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Vernissage in Bad Sooden-Allendorf

24.11.2017

Ausstellung "Menschen mit a u ß e r gewöhnlichen Körperformen"

Das Leben ohne Kunst wäre ärmer -
das Leben ohne Medizin wäre kürzer,
beide erscheinen uns unverzichtbar -
Ralf Scherer (2007)

Am 12. August fand in der Klinik Hoher Meißner, Bad Sooden-Allendorf, eine Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung „Menschen mit außergewöhnlichen Körperformen“ von Wolfgang Debold statt. CIP war dabei. Im Folgenden bieten wir einen kurzen Überblick über die Inhalte der Vorträge und einen Ausschnitt aus den vorgestellten Werken in der Ausstellung.

Der in Kirkel lebende Künstler und Designer Wolfgang Debold, der selbst Contergangeschädigter ist, präsentierte mit seinen Bildern, Grafiken und Standobjekten eine große Spannbreite menschlicher Körperformen, die von den gemeinhin als typisch eingeordneten Körperformen abweichen. Menschen mit solchen außergewöhnlichen Körperformen leben mit Funktionseinschränkungen, die meist eine individuelle, bedürfnisorientierte Förderung von der Geburt bis in das Alter erfordern. Ihnen dabei die Teilhabe am gesellschaftlich-kulturellen Leben zu ermöglichen, verlange von der gesamten Gesellschaft inklusiv zu werden. 

Vor diesem Hintergrund versuchte Frau Dr. Brückner, Chefärztin der Orthopädischen Abteilung der Klinik Hoher Meißner, einen Bogen zu spannen, von den in der Ausstellung aufgegriffenen künstlerischen Themen zu den für die Betroffenen besonders wichtigen Themen der Medizin und der Inklusion: „Wir bewegen uns heute und hier nicht nur auf der Ebene einer Ausstellung. Wir bewegen uns auf drei verschiedenen Ebenen“, so Frau Dr. Brückner. Bereits im Vorfeld hätten die Veranstalter und Referenten dabei in ihren gemeinsamen Gesprächen gemerkt, dass diese Themen sehr eng miteinander gekoppelt sind und nicht so weit auseinanderliegen, wie zu Beginn gedacht. 

Deshalb wollte man im Jahr der documenta 14 mutig sein und diese Ausstellung in Bad Sooden-Allendorf präsentieren. Denn, so führte Frau Dr. Brückner weiter aus, auch auf der documenta werde das Thema „Menschen mit außergewöhnlichen Körperformen, z. B. von Lorenza Böttner in der Neuen Galerie, aufgegriffen. Deshalb könnte man die Ausstellung in Bad Sooden-Allendorf eigentlich auch als eine kleine Neben-documenta bezeichnen. Böttner, die in der Nähe der Klinik in Hessisch-Lichtenau die Schule und ein Internat besuchte, malte mit Mund und Füßen. Sie beschäftigte sich bereits in ihrer Abschlussarbeit „Behindert?“ an der Kasseler Kunsthochschule mit dem Thema „Außergewöhnliche Körperformen“. Sie prägte das Wort „Moderne Normengesellschaft“ und sie wies vielfach darauf hin, dass diese Normengesellschaft jene, die etwas anders wären, ausgrenzen würde. Genauso, wie sie es auch selbst erlebt hat. 

Dies war möglich, da Normen und Normalität - was ist normal und was anormal - in unserem Leben eine große Rolle spielen. So sehen wir in den Medien eine oft sehr einseitige Dauerbeflutung zu diesen Themen. „Alle müssen gut drauf sein, alle müssen gut aussehen, alle schlank sein, mit faltenlosem Gesicht, sportlich und vor allem leistungsfähig.“

Manche Patienten hätten die Normen für sich in pathologischer Weise umgesetzt: Immer gut aussehen, alles wissen und keine Schwäche zeigen! ... Alle Anforderungen gut erfüllen! Dieses hohe Streben nach Perfektion - als Forderung an sich selbst - ist im jungen Erwachsenenalter vielleicht noch zu erfüllen. Irgendwann rennt man aber dieser vermeintlich richtigen Norm nur noch hinterher. Patienten entwickeln dann, wenn sie merken, dass es kippt und sie ihren selbst gestellten Anforderungen nur noch schwer genügen können, oft Resignation, Trauer und ein Überforderungssyndrom. Sie würden dann nur noch die defizitäre Situation des eigenen Körpers sehen, wie Frau Dr. Brückner anmerkte. Erstaunlicherweise würden diese Patienten dann v. a. in der Orthopädie landen, unter dem Krankheitsbild eines unspezifischen Rückenschmerzes. Wieviel besser wären dagegen die Menschen dran, die sagen: So bin ich, so lebe ich und so stelle ich mich meinen Aufgaben. 

Wolfgang Debold hat mit seinen Werken dargestellt, dass es außer der Regelhaftigkeit und der Norm viele verschiedene außergewöhnliche Körperformen gibt. Betroffene haben Frau Dr. Brückner dazu gesagt: „Wir sind ja alles Unikate“. Dies könnte sie als Ärztin nur bestätigen. Keiner gleicht mit seinem Schädigungsmuster dem anderen, aber alle haben eines gemeinsam: Alle habe in exzellenter Form ihr Leben gestaltet und sich den Aufgaben gestellt. Jetzt kommt man aber - wie alle Menschen - an einen Punkt, wo man merkt, hier brauche ich ein bisschen mehr Hilfe von meinem Umfeld und der Gesellschaft. Wir alle wünschen uns deshalb eine Gesellschaft in der anders sein normal ist. Menschen so akzeptiert werden wie sie sind und wenn nötig, von anderen Menschen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, um selbstbestimmt leben zu können. Hier setzt auch der Künstler an.

Lange hätte Wolfgang Debold über den Titel der Ausstellung nachgedacht. Er wäre als Betroffener ja vom Fach. Die Ausstellung hätte es aber ohne seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule in Saarbrücken nicht gegeben. Sein Professor teilte ihm mit, er benötige ein Thema zu dem er einen persönlichen Bezug habe. So habe er sich, einem plötzlichen Impuls folgend, für das Thema „Außergewöhnliche Körperformen“ entschieden. Er wollte sehen, ob da mehr wäre als die reine Form und welche Bezüge es zur Kunst gebe. Und da war mehr. Er freue sich deshalb auf die gemeinsamen Diskussionen mit den Besuchern, auf Lob aber auch Kritik und vor allem einen schönen gemeinsamen Abend.

Nach Wolfgang Debold schlug Frau Prof. Schreiber, von der katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt, dann den Bogen von der Kunst zur Inklusion. Inklusion war nach der UN-Behindertenrechtskonvention 2006 in aller Munde. Dabei wird von den über 200 Unterzeichnern auch mindestens 200-mal etwas Anderes unter dem Begriff Inklusion verstanden. 

Außergewöhnlich wird in unserem täglichen Leben oft von den Gewöhnlichen definiert. Aber, was außergewöhnlich für die Normen- bzw. Mehrheitsgesellschaft ist, wäre für die Betroffenen ganz normal. Deshalb sollten wir uns immer bewusstmachen, dass so wie unser Gegenüber uns manchmal anders erscheint, so erscheinen auch wir unserem Gegenüber anders. Das Eigene und das vielleicht zuerst noch Andere oder auch Fremde würde nie wirklich eins werden. Es rückt aber näher zueinander durch Kommunikation miteinander. Eine wechselseitige Veränderung von Verhalten und eine Erweiterung unserer Denkweise ermöglicht es uns dann, den anderen so sein zu lassen wie er ist und wie er sein will. Wir sollten deshalb das Anderssein als Tatsache akzeptieren und nach Möglichkeiten suchen, in dieser Vielfalt gut miteinander zu leben. 

Das Credo von Prof. Schreiber lautet deshalb: Wir sollen die Augen aufmachen, den Anderen in seinem Anderssein anschauen und dabei akzeptieren, dass der andere sich selbst auch völlig anders erlebt.  Zusammen sind wir eine Gesellschaft. Jeder ist zwar anders, aber wir haben auch vieles gemeinsam. Wichtig dabei: Jeder solle sich selber fragen was sein Verständnis von Inklusion ist. Prof Schreiber teilte ihr Verständnis von Inklusion dann zum Abschluss des Vortrags mit den Zuhörern: Wir sollten uns des Normalfalls der Diversität in unserem Leben und der Umwelt bewusst werden, ihn wahrnehmen, akzeptieren und danach leben, nicht nur darüber reden. Inklusion darf dabei nicht auf das „Einschließen“ von Menschen mit Behinderung reduziert werden. Inklusion muss die ganze Gesellschaft umfassen, da sie sich als Ganzes verändern muss. Wenn das so ist, dann sind Teilhabe und Gemeinsamkeiten ganz entscheidende Elemente und Merkmale einer inklusiven Gesellschaft. Dabei muss das „teilhaben können“ für möglichst alle möglich sein (= Barrierefreiheit herstellen). Aber, über das „teilhaben wollen“ muss jeder dann selbst entscheiden können. 

Die damit verbundene Entscheidung eine Gesellschaft inklusiv zu gestalten wäre deshalb, so Prof. Schreiber, eine Wahlentscheidung, die man mögen, mittragen, wollen und dann durchaus auch finanzieren muss. 

Im Anschluss an die musikalische Umrahmung der Eröffnung und der Vorträge erfolgte dann ein erneuter Besuch der Ausstellung und ein gemütliches Beisammensein. Viele Besucher nutzten die Gelegenheit, mit dem Künstler über seine Werke und die beeindruckende Bildsprache, insbesondere seiner Fotografien, zu diskutieren und dabei auch eigene Titelvorschläge für die ausgestellten Werke anzubringen.

Die Bilder und Fotos von Wolfgang Debold waren noch bis zum 23. September in der Klinik Hoher Meißner in Bad Sooden-Allendorf zu sehen.

Bilder der Ausstellung

Für alle diejenigen, die leider nicht nach Bad Sooden-Allendorf kommen konnten, haben wir einige der Fotografien, Zeichnungen und Ausstellungsstücke zusammengestellt.




Über den Künstler

Wolfgang Debold wurde am 21. März 1961 in Saarbrücken geboren. Von 1983 bis 1986 absolvierte er eine Berufsausbildung zum Technischen Assistenten der Fachrichtung Gestaltung. Nach einer freiberuflichen Tätigkeit (z. B. Illustration für Schuhe und Handtaschen etc., Sach- und  Naturzeichnungen, Reinzeichnungen) studierte er von 1992 bis 1997 Design an der Kunsthochschule des Saarlandes. Nach dem Abschluss des Studiums als Diplom-Designer setzte er seine freiberufliche Tätigkeit (z. B. Erscheinungsbilder für Firmen, Signets, Schriftzüge, Spielwarenentwürfe) fort. Parallel dazu gibt er Seminare, arbeitet als Dozent und stellte die Werke seiner künstlerischen Tätigkeit in verschiedenen Ausstellungen (Berlin, Köln, Stollberg, Homburg und Saarbrücken) einem breiten Publikum vor.

Kontakt

Wolfgang Debold 
Rosenweg 12 
66459 Kirkel 
Telefon: 06849 6453 


Autor: T. Heckmann
Quellen: Materialien zur Veranstaltung und eigene Recherchen
Zuletzt aktualisiert: 28.11.2017

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