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Der Traum vom Boot II

Die Bootsumbauten zur Sicherung der Barrierefreiheit und eine Ausfahrt auf der Donau

Im Herbst 2017 besuchten wir Werner und Rosi Guttenberger in Ihrem Haus in Velburg und unterhielten uns über ihren Traum vom Boot sowie den doch eher kurzen Weg von der „Landratte“ zum „waschechten Binnenschiffer“. Was wir damals nicht besichtigen konnten, war das Boot der beiden und die vielfältigen Anpassungen, die das Paar am Boot hatte vornehmen lassen, um trotz ihrer körperlichen Einschränkungen selbständig auf Flüssen und Seen unterwegs sein zu können. Dies wollten wir im Sommer 2018 nun nachholen. Dazu besuchte CIP die Guttenbergers in Schlögen in Öberösterreich.

Hier, auf der Donau an der Schlögener Schlinge, befindet sich im Sommer der Liegeplatz ihres Bootes und von hier aus starten sie auch zu ihren Fahrten stromauf- und abwärts. Die Schlögener Schlinge ist eine Flussschlinge im oberen Donautal in Oberösterreich, etwa auf halbem Weg zwischen dem bayerischen Passau und dem oberösterreichischen Linz, in einer landschaftlich wunderschönen Gegend.

Nach einer langen und turbulenten Anreise im Ferienverkehr, traf ich am Freitag gegen 20:30 Uhr auf der Freizeitanlage in Schlögen ein. Werner und Rosi Guttenberger warteten schon. Nach dem gemeinsamen Abendessen wurde noch kurz der Plan für den morgigen Tag besprochen und dann verabschiedeten wir uns zur Nachtruhe.

Am Samstag morgen sah die Donau zuerst nicht sehr einladend aus. Überall Nebel und auch die Luft war noch ziemlich kühl.



Das sollte sich aber schnell ändern. Pünktlich um 8:30 Uhr stand ich bei den beiden am Boot und auch das Wetter spielte ab sofort mit. 



Bevor wir dann mit dem Boot auf die Donau fuhren, ließ ich mir die ersten Umbauten noch direkt am Ankerplatz erläutern.

Individuelle Drehkran-Vorrichtung

Das Dach wurde nach hinten verlängert. Das bietet nicht nur zusätzlichen Wetterschutz, sondern auch die Möglichkeit, eine bewegliche kleine Kranvorrichtung zu befestigen, mit der das Boot gut betreten und verlassen werden kann. Hierzu wurde vom Bootsbauer auch noch die beiden (Seiten-)Planken tiefer gelegt, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. Die Kranvorrichtung ist so flexibel konstruiert, dass sie bei Bedarf auch an der anderen Seite (Backbord) angebracht werden kann.




Alternativ kann die Kranvorrichtung, wenn man nicht (mehr) so beweglich ist, auch zum Baden genutzt werden, wie Rosi Guttenberger hier demonstriert.

Zusätzliche Stauflächen und Sichtschutz eingebaut

Eine robuste Metallkonstruktion zieht sich an beiden Seiten des Bootes unter der Decke über die gesamte Länge des Oberdecks und dient dabei als Ablagefläche, z. B. für die Sichtblenden, die abends im Hafen vor neugierigen Blicken durch die transparenten Seitenfenster schützen. Zusätzlich wurden die Scheiben der Kajüten-Tür beklebt, damit nicht jeder von außen gleich alles sieht, was im Boot passiert. Denn, Privatsphäre ist auch auf dem Wasser und im Hafen wichtig.




Die Seiten- und Sichtschutzteile können alle mit Hilfe von Seilen bedient und - durch die am Ende eingelassenen Ringe - einfach in der gewünschten Position befestigt werden.

Unter dem Dach wurde zwischen den Verstrebungen noch ein zusätzliches Netz als Staufläche eingefügt. Theoretisch eine gute Idee, aber in der Praxis eher suboptimal, wie die Guttenbergers anmerkten. Wenn man Dinge in das Netz zur Ablage legt, hängt es sehr schnell durch und stört beim Führen des Bootes, da es aktuell über den Köpfen der beiden Bootsführer gespannt ist. 

Eine Verlegung in den hinteren Teil des Oberdecks sowie eine zusätzliche Straffung des Netzes könnten hier demnächst eine bessere Lösung bieten.



Allwetter-Tauglichkeit sichern

Um der Hitze, die sich im Sommer unter dem Dach staut, nicht schutzlos ausgeliefert zu sein, wurden Schiebfester neu integriert. Darüber hinaus erhielt das Boot eine Standheizung für kältere Tage auf dem Wasser.



Private Bereiche im Unterdeck

Im Unterdeck bzw. dem etwas tiefer gelegten vorderen Teil des Bootes sind ein Doppelbett, verschiedene Staumöglichkeiten und die kleine Badnische mit Waschbecken und WC untergebracht.

Die Badnische wurde dabei gegenüber der Standardversion des Bootes umgebaut und die Anordnung von WC (nach vorne) und Waschtisch (nach hinten) verändert.

Auch hier sind unter der Decke zusätzliche Griff- und Aufhänge-Möglichkeiten geschaffen worden, die im Hafen z. B. zur Unterbringung von Kleidung genutzt werden können.
 



Zusätzlich wurde eine Luke im Bugbereich eingesetzt, damit Werner beim Anlegen im Hafen das Boot trotz seines Handicaps ordentlich vertäuen kann. Um das genau darunter liegende Bett bei solchen Manövern zu schützen ist innen - direkt am Bug - eine aufrollbare Schutzmatte angebracht (siehe Foto unten rechts). 



Das notwendige Top-Licht des Bootes wurde auf dem Dach platziert und nicht auf einem Baum mit Takelage. So passt es auch besser unter das Car-bzw. Boots-Port an Ihrem Haus in Velburg.



Weitere Umbauten an der Variant 606 HT

Neben den Flaschenhaltern, dem Fernglashalter und zusätzlichen Griffen im ganzen Boot haben die Guttenbergers auch 2 Belüfter für die Frontscheiben eingebaut. Bei den ersten Fahrten mit ihrem neuen Boot sind die Frontscheiben oft beschlagen und haben die Sicht getrübt. 

Dadurch wurde nicht nur der Blick auf die Schönheiten der Natur geschmälert, beschlagene Scheiben stellten auch ein Sicherheitsproblem dar. Wenn man nicht weiß, wohin man gerade navigiert, steigt das Risiko einer Kollision mit einem anderen Schiff oder eines Festfahrens im seichten Wasser am Ufer oder auf einer Sandbank. 

Neu in diesem Jahr sind auch noch der Rückspiegel und die Rückfahr-Kamera zur besseren Orientierung auf dem Wasser und beim An- und Ablegen.




Der Stuhl des Bootsführers an Steuerbord ist elektrisch in der Höhe verstellbar. An der Steuerbordseite hat das Paar an der Seitenwand eine zusätzliche Armlehne zum Abstützen anbringen lassen.



Liegt das Boot im Hafen, dann wohnen Werner und Rosi auch auf ihm. Zum Kochen wird der zweite Sitz an Backbord (links) umgeklappt und gibt eine kleine Küche frei, mit der das Paar auch Essen zubereiten kann. 



Mit Hilfe eines Tisches, der in eine Vertiefung am Boden eingesteckt werden kann, wird der hintere Teil des Oberdecks zu einer kleinen Essecke. Um die hintere Bank, unter der sich auch noch Ablageflächen und der Tank befinden, besser handhaben zu können, wurde die Rückbank geteilt. Dies geschah durch die Bootsbau Schubert GmbH in Plate, wo das Boot nach den Wünschen des Paares immer wieder neu auf die individuellen Bedürfnisse und Beeinträchtigungen angepasst wird. Vor der Rückbank steht Werners Allzweckwaffe, seine erhöhte Arbeitsbank (rechtes oberes Bild), die er bei den verschiedensten Tätigkeiten im Boot als Zwischentritt sowie beim „Entern“ seines Sitzes neben Rosi am Steuerpult nutzt.

Der Außenbordmotor ist zum Schutz auf der Oberseite mit Kunststoff-Streifen beklebt, nachdem sich Werner mehrere Male beim Rangieren an dem heißen Motor verbrannt hatte.



Aber dann ging es los und wir starteten zu unserer ersten gemeinsamen Fahrt auf der Donau. Dabei zeigte sich von Anfang an, dass Bootfahren für contergangeschädigte Menschen nicht nur eine schöne Freizeitbeschäftigung darstellt, sondern immer noch – trotz zahlreicher Umbauten - auch mit körperlicher Anstrengung verbunden ist. Nachdem die Rollstühle von Rosi und Werner sicher auf dem Steg abgestellt waren und die Kabel und Batterien zum Schutz vor schlechtem Wetter darunter verschwanden, hieß es Leinen los. Dafür war Werner zuständig.



Rosi manövrierte danach das Boot aus der engen Position am Steg hinaus in den Hafenbereich.



Ein Blick auf die Tankanzeige ermahnte uns jedoch, vor dem Start noch einmal zu Tanken. Zu unserem Glück war der Hafenmeister Franz Ebner, die gute Seele des Yachthafens Schlögen, gerade an der Tankplattform und konnte uns bei der Kraftstoff-Aufnahme helfen. Werner blieb im Boot und ließ sich den Tankschlauch von Franz Ebner reichen, um die beiden Tanks zu befüllen.




Der Tank war voll, die Sonne schien, es war warm und nun stand einem entspannten Tag auf dem Wasser nichts mehr entgegen.




Nachdem es zuerst stromaufwärts Richtung Passau ging, führte uns der Weg später stromabwärts – über das Schlögener Knie hinaus, in Richtung Linz.




Kurz vor dem Ende unserer Bootsfahrt versuchten zwei Ausflugsdampfer in unserer unmittelbaren Umgebung noch einige Wendemanöver, da sie Touristen zum abendlichen „Donauschlinge in Flammen“ zum Yachthafen und den angrenzenden Hotels brachten. Das sorgte kurzzeitig für einige Aufregung im Boot, da auch der größte Fluss nur eine bestimmte Breite hat und an den Ufern immer seichter wird. Auch das Anlegemanöver forderte die kleine Crew wieder. Es klappte jedoch alles beim ersten Mal und ohne Probleme, auch wenn ein Boot in der Zwischenzeit wild ankerte und den Zugang zum Liegeplatz der Guttenbergers erschwerte. Beim Festmachen der Leinen bot Hafenmeister Franz Ebner diesmal schnell und unkompliziert seine Unterstützung an.



Wieder sicher am Steg festgemacht, unterhielten wir uns dann noch über ihre Erfahrungen im Yachthafen und mit den anderen Bootsführern. Sehr oft würden Werner und Rosi von anderen Bootsführern gefragt, ob sie denn von der Küste kämen, da sie das Boot so gut handhaben würden. Sie wären immer sehr überrascht, wenn sie dann die Geschichte der „Landratten“ hören würden, die vor 11 Jahre ihre Liebe zum Boot und zur Seefahrt entdeckt haben. Auch ich musste zugeben, dass ich ziemlich beeindruckt davon war, wie sicher und fast schon spielerisch leicht die beiden, trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigungen, mit dem Boot umgehen und dieses selbständig im Hafen und auf dem Fluss führen. In diesem Zusammenhang wies Werner – nicht ohne Stolz - auch noch darauf hin, dass sie – wenn sie in Schlögen sind - mit ihrem Boot nahezu jeden Tag, bei Wind und Wetter, auf der Donau unterwegs wären. Dies würde sie von einigen Bootseigner unterscheiden, deren Boot zwar im Yachthafen läge, aber nur selten auf der Donau unterwegs wäre. Das hätte ihnen viel Anerkennung und Respekt eingebracht.

Dann stellte mir Werner Guttenberger nun noch ein wichtiges Hilfsmittel vor, welches beim anschließenden kleinen Umtrunk - zur Feier unserer ersten gemeinsamen Ausfahrt - eine wichtige Rolle spielen sollte: der bayerische Allzweckgreifer.



Beobachtungen zur Barrierefreiheit

Der am Donauknie landschaftlich sehr schön gelegene Yachthafen von Schlögen, in dem das Boot des Paares liegt, hält in Bezug auf die Barrierefreiheit für Betroffene – auch aus Sicht von Werner Guttenberger - manchmal noch einige kleine Herausforderungen bereit. 

Der Zugang zu den Hotelzimmern im Haupthaus ist leider nur über eine Treppe möglich und auch der Zugang zum Pool ist für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen schwierig (Einstieg über 2 Metalleitern am Rand). Die Zugänge zu den einzelnen Bereichen der Freizeitanlage und zu den Stegen sind vom Haupthaus alle auch ohne Benutzung einer Treppe zugänglich. Die dabei zu überwindenden Steigungen stellen z.B. für Rollstuhlfahrer ohne ein Zuggerät aber eine ziemliche Herausforderung für die körperliche Fitness der Betroffenen dar. Außerdem sind die Türen, die den Zugang zu den einzelnen Stegen gewähren, für Betroffene teils nur mit etwas Mühe zu öffnen und wieder zu schließen. Aus dem Rollstuhl heraus, insbesondere wenn man Gepäck oder Einkäufe mit transportiert, kann das manchmal schwierig werden. Die Zugänge zum Restaurant und zu den Waschräumen sind jedoch mit kleinen Rampen versehen, um den Zugang auch für Rollstuhlfahrer zu erleichtern.



Aber egal vor welcher Herausforderung man steht, so Rosi und Werner einhellig, hier gibt es immer jemanden, der hilft. Neben dem tollen Hafenmeister Franz Ebner, verweisen Werner und Rosi auf die vielen netten Dauercamper, Bootsführer und Tagesgäste die bei Bedarf gerne helfen und ihre Unterstützung anbieten. Und auch deshalb kommen sie jedes Jahr wieder gerne hier her. Nach den 2 Tagen mit ihnen in Schlögen kann ich sie da sehr gut verstehen.



Weitere Impressionen aus Schlögen



Kontakt

Freizeitanlage Schlögen
Freizeitanlage, Restaurant und Hafen
Mitterberg 3 
A-4083 Sankt Agatha
Österreich

Telefon: +43 7279 8241 
Telefax: +43 7279 8241-22
E-Mail: info@freizeitanlage-schloegen.at

Franz Ebner
Hafenverwalter/Hafenmeister
Yachthafen Schlögen
Mitterberg 3
A-4083 Haibach ob der Donau
Österreich

Telefon: +43 72798722
Mobil: +43 699 11961530
E-Mailinfo@yachthafen-schloegen.at 

Bootsbau Schubert GmbH
Martin Krebs, Geschäftsführer
Büdnerecke 2
D-19086 Plate

Telefon: 03861 2155
Fax: 03861 301254
E-Mail: info@bootsbau-schubert.de 


Eingestellt von: T. Heckmann
Quellen: Besuch bei Werner und Rosi Guttenberger und eigene Recherchen.
Erstellt am: 25. September 2018. Letzte Aktualisierung: 03. Oktober 2018

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