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Leben 4.0

03.08.2017

Digitalisierung - Fluch oder Segen?

© Cristine Lietz / pixelio.de
Schriftzug Digitalisierung auf blauem Hintergrund.

Was haben wir vor?

In den folgenden Wochen möchten wir uns in verschiedenen Artikeln mit Fragen der Digitalisierung und einigen konkreten Beispiele für die Chancen, Risiken, positiven Effekte aber auch Herausforderungen einer zunehmenden Digitalisierung von Hilfsmitteln und Services für das Leben contergangeschädigter Menschen auseinandersetzen. 

Dabei möchten wir neue Ansätze vorstellen, uns mit notwendigen Voraussetzungen für eine sinnvolle Nutzung durch die Betroffenen auseinandersetzen sowie Anregungen für die Nutzung verschiedener, bereits vorhandener neuer Dienstleistungen und Hilfsmittel geben. Aufgrund der umfassenden Bedeutung und des zunehmenden Einflusses der Digitalisierung auf alle Bereiche unseres Lebens können wir hier jedoch immer nur Teilaspekte beleuchten, deren Umfang wir mit der Zeit aber immer weiter ausbauen wollen. 

Wir würden uns deshalb freuen, mit Ihnen über das CIP in einen anhaltenden Austausch zu diesem Thema zu treten. Wie hat die Digitalisierung Ihr Leben verändert? Welche neuen Services helfen Ihnen im täglichen Leben? Wo sehen Sie noch konkreten Handlungsbedarf? Welche Angebote, die Sie überzeugt haben, können Sie anderen Betroffenen empfehlen und wovon würden Sie abraten? Welche Entwicklungen sehen Sie eher skeptisch oder als Fehlentwicklung? Wofür würden Sie gerne konkreten Lösungen aufgezeigt bekommen? Es wäre interessant Ihre Meinung und ihre Sicht auf die Digitalisierung zu erfahren. Deshalb möchten wir Sie einladen, sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen und uns Ihre Meinungen, Hinweise und Tipps zu Fragen der Digitalisierung z. B. in einer E-Mail unter info@contergan-infoportal.de zu senden. Wir freuen uns darauf, werden Ihren Hinweisen gerne nachgehen und Ihre Erfahrungen und Meinungen im CIP dokumentieren. Vielen Dank im Voraus!

„Beam me up, Scotty!“

Die digitale Revolution kam auf leisen Sohlen, schleichend aber unaufhaltsam und mit zunehmendem Tempo. Sie verändert insbesondere auch das Leben und die Teilhabe-Möglichkeiten contergangeschädigter Menschen. Dabei fallen uns die mit dieser tiefgreifenden Revolution verbundenen Auswirkungen bereits nicht mehr oder nicht immer gleich sofort auf. 

Eine contergangeschädigte Frau bei der Tastatureingabe mit Stift an einem Laptop.

Wenn zur besten Sendezeit der Moderator im ZDF darauf verweist, dass weitergehende Informationen zu diesem Thema unter www.zdf.de zu finden sind, ist es toll, da wir uns bei Interesse hier umgehend informieren können und wir auch das Interview, welches nur 20 Sekunden der Sendezeit ausmachte, in seiner kompletten 20-minütigen Version zur Verfügung gestellt bekommen. Aber, bevor wir die zusätzlichen Informationen nutzen können, gilt es für uns auch einige Hürden zu überwinden.

Wir benötigen meist ein zusätzliches Gerät, eine für uns angepasste Steuerung des Gerätes und einen meist kostenpflichtigen Zugang zum Internet. Dann müssen wir darauf hoffen, in einer Stadt oder einer Region zu wohnen, in der die Internet-Verbindungen schon mit entsprechender Geschwindigkeit genutzt werden können, um eine schnelle und „ruckelfreie“ Internet-Nutzung zu ermöglichen. Wenn nun alle technischen Grundlagen gegeben sind, müssen wir dann noch darauf vertrauen, dass die Macher der Sendung bei der Gestaltung der Informationen im Internet die Regeln der Barrierefreiheit beachtet haben, damit wir die von uns gesuchten und von ihnen bereit gestellten Informationen auch ohne Einschränkungen für uns nutzen können. Selbst, wenn öffentliche Angebote hier - auch aufgrund gesetzlicher Anforderungen – schon viel für die Barrierefreiheit im Internet getan haben, ist das Thema Barrierefreiheit für viele private und / oder kommerzielle Angebote immer noch ein Feld mit Verbesserungspotential. 

Auch wenn diese Herausforderungen für den einen oder anderen Leser klein erscheinen mögen, für andere Betroffene bieten sie unüberwindbare Barrieren. Und, bezogen auf die Vielzahl der Bereiche der Internet-Nutzung, sie bergen damit die potentielle Gefahr in sich, dass Menschen vom aktuellen Fortschritt und seinen positiven Effekten, wie auch vom grundsätzlichen gesellschaftlichen Leben abgekoppelt werden. Viele Informationen, wie z. B. Gebrauchsanweisungen, ergänzende Informationen oder Vordrucke und Formulare, werden zunehmend nur noch im Internet angeboten.

Konfigurations-Oberfläche einer Smart-Watch auf einem Tablet-Computer.

Für Menschen mit einer Hörbehinderung bietet das Internet dagegen zusätzliche neue Möglichkeiten und die Verlagerung vieler - bisher am Telefon zu klärender -Fragestellungen in die Welt der Chats und E-Mails eine neue Chance zur individuellen und selbstbestimmten Gestaltung der eigenen Kommunikation, die ihnen das Telefon nicht bieten konnte. Sie stören sich eher daran, dass bestimmte Informationen im Internet nicht verfügbar sind (z. B. aktuelle Notfalldienste für Ärzte und Apotheken in einigen Regionen) und – laut Hinweis im Internet – weiter per Telefon erfragt werden müssen. Chancen und Risiken der Entwicklungen sind also häufig auch nicht so eindeutig zu benennen und richten sich zum Beispiel auch nach den jeweils individuellen Voraussetzungen bzw. körperlichen Einschränkungen der Menschen sowie den individuellen Präferenzen der Mediennutzung.

Auch für die Nutzung der positiven Effekte des zuletzt in der öffentlichen Diskussion immer häufiger erwähnten „Internets der vernetzten Dinge“ (z. B. Kommunikation technischer Geräte und Austausch von Informationen über das Internet ohne Einbindung des Nutzers) benötigt man vorab meistens auch andere Geräte, was erst einmal mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. So kann nur der neue, „digital aufgerüstete Kühlschrank“ autonom agieren, wenn die Milch zur Neige geht. Er verbindet sich dann mit dem Internet und organisiert den notwendigen Wochenend-Einkauf selbständig mit dem Server eines Online-Portals, statt mit dem Gemüse-Händler an der Ecke. 

In beiden beispielhaften Situationen haben uns die Auswirkungen der zunehmenden Nutzung digitaler Geräte auf alle Bereiche von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft unser Leben bereits heute erreicht und werden es in den nächsten Jahren noch in einer Art und Weise verändern, wie wir es uns heute kaum vorstellen können.

Dies kann man bedauern und als Akt des Widerstandes mit individuellem Verzicht beantworten. Inwieweit dies überhaupt umfassend möglich ist, muss die Zeit zeigen. So wird bereits heute die Nicht-Nutzung digitaler Angebote, z. B. der Online-Überweisung bei Banken, mit Zusatzgebühren für die Alternativen (z. B. bei einer Überweisung auf Papier) sanktioniert. Durchaus vorstellbar, dass in einigen Jahren Papier-Überweisungen gar nicht mehr möglich sind. So werden mit der Zeit viele - bisher noch ganz normale Handlungen und Tätigkeiten bzw. teilweise sogar ganze Berufe - aus den unterschiedlichsten Gründen einmal komplett aus dem physischen Alltag verschwinden, in die „virtuelle Realität“ verlagert und durch digitale Lösungen ersetzt werden. Dabei besteht die Gefahr, dass damit für contergangeschädigte Menschen neue, zusätzliche Hürden für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aufgebaut werden. Das gilt umso mehr, da die Digitalisierung bald auf nahezu allen Gebieten des menschlichen Lebens und Zusammenlebens weiter voranschreiten wird. 

© TiM Caspary / pixelio.de
Raumschiff "Enterprise" im All.

Neue Möglichkeiten nutzen

Alternativ können wir versuchen die Dinge, die wir nicht aufhalten können, zumindest aktiv mit gestalten zu helfen. Ziel kann es dabei sein, die – nicht mehr aufzuhaltende Digitalisierung – des alltäglichen Lebens für Betroffene optimal zu nutzen, um die Lebensqualität zu verbessern und das Leben mit Contergan, seinen Einschränkungen, Folge- und Spätschäden einfacher zu gestalten. Und, dort wo Fehlentwicklungen drohen, auf diese frühzeitig hinzuweisen und Lösungen bzw. Entwicklungsprozesse konstruktiv zu unterstützen und zu begleiten bzw. bei Bedarf diese auch erst einmal selbst anzustoßen. Auch dies ist durch die neuen Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation, der Meinungsbildung und –äußerung mit Hilfe sozialer Medien sowie der einfachen Vernetzung im Internet heute viel einfacher als noch vor 10 Jahren. 

Dabei ist so vieles aus den Science-Fiction-Serien unserer Jugend durch die Digitalisierung und die immer weiter fortschreitende Entwicklung in Wissenschaft und Technik heute bereits Realität. Wir können uns zwar noch nicht von einem Ort zum anderen „Beamen“, aber die einfache Abfrage der „alles menschliche Wissen umfassenden“ Raumschiff-Datenbank über ein Computer-Terminal (heute über das Internet), das kleine mobile Kommunikationsgerät und das elektronische Tablett mit dem technischen Bericht des 1. Offiziers (unser Smartphone und iPad) oder auch der Replikator (3-D-Drucker) aus der TV-Serie „Enterprise“ sind heute bereits Wirklichkeit und erwecken nur noch bei den wenigsten Menschen ungläubiges Staunen. Aber dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der bereits heute vorhandenen Lösungen im Bereich der Digitalisierung des Lebens.

Eine contergangeschädigte Frau bedient ihren Laptop.

Im Folgenden möchten wir Ihnen deshalb einige konkrete Projekte, Hilfsmittel und Dienstleistungen vorstellen, die uns besonders aufgefallen sind. Deren Existenz und Anwendung wäre ohne die zunehmende Digitalisierung nicht möglich. Ihre Anwendung trägt aber gleichzeitig weiter zur zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens bei. Dabei wollen wir auf die Chancen aber auch auf bestehende Risiken der Nutzung durch contergangeschädigte Menschen aufmerksam machen und auf weiterführende Quellen verweisen, über die sie mehr zum Thema und die Angebote erfahren können.

Hierzu zählen in den kommenden Wochen: 

  • Digitale Assistenten zur Informationsverarbeitung und Kommunikation
  • Hilfe parat - Smart-Watches als Notfall-Assistenten
  • Das Internet der Dinge – Was ist das und was bringt es?
  • Neue digitale Lösungen für das Bad
  • Digitale Services rund um die Küche
  • Wie helfen Roboter im Haushalt? (Staubsauger, Rasenmäher, Kommunikationspartner, Pflegeroboter ...)
  • Lio, persönliche Service-Robotik
  • Digitalisierung und Mobilität
  • 3D-Druck für zuhause – Spielerei oder Start in die Zukunft
  • Nützliche Applikationen auf dem Smartphone
  • Das „Seeing AI“-Projekt von Microsoft
  • Kurze, aktuelle Streiflichter 

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Roboter in der Pflege


30.11.2017

Sinnvolle Unterstützung oder Schreckensszenario?

Computer, Laptops, Smartphones, Tablets, intelligente Uhren sind fast schon ein alter Hut. Autonome Verkehrsmittel wie S-Bahnen, Intelligente Steuerungssystem im Haus, das Betätigen der Heizkörperthermostate über das Handy und moderne Küchenmaschinen mit Computerchip gehören nun auch schon seit einiger Zeit zu unserem Alltag. Industrieroboter z.B. beim Fahrzeugbau kennen wir aus dem Fernsehen und von Messen. Und nun das! Wer in den letzten Wochen aufmerksam die Presse verfolgt hat, wird zunehmend solche Überschriften gefunden haben: "Sony bringt Roboterhund ‚Aibo' zurück", "Roboter als Dozent" oder "Modernste Pflegetechnik - Roboter programmiert aufs Helfen". Was ist geschehen? Die Digitalisierung und mit ihr die Robotertechnik dringen in immer mehr Bereiche des täglichen Lebens vor, in denen wir uns ihren Einsatz bisher kaum vorstellen konnten. Davon sind v. a. auch das Gesundheitswesen und die Pflege betroffen und deshalb könnte die Robotertechnik zukünftig auch zunehmende Bedeutung für contergangeschädigte Menschen erlangen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Unterstützung durch menschliche Assistenten und tierische Begleiter sowie Pflegebedürftigkeit im Alter bereits heute wichtige Themen für sie sind.

Auf unseren diesjährigen Messebesuchen für unser CIP, z. B. auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin oder auch der REHACARE in Düsseldorf, haben wir davon einen ersten Eindruck gewinnen können. Grund genug, uns einmal etwas eingehender mit dem Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen und speziell der Pflege auseinanderzusetzen.

Historische Entwicklung

Aufgrund der besonderen Herausforderungen der demografischen Entwicklung wurde in Japan bereits sehr früh überlegt, wie modernste Robotertechnik dabei helfen könnte, den Herausforderungen der perspektivisch fehlenden Pflegekräfte zu begegnen und Pfleger und Pflegende möglichst effektiv zu unterstützen. In den letzten Jahren folgten auch andere Länder diesem Weg und initiierten eigene Forschungsprojekte. Dies ist nicht überraschen, denn auch in Deutschland ist der Personalmangel, z.B. in der Altenpflege akut. Der Chef des wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse (TK) "Wineg", Andreas Meusch, bezifferte ihn in der SÜDWEST PRESSE auf rund 30.000 unbesetzte Arbeitsstellen, die bis 2025 auf 200.000 steigen könnten. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die TK auf Digitalisierung und Vernetzung in der Pflege setzt. Hier eine Auswahl bisheriger und laufender weltweiter Projekte zur Digitalisierung und Nutzung der Robotertechnik im Gesundheitswesen und der Pflege:

2000
Japan: Erster Entwurf des humanoiden Roboters Asimo von Honda vorgestellt.

2005
Japan: Honda stellt ASIMO vor, ein humanoider Roboter, der auf Menschen reagieren kann, Gegenstände entgegennehmen, halten und transportieren. Er bewegt sich mit einer maximalen Geschwindigkeit von 6 km/h und hat eine normale Gehgeschwindigkeit von 2,7 km/h, die auf 1,6 km/h sinkt, wenn er Lasten trägt.

2006
Japan: PARO, ein Roboter in Form einer 60 cm langen Plüschtier-Robbe, soll bei der Therapie von Demenz helfen, da dadurch Unruhe und Aggressionen vermindert werden sollen. Er wurde von Takanori Shibata vom japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology entwickelt. Seit 2009 im Rahmen von Projekten auch in Deutschland im Einsatz. Er kostet aktuell ca. 5.000,00 Euro. Laut ÄrzteZeitung sehen Experten sehen PARO als Vorreiter künftiger Assistenzroboter, die mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit z.B. auch für Menschen mit Behinderungen und altersbedingten Einschränkungen versprechen. 

2007
Japan: Toyota präsentiert Mobiro, einen Roboter-Rollstuhl zur Verbesserung der Mobilität. Er navigiert selbstständig um Hindernisse herum, kann Treppen steigen und kann, wenn sein Nutzer lieber einmal selbst laufen möchte, als Begleiter auch einfach die Einkäufe hinterhertragen.

2009
Japan: RIKEN and Tokai Rubber Industries (TRI) entwickelten einen Roboter mit Namen RIBA (Robot for Interactive Body Assistance), der erstmals dazu in der Lage war, einen menschlichen Patienten mit einem Körpergewicht von bis zu 61 kg sicher aus einem Bett zu heben und in einen Rollstuhl zu bewegen und zurück. Damit sollte eine für Pflegende anstrengendsten Tätigkeiten unterstützt werden. Der Roboter war dabei einem Bären nachempfunden worden. © Riken

2011
Japan: RIBA-II kann nun einen Patienten mit einem Körpergewicht von bis zu 80 kg vom Boden heben und in einen Rollstuhl zu bewegen und zurück. © Riken

2013
Japan: Das Wirtschaftsministerium initiiert ein zunächst auf fünf Jahre angelegtes Projekt, um die Entwicklung und Markteinführung von Servicerobotern in der Pflege voranzutreiben. Schwerpunkte dabei sind die Bereichen Hebehilfen, Mobilitätshilfen, Toiletten sowie Überwachungssysteme für Patienten mit seniler Demenz.

2014
Japan: Der humanoide Roboter Pepper ist darauf programmiert, auf Emotionszustände entsprechend zu reagieren und der am Empfang und in den Bereichen Erziehung und Gesundheitswesen eingesetzt werden soll. Er ist 1,20 m groß und 28 kg schwer. Pepper wurde von Aldebaran Robotics SAS (F) und SoftBank Mobile Corp. (J) entwickelt. Der Preis beträgt in Japan ca. 1.450,00 Euro. © Xavier Caré / Wikimedia Commons, via Wikimedia Commons

2015
Japan: ROBEAR - Ein neuer, experimenteller Roboter auf der Basis von RIBA wurde entwickelt. Dieser kann nicht nur pflegebedürftige Menschen aus dem Bett in einen Rollstuhl und zurückbewegen kann, sondern zusätzlich noch weitere Unterstützung für Patienten bietet, die noch selbst stehen können. Er ist selbst mit 140 Kg auch viel leichter als der RIBA-II, der noch 230 kg wog. © Riken

2015
Schweden: Die interaktive Katze JustoCat® soll an eine echte Katze erinnern. Sie wurde von einer Gesundheitswissenschaftlerin und einem Robotikexperten entwickelt und mit Pflegefachkräften getestet. Sie soll das tägliche Leben von Menschen mit fortgeschrittener Demenz bereichern und das psychische, physische und soziale Wohlbefinden verbessern. Die Robo-Katze ist ca. 2kg schwer und robust gebaut. Regelmäßig aufgeladen liefert ihr Akku Strom für mehrere Tage. Die Katze kostet rund 1.500,00 Euro.

2015
Deutschland: Teilautonomer Pflegewagen und "Elevon" - ein teilautonomer Lifter zur Unterstützung von Pflegenden. Das Fraunhofer IPA entwickelte den Prototypen eines intelligenten Pflegewagens, der Pflegekräfte im Berufsalltag informatorisch und physisch unterstützt. Er kommt auf Anforderung, hält Pflegematerial vorrätig und dokumentiert den Verbrauch. "Elevon" dagegen ist ein Prototyp für einen multifunktionalen, teilautonomen Personenlifter für die stationäre Pflege vor, der künftig mehrere Einzelliftersysteme vereinen, elektronisch angefordert werden kann und sich dann autonom zum Einsatzort bewegen können soll. Er gilt als Pendant zu den japanischen RIBA und ROBEAR hat jedoch keine äußerliche Tierform. © Fraunhofer IPA

2012-2016
Japan: An der Technischen Universität Toyohashi, wird "Terapio" entwickelt. Er soll den Arbeitsalltag von Ärzten und Krankenpflegern sicherer und körperlich weniger belastend gestalten. Darüber hinaus soll er den Einstieg in die teilautomatisierte Pflege in Krankenhäusern einleiten. Der Roboter wurde bereits in zwei verschiedenen Kliniken in der Praxis getestet. © TUT

2017
China: Das chinesische Unternehmen UBTECH präsentiert auf der ifa 2017 Roboter zur Mensch-Maschine-Interaktion an. In ihrem Informationsmaterial wies das Unternehmen darauf hin, dass die bestehenden Schnittstellen des angebotenen Roboters "Cruzr" auch in der Medizin und im Gesundheitswesen genutzt werden könnten. Dazu sollten die aktuell verfügbaren Funktionen von "Cruzr" auf spezifische Situationen in medizinischen Einrichtungen angepasst werden. 

2017
Schweiz: "Lio", eine Entwicklung des Schweizer Unternehmens F&P, ist ein Serviceroboter auf einer mobilen Plattform, der Menschen helfen und sie unterstützen kann, z.B. beim Tragen und Beschaffen von Gegenständen. Er soll sowohl in Pflege- und Altenzentren, Krankenhäusern oder auch zuhause eingesetzt werden. Lio kann mit Menschen kommunizieren, im Haushalt helfen und bei verschiedenen pflegerischen Aufgaben unterstützen.

Wohin führt das alles?

Aktuell haben sich Ethiker und Philosophen noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, ob es ethisch vertretbar oder verwerflich wäre, Maschinen für die Pflege von Menschen mit Behinderungen oder Altersbeeinträchtigungen einzusetzen. Die Forschungen und Praxistests werden dagegen immer weiter ausgeweitet.

Welche praktischen Auswirkungen dies für die Pflege contergangeschädigter Menschen in Zukunft haben wird, ist heute noch schwer konkret zu benennen. Unbestritten wird der erhöhte Pflegebedarf contergangeschädigter Menschen in Zukunft auf ein Gesundheitswesen treffen, dass insbesondere im Bereich der Pflege mit der demografischen Entwicklung der Bevölkerung und dem zunehmenden Bedarf an Pflegekräften bei geringerem Angebot an eben diesen zu kämpfen hat. 

In den Interviews mit den Forschern und Entwicklern wird von ihnen deshalb immer wieder darauf verwiesen, dass Digitalisierung und Robotertechnik praktische Lösungsoptionen für die Herausforderungen der Zukunft v. a. auch in der Pflege darstellen. Es ginge ihnen nicht darum, menschliche Pfleger zu ersetzen, sondern diese zu unterstützen und ihnen hilfreich zur Seite zu stehen, zum Wohle der betreuten Patienten. 

Eine Argumentation der man grundsätzlich folgen kann. Es gilt jedoch auch hier, wie in jedem anderen Feld der technologischen Entwicklung, die aktuellen und zukünftigen Entwicklungen mit einer gesunden Portion Skepsis zu beobachten. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern im Wissen, dass schon oft in der Geschichte der Menschheit grundsätzlich sinnvolle und angesichts der Rahmenbedingungen hilfreiche Ansätze in der Umsetzung auch Fehlentwicklungen hervorbrachten, die den ursprünglichen Zielen widersprachen und nicht zum Wohle der Menschen beitrugen. Häufig spielten dabei auch Kostengründe eine Rolle. Kaum jemand möchte in Zukunft jedoch allein von Robotern betreut werden. Menschliche Zuwendung, Ansprache und Interaktion sind und bleiben unverzichtbar. Wenn Roboter aber dabei helfen, dass (1) sich Pflegende wieder mehr Zeit haben, um die zu Pflegenden kümmern können, mit ihnen das Gespräch zu suchen und in den Austausch zu treten oder (2) den Pflegern kraftraubende Tätigkeiten oder Routineaufgaben zu erleichtern oder abzunehmen, werden sie zu einer sinnvollen Komponente im Pflegealltag, deren Bedeutung wahrscheinlich immer mehr zunehmen wird. 

Auch aus Sicht der Betroffenen könnten Roboter sehr hilfreich bei verschiedenen Tätigkeiten im Pflegebereich sein. Die große Herausforderung wird dabei der Grad der Individualisierung der Pflegeprogramme sein. Er wird darüber entscheiden, ob Roboter nur mit Standard-Pflege-Aufgaben zurechtkommen, oder auch bei der Betreuung der sehr individuellen Schädigungen durch Contergan eine Hilfe sein können. 

Sinnvolle Unterstützung oder Schreckensszenario? Das ist aktuell so nicht pauschal zu beantworten. Die Zeit wird es zeigen.



LIO - PERSÖNLICHE SERVICEROBOTIK


Gestatten, Lio! Wie kann ich Ihnen helfen?

Auf der REHACARE 2017 in Düsseldorf kamen wir auch an einem Stand vorbei, den wir so hier nicht vermutet hätten. Denn, als wir den ersten Fuß auf die Standfläche setzten, kam uns sogleich ein fahrender Roboter-Arm entgegen. Unsere verwunderten Blicke hatte auch das Standpersonal gesehen. Nein, wir waren nicht im Automatisierungspark der Hannover-Messe gelandet, sondern befanden uns immer noch auf der REHACARE. Was hatte das also zu bedeuten?

Roboter spielen heute bereits in vielen Anwendungsbereichen in der Industrie eine große Rolle. Das Gesundheitswesen und die Pflege waren davon bisher meist noch ausgenommen. Dies würde aber in Zukunft nicht so bleiben, wie uns das Standpersonal erläuterte. Das Schweizer Unternehmen F&P Robotics AG, auf dessen Stand wir uns befanden, möchte hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Ihre Persönlichen Service-Roboter sollen dazu autonom arbeiten, um für den Menschen hilfreiche Dienstleistungen zu erbringen. Der Zweck von „Persönlicher Service-Robotik“ wäre es laut Hersteller, den Menschen bei der Bewältigung ihres individuellen Alltags zu helfen. Die sensitive weiche Außenhülle soll dabei nicht nur als Schutz vor den harten und spitzen Metallteilen dienen, sondern auch die persönliche Beziehung zwischen Mensch und Roboter (P-Rob) fördern. Ihre Fähigkeit dazuzulernen und mit den verschiedensten Situationen zurecht zu kommen, würde P-Robs einen vielseitigen und flexiblen Einsatz in der Umgebung von Menschen ermöglichen.

„Lio“, das neuste Produkt von F&P, ist ein Serviceroboter auf einer mobilen Plattform, der Menschen helfen und sie unterstützen soll. Er kann sowohl in Pflege- und Altenzentren, Krankenhäusern oder auch zuhause eingesetzt werden. Lio kann mit Menschen kommunizieren, im Haushalt helfen und bei verschiedenen pflegerischen Aufgaben unterstützen. Dabei werden modernste Technologien, so die Erfinder, so miteinander kombiniert und eingesetzt, dass Lio nicht nur hilfreich ist, sondern von den Menschen im Umfeld auch gemocht und akzeptiert wird. Als Interaktionsmodul für die Kommunikation trägt er dazu im Moment noch ein Tablet, über das mit ihm kommuniziert werden kann.

Vor dem Hintergrund, dass Lio auch von Menschen gemocht und akzeptiert werden soll, fragten wir Ratislav Marko, Entwicklungsingenieur bei F&P, warum der Roboter dann nicht wie ein menschliches Wesen mit Armen und Beinen geformt wäre, wie es z. B. Roboter in Asien oft sind. Marko wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Nutzwert für den Menschen bei ihrer Entwicklung im Vordergrund gestanden hätte. Ein einzelner, flexibler Roboterarm auf einer beweglichen Plattform ist aufgrund seiner Stabilität und höheren Tragekraft wesentlich effizienter bei der Unterstützung seines Besitzers als ein vergleichsweise gleich großer Roboter mit humanoidem Aussehen und geringerer, bauartbedingter Tragkraft. Lio sähe zwar nicht so „sexy“ aus, würde aber sehr hilfreich sein.

Neben der direkten Unterstützung von Menschen kann Lio auch im Bereich der Pflegeunterstützung eingesetzt werden, z. B.zur Beobachtung (Erkennen von Gesten und Körperpositionen), zur Erinnerung an Medikamenteneinnahmen (bei gleichzeitigem Bringen von Wasser) oder zur Verknüpfung mit telemedizinischen Anwendungen.

Noch ist der Preis für den Lio-Prototypen mit 70.000 Euro sehr hoch, auch aus Sicht der Entwickler. Mit zunehmender Serienproduktion und aufgrund der weiteren Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung und Robotik dürfte dieser jedoch in den nächsten Jahren dramatisch fallen. Dann könnten die Nachfolger von Lio in vielen Haushalten oder Pflegeeinrichtungen Unterstützung anbieten. 

Ob dabei als eine Art „Industrieroboter“ oder „humanoider Begleiter“, dies muss die Zeit und die Akzeptanz durch die betroffenen Menschen zeigen. Pilotprojekte auf der ganzen Welt zeigen jedoch, dass Roboter als Unterstützung in naher Zukunft auch im Gesundheitswesen und in der Pflege Einzug halten und wahrscheinlich schon bald ganz alltäglich sein werden.

Kontakt

F&P Robotics AG
Rohrstrasse 36
CH-8152 Glattbrugg
Schweiz

Telefon: +41 44 515 95 20
Fax: +41 44 515 95 25
E-Mailinfo@fp-robotics.com

F&P Robotics AG
Plieninger Straße 58
D-70567 Stuttgart
Deutschland

Telefon: +49 711 3418 0214
E-Mailfp.de@fp-robotics.com 


Quellen: Informationen der Hersteller, Messebesuche und eigene Recherchen.
Autor: T. Heckmann
Zuletzt aktualisiert: 03. August 2017 

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