt sie immer noch auf. Es sei wichtig auch Situationen zu finden, wo man selbst anderen helfen kann und nicht immer nur Hilfe annehmen muss. Das wäre auch eine Art der Ermutigung, wenn sie Hilfe auch weitergeben kann. 

Dazu meldet sich dann auch Co-Autorin Beate Rygiert zu Wort: „Ich kann Marmeladen-Gläser sehr schwer aufmachen. Meine Handgelenke sind ziemlich schwach, und das hat sie sich gemerkt. Wir haben ja viel Zeit miteinander verbracht. Und dann hat sie mir ein schönes Plastikteil besorgt, mit dem man Gläser unter Vakuum gut aufmachen kann.“ Es hätte im Laufe der bisherigen Zusammenarbeit schon ein paar solcher Situationen gewesen. Sie merkt sich Herausforderungen, vor denen andere stehen, und sucht nach einer Lösung. Das wäre auch praktische Hilfe. Aufmerksam sein, sich in jemanden hineinversetzen, sich Probleme zu merken und dann die Lösung zu besorgen. „Das habe ich sehr geschätzt“, so Beate Rygiert. „Und das ist typisch für Stefanie, so aufmerksam zu sein.“

"Als unser letztes Schuljahr begann, führten unsere Lehrer mit uns Schülern Gespräche über die Frage, wie es nach unserem Hauptschulabschluss weitergehen könnte und welche Ausbildungsmöglichkeiten wir hätten. „Was möchtest Du machen, Steffi, wenn du mit der Schule fertig bist?“, fragte Herr Schirmer, mein Klassenlehrer. „Ich möchte eine Ausbildung machen“, antwortete ich. Für mich lag das auf der Hand. Es ging um meine Zukunft. Ich wusste: Bliebe ich hier im Heim, würden die Wünsche, die ich für mein Leben hegte, nicht in Erfüllung gehen. Ich war siebzehn Jahre alt, und mir war klar: Wenn ich jemals ein selbstbestimmtes Leben führen wollte, dann brauchte ich Arbeit, und das war nur möglich, wenn ich eine Berufsausbildung hatte. Meine Pläne gingen eigentlich noch viel weiter: Ich wollte einmal heiraten und Kinder haben, trotz meiner Behinderung." [5]

„Es gibt in Hannover ein Internat“, erzählte mir Herr Schirmer, „wo du eine Zeitlang verschiedene Berufe ausprobieren kannst. Danach kannst du dann da lernen, was dir am meisten zusagt und womit du am besten zurechtkommst.“ ... „Es geht darum“, erklärte mir Frau Schirmer behutsam, „dir alle Wege aufzuzeigen, die dir offenstehen. ... Und dafür ist das Annastift in Hannover genau richtig.“ Ich schluckte. Und doch wollte ich in Friedehorst auf keinen Fall für immer bleiben. Ich hatte das Gefühl, in einen tiefen Sumpf zu fallen, wenn ich es nicht schaffte, irgendwann hier herauszukommen. Das Annastift erschien mir der beste Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Meine Lehrer und Betreuer fanden das ebenfalls. Keiner von uns hatte allerdings mit der `Reaktion meines Vaters gerechnet. „Das kommt überhaupt nicht in Frage“, sagte er, „Stefanie wird niemals eine Anstellung finden, dazu ist ihre Behinderung zu schwer. Warum ihr dann Hoffnung machen? Wozu eine Ausbildung, wenn sie nirgendwohin führen wird?“ Das traf mich in meiner tiefsten Seele." [6]

„Stefanie wird in Friedehorst bleiben“, sagte er, so als wäre ich ein Möbelstück, über dessen Verbleib er nach Belieben verfügen konnte. „Hier hat sie sich eingelebt, und meine Frau und ich sind der Meinung, dass sie hier bestens versorgt wird.“ Wie geht man damit um, wenn der eigene Vater einen aufgibt? In einem Alter, wo andere junge Menschen erstmal durchstarten, sollte mein Schicksal besiegelt sein? Ich wollte das alles nicht hören, möglichst wenig davon wissen. Glücklicherweise war es meine Lehrerschaft im Verbund mit der Psychologin, die den Kampf gegen meinen Vater für mich aufnahm, und das, obwohl alle Beteiligten längst erfahren mussten, wie schwierig es war, mit ihm zu reden. „Wir werden dir helfen“, versprach Herr Schirmer. „Auch wenn dein Vater wahrlich eine harte Nuss ist.“ [7]

„Eine Ausbildung machen, Arbeit finden ... ein schwieriges Thema für Menschen mit Behinderung. War das damals vielleicht noch etwas schwieriger, als es heute ist? Welche Ausbildung haben Sie denn dann gemacht“, fragte Pfarrerin Renninger?

„Ich habe Bürokauffrau gelernt, im Anna-Stift in Hannover. Ich hatte 3 Monate erst einmal verschiedene Berufe, die dort vorgestellt wurden, ausprobiert. Dann noch einmal ein ganzes Jahr, um die Zeit zu überbrücken, bis ein Ausbildungsplatz im Anna-Stift als Bürokauffrau frei war. Dort gab es eine Übungsfirma und anhand dieser Übungsfirma habe ich dann Bürokauffrau gelernt. „

Stefanie Ritzmann hatte sich durchgesetzt, aber einfacher wurde es danach auch nicht.

„Es war sehr hart. Das war auch eine Zeit, in der ich keinen Kontakt mehr mit meinem Vater hatte. Nur noch über einen Rechtsanwalt. Ich hatte keine Erfahrung, wie man eine solche Korrespondenz führt, über den Rechtsanwalt. Mein Vater war hart, ich war hart. Meine Oma hat immer versucht zu vermitteln. Uns wieder zusammen zu führen. Aber ich habe ihr gesagt: `Nein, diesmal muss ich auch hart bleiben´. Auch wenn es mir sehr, sehr schwer fiel. Ich habe unter der Situation sehr gelitten. Habe schlimme Magenschmerzen bekommen und mehrere Magengeschwüre. Das war nicht so einfach. Aber ich habe es geschafft!“

„Und wo haben Sie danach gearbeitet ... im Anna-Stift“, wollte Monika Renninger wissen?

„Mein Vater sollte erst einmal Recht behalten. Ich habe lange keinen Arbeitsplatz gefunden. Ich habe dann in Hannover auch meinen Ehemann kennen gelernt. Ich habe geheiratet. Also meine Träume sind schon in Erfüllung gegangen. Aber, Gott sei Dank haben wir keine Kinder gehabt. Was ich aber erst heute sagen kann. Er kam aus Karlsruhe und dadurch bin ich nach Karlsruhe gekommen. Da waren wir lange arbeitslos. Ich war damals 8 Jahre arbeitslos und hatte schon die Befürchtung, dass mein Vater ganz Recht behalten sollte ... war auch in ein tiefes Loch gefallen, natürlich. Mein Ex-Mann - wir sind inzwischen geschieden - hatte dann Arbeit gefunden und ich war alleine zu Hause. Das war eine sehr schwere Zeit. Aber ich bekam dann dank eines Bürgermeisters einen Arbeitsplatz bei der Stadt Karlsruhe, erzählte Stefanie Ritzmann.

„Die Leistungsfähigkeit von Menschen mit einer Behinderung, egal welcher Art, ist ja vermutlich oft eingeschränkter, z. B. aufgrund der körperlichen Anstrengung, die man aufbringen muss. Ist man da mehr unter Druck, da man nicht so viel bringt wie die Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung“, fragte Pfarrerin Renninger?

„Ich glaube schon. Als ich den Arbeitsplatz bekam war es auch so. Ich habe immer mehr Leistung gebracht oder meinte immer mehr Leistung bringen zu müssen. Auch, um aus meiner Sicht mitzuhalten. Ich hatte am Anfang wirklich Schwierigkeiten da rein zu kommen, auch im Kreis der Mitarbeiter und Kolleginnen. Es war nicht so einfach, aber mit meinem Humor habe ich das eigentlich immer ganz gut geschafft. Es gab eine Kollegin, die hat gleich gesagt: `Nö, der helfe ich nicht´. Die war sehr direkt. Und das mag ich eigentlich, wenn man sehr direkt ist. Und mit der Kollegin habe ich mich am Schluss am allerbesten verstanden. Sie hat meinen Humor gemocht. Und damit habe ich sie „geknackt“. Das war gut.“

„Ich stelle mir vor, dass manches jetzt auch durch die Digitalisierung leichter geworden ist“, wirft die Moderatorin ein. „Oder? Gerade im Bürobereich. Ist das nicht auch einer der großen Vorteile der wachsenden Digitalisierung?“

Stefanie Ritzmann überlegt kurz: „Ich war ja dann 13 Jahre als Verwaltungsangestellte bei der sozialen Jugendbehörde der Stadt Karlsruhe angestellt gewesen. Und ich war eine der ersten die einen Computer bekommen hatte. Das war für mich natürlich eine enorme Erleichterung. Ich habe im Schreibbüro gearbeitet und durfte für zwei Mitarbeiter der Stadt Karlsruhe die Briefe tippen. Die Inhalte habe ich über Kopfhörer gehört und habe diese dann in den Computer reingetippt. Dabei musste ich aber einen halben Tag immer die Hände so halten ... Natürlich haben wir auch Pause gehabt, aber ... immer so halten und tippen. Das war für mich schon auch anstrengend, aber ich wollte immer mithalten. Und ich habe dann natürlich sicherlich mehr geschafft und geschrieben, als ich es normalerweise hätte tun sollen oder können. In den letzten 2 Jahren habe ich nur noch unter Schmerzen gearbeitet. Im Schulterbereich. Das war sehr schmerzhaft. Aber ich habe die Arbeit sehr, sehr gerne gemacht.“

„In Ihrem Buch ist ein Foto von ihnen drin, wie sie Auto fahren. Wie ist das“, will Monika Renninger wissen?

„Ich fahre aber schon lange nicht mehr. Aber damals war es ein Stück Freiheit, wenn auch nur begrenzt. Ich bin ein Auto gefahren, das hatte eine spezielle Lenkung gehabt, die Mitte der 80er Jahre in England entwickelt worden war. Wie ein Joy-Stick. Mit diesem Joy-Stick konnte ich dann die Räder nach links bewegen und nach rechts drehen. Die Pedale wurden hoch versetzt, so dass sie meine Höhe erreicht haben, das war alles kein Problem. Dazu eine Automatikschaltung und eine Servolenkung. Der Wagen - ein Opel-Kadett - hatte 90 PS. Das war für mich schon mal ganz gut. Und – eine Besonderheit - ich musste meinen Führerschein auf meinem eigenen Auto machen. Das Auto musste ich deshalb erst einmal kaufen. Danach wurde es umgebaut. Dann durfte ich auf meinem eigenen Auto auch den Führerschein machen. Das war aber in Heidelberg, weil es da eine Fahrschule gab, die sich auf behinderte Menschen spezialisiert hatte, die gerne Auto fahren wollten. Und ich wollte das ganz gerne. Konnte das dann auch erlernen. Habe die Prüfung auch geschafft. Es war auch super, aber durch diese Doppel-Servolenkung des Autos durfte ich höchstens 120 km/h fahren. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich dann auch einmal ausprobieren wollte, ob es nicht höher geht. Ich habe das ausprobiert, auf der Autobahn. Dort habe ich dann in der Spitze 170 km/h erreicht. Das war für mich der Höhepunkt. Das war echt schön (lacht). Fliegen ist ja fast noch schöner, aber das war richtig toll (lacht). Aber, dann habe ich gemerkt, der fängt an zu schlackern. Weil es offensichtlich doch zu schnell war. Dann habe ich aufgehört so schnell zu fahren. Dazu kam ein weiteres Erlebnis mit der Lenkung in einer Kurve. Dort waren Schlaglöcher und dann hat es mich fast aus der Kurve gerissen, weil die Lenkung einfach nicht mehr so griffig war. Ich konnte sie nicht gut halten, das heißt nicht stabil halten. Davon habe ich dann Albträume gekriegt. Menschen flogen mir auf die Windschutzscheibe. Ich habe auf die Bremse gedrückt wie blöde und die flogen und flogen weiterhin auf meine Scheibe. Das war sehr schrecklich und ich habe mir dann gedacht: `Gut, wo stehen wir. Du kannst nicht alleine aus dem Rollstuhl in das Auto steigen und wieder heraus. Die ersten Behinderten-Fahrdienste nahmen in Karlsruhe ihre Arbeit auf. Ok, dann brauche ich das ja nicht mehr´. Ich habe es dann ohne Bedauern aufgegeben. War gut so.“

Wichtig war es aber, es einmal auszuprobieren? „Ja, war es. Ich probiere eigentlich sehr viel aus bzw. ich habe viel ausprobiert. "

„Es war mir immer wichtig zu wissen: Kann ich es, oder kann ich es nicht? Trotz der Behinderung ... ich finde es wichtig und richtig, seine Träume auszuleben, wenn es geht.“ Das geht aber nicht immer alleine, oder?

„Ich habe immer Menschen um mich herum gehabt, die mich mochten so wie ich bin, die ich mochte, wo einfach alles stimmig war und die mir geholfen haben. Sonst wäre ich gar nicht so weit gekommen, wie ich heute bin. Unter anderem meine Oma. Ich kann es immer nur wieder erwähnen: Sie war die einzige, die immer zu mir gehalten hat. Sie war die Mutter meines Vaters. Sie durfte 96 werden. Sie war es auch, die mich gefragt hatte, was ich später einmal werden wollte. Da hatte ich ihr ja gesagt, ich möchte 100 werden. Nachdem sie 90 wurde, hat sie einmal zu mir gesagt: `Steffi, weißt du noch, als ich dich fragte, was du werden wolltest? Du wolltest 100 werden. Ich rate dir davon ab‘ (Schmunzeln im Raum).“

"Epilog - Wie Phoenix aus der Asche

Es war in jener Zeit, als es mir richtig schlecht ging. Meine Ehe war zerbrochen, und ich wusste kaum, wie ich mich aus dem „Sumpf“, wie ich meine schweren Zeiten gerne nenne, wieder herausarbeiten könnte. Ich sah keine Perspektive für mich und zweifelte an mir selbst, vor allem an meiner Kraft. Lieben zu können.“ [8]

Zu dieser Zeit sollte Stefanie Ritzmann auf einer Podiumsdiskussion in Ravensburg zum Thema „Ich bin ein Sieger“ sprechen.

„Noch nie war ich auf den Gedanken gekommen, mich als „Siegertyp“ zu sehen ... Erst als ich nach Ravensburg kam, wurde mir bewusst, dass ich vor rund zweihundert Jugendlichen sprechen würde. Das haute mich damals fast um, noch nie hatte ich vor so vielen Leuten gesprochen. `Wenn ich das heil überstehe“, meinte ich lachend, „dann ist das schon ein Sieg.´ Ich bereitete mich gewissenhaft vor, aber dann sprach ich weitgehend frei. Ich erzählte, wie ich mir nach und nach ein eigenständiges Leben erkämpft hatte, und wie auch heute noch jeder einzelne Tag ein neuer Sieg für mich ist. `Man hat mir so oft gesagt, das schaffst du nie. Wenn ich mich davon hätte beeindrucken lassen, dann säße ich jetzt in einem Heim für Behinderte in Bremen, so wie es mein Vater für mich vorgesehen hatte Stattdessen bin ich berufstätig und wohne allein. Ich habe sogar den Führerschein gemacht und kann Auto fahren. Und das alles, weil ich mich nicht entmutigen ließ.“ [9]

„Es war, als ritte ich auf einer Welle der Begeisterung, meiner eigenen und der meiner Zuhörer. Und das genoss ich sehr ... Ich habe seither viel darüber nachgedacht, was einen Sieger ausmacht. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass ein Sieger niemals bedauernd zurückschaut und sich nicht mit dem, was hinter im liegt, länger beschäftigt als notwendig. Weder mit seinen Siegen, noch mit seinen Niederlagen. Ein Sieger ist dankbar, so wie ich dankbar bin, dass ich überhaupt das Licht der Welt erblicken durfte. Das Contergan mich nicht im Mutterleib umgebracht hat, dass ich nicht abgetrieben wurde. Damals gab es noch keine pränatale Diagnostik und damit keine Möglichkeiten, vor der Geburt zu erfahren, ob der Fötus behindert ist oder nicht. Und das war, wie ich stark annehme, mein Glück.“ [10]

„Ein Sieg ist auch, das ich überhaupt so alt werden durfte. Meinem Vater sagte man nach meiner Geburt, ich würde vermutlich das fünfzigste Lebensjahr nicht erreichen. Mein Vater war dagegen überzeugt, dass ich ihn überleben würde, und das verstand ich immer so, dass er sich das wünschte, dass es ihm wichtig war. Und tatsächlich ist es ja auch so gekommen.“ [11]

„Und doch scheint für uns Contergangeschädigte das Leben ab einem gewissen Alter tatsächlich zerbrechlicher zu sein als für andere Menschen ... Hundert werden zu wollen, wie es als Kind mein Ziel war, ist vielleicht tatsächlich vermessen – und wie Omi meinte, nicht unbedingt erstrebenswert. Doch ich liebe das Leben, so wie es ist, trotz oder besser gesagt: mit Contergan. Denn ich habe nunmal nur dieses eine Leben, und gemäß Omis Devise versuche ich jeden Tag aufs neue, das Beste daraus zu machen Und das Beste - das ist schon eine ganze Menge.“ [12]

Damit endete die Lesung. Monika Renninger bedankte sich, auch im Namen der Zuhörer, für die ermutigende Botschaft und dafür, dass Stefanie Ritzmann so hartnäckig geblieben ist und zusammen mit Beate Rygiert dieses Buch geschrieben hat. Es wäre tatsächlich ein sehr ermutigendes Buch, weil es nichts beschönigt, nichts verheimlicht und auch nichts unterschlägt, sondern zeigt, was man erreichen kann, wenn man tagtäglich einfach nur versucht das Beste aus seinem Leben zu machen und dabei sich selber und das Leben annimmt, so wie es ist.


Stefanie Ritzmann mit Co-Autorin Beate Rygiert.
Stefanie Ritzmann und Co-Autorin Beate Rygiert lächeln in Stuttgart zusammen in die Kamera.
Stefanie Ritzmann mit Moderatorin Monika Renninger.
Stefanie Ritzmann und die Moderatorin der Lesung, Pfarrerin Monika Renninger, schauen sich nach der Lesung zufrieden an.

Informationen zum Buch

Weglaufen? Geht nicht!
Die Lebensgeschichte einer Frau mit Contergan-Behinderung
Mit einem Vorwort von Carmen Würth
Stefanie Ritzmann, Beate Rygiert
Verlag Klöpfer & Meyer
268 Seiten mit 24 s/w Fotos und 3 s/w Illustrationen,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86351-465-5
[D] 22,- / [A] 22,70
Auch als ebook verfügbar!

Quellen der Zitate der Lesung

Alle Zitate der Lesung entstammen dem Buch „Weglaufen? Geht nicht!“

01 - Seite 11
02 - Seite 13
03 - Seite 28 ff.
04 - Seite 111 f. 
05 - Seite 116
06 - Seite 116 f.
07 - Seite 118
08 - Seite 261
09 - Seite 262
10 - Seite 263 f.
11 - Seite 265
12 - Ebenda.


Eingestellt von: T. Heckmann
Letzte Aktualisierung: 23. Juli 2018

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