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Thema des Monats Februar 2016: Alternative Wohnmodelle

Denkanstoß - Überlegungen zu alternativen Wohnmodellen

Mit zunehmendem Lebensalter wird der Assistenzbedarf wesentlich ansteigen. Um in Zukunft nicht isoliert und abgeschoben im Altenheim zu landen, sondern weiterhin ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen zu können, ist für viele contergangeschädigte Menschen eine Veränderung ihres Wohnumfeldes notwendig.

© Gina Sanders / Fotolia.com
Bauplan für ein Haus.

Nach 55 Jahren Leben mit einer gravierenden Behinderung ist bei vielen Menschen der „Akku“ leer – Antriebslosigkeit und Resignation, chronische Schmerzen, schwierige Lebensaussichten und ein immer schwerer zu bewältigender Alltag hinterlassen tiefe Spuren. Für viele Betroffene stellt sich dabei die Frage, wie will oder wie muss ich in Zukunft leben? Wie kann ich noch so weit wie möglich selbstbestimmt leben? Gibt es alternative Wohnmodelle, welche meine Lebensumstände verbessern, vielleicht sogar einen Heimaufenthalt verhindern und wieder mehr Selbstbestimmung erlauben?

Neues Wohnen

Damit hat sich auch Andreas Drohmann eingehend beschäftigt. Zusammen mit seiner contergangeschädigten Frau lebt er in einem Einfamilienhaus in Werne in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam haben sie ihr Haus in den letzten Jahren immer wieder an die sich verändernden Bedürfnisse angepasst. Parallel dazu engagiert er sich im Verein „Neues Wohnen in Werne e. V.“. 

„Wir alle werden nicht jünger und bisherige soziale Strukturen und familiäre Unterstützungsangebote, die für unsere Urgroßeltern oder Großeltern noch völlig normal waren, lösen sich in unserer modernen Welt immer weiter auf. Dazu kommt noch die demographische Entwicklung. Pflegekräfte werden deshalb für unsere Generation nicht Schlange stehen“, so Andreas Drohmann. Der Verein möchte Menschen deshalb dazu animieren sich Gedanken darüber zu machen, wie sie in Zukunft leben wollen und können. Dabei möchte er aktiv neue Wohnformen entwickeln und umsetzen. Dies beinhaltet jedoch nicht nur die baulichen Fragen. Mindestens genau so wichtig sei die Gestaltung der sozialen Umgebung, damit wir uns später in ihr auch wohlfühlen können. 

Innovative Wohnformen im Trend?

Eine mögliche Option für contergangeschädigte Menschen wäre aus Sicht von Andreas Drohmann die Entwicklung individueller Wohngemeinschaften. Diese hätten in der baulichen Ausgestaltung jedoch wenig gemein mit den studentischen Wohngemeinschaften mit gemeinsamer Küche und Bad sowie Ordnungsdienstliste. Sie beständen aus mehreren eigenständigen, abgeschlossenen Wohneinheiten mit eigenem Bad, WC und Teeküche als Rückzugsraum. 

Dazu kämen z. B. gemeinsam nutzbare Räumlichkeiten, wie Küchen-, Hobby oder Fernsehzimmer, in denen sich soziale Kontakte entwickeln, notwendige Therapieangebote (z. B. Ergotherapie, Krankengymnastik) auch gleich vor Ort stattfinden können oder gemeinsam zu nutzende Einrichtungen (Waschmaschine/Trockner) untergebracht sind. Ergänzend könnte z. B. eine Wohnung für eine Assistenz (Pflege, Haushaltshilfe) zur Verfügung gestellt werden, die sich die Betroffenen teilen. So wäre bei Bedarf auch eine Rund-um-die-Uhr-Unterstützung sichergestellt. Getreu dem Motto: Soviel Hilfe wie nötig und soviel Eigenständigkeit wie möglich. Und alles, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn man um Unterstützung bittet. Tiere, die für viele Menschen sehr wichtig geworden sind, sollten dabei auch kein Problem sein. 

Die Wohngemeinschaften sollten idealerweise etwa 3-5 Personen umfassen. Um keinen Ghettocharakter zu entwickeln, könnten im Wohnquartier zusätzliche Wohnmöglichkeiten für junge Familien oder Studenten angeboten werden. So kann wahrhafte Teilhabe am Leben - auch im Alter - gesichert werden. Man kann sich bei kleineren Dingen auch gegenseitig helfen und jeder kann seine individuellen Kompetenzen (z. B. bei der Hausaufgabenbetreuung für die Kinder) einbringen, meint Andreas Drohmann. Ein spezieller Quartier-Manager könnte dabei nicht nur beim Start des Projektes sowie bei der Quartierplanung und –umsetzung helfen, sondern sich auch im laufenden Betrieb um organisatorische Dinge kümmern und auch bei Anträgen und Behördengängen Unterstützung bieten.

Um für ein solches Projekt genügend Interessenten zu gewinnen, müssen bei der Wahl des Standortes auch die Anbindung an (barrierefreie) Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs sowie weitere Infrastruktur-Angebote (z. B. Parkplätze, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Schulen, Freizeitangebote) in die Überlegungen mit einbezogen werden.

Option auch für contergangeschädigte Menschen

Eine solche Wohngemeinschaft kann auch eine mögliche Option für contergangeschädigte Menschen sein, meint Andreas Drohman. Soziale Netzwerke und Hilfe durch eine Gemeinschaft zählen für viele Betroffene zu den Grundvoraussetzungen eines selbstbestimmten Lebens. Diese bisherige Basis beginnt nun aufgrund des zunehmenden Alters aller Beteiligten zu bröckeln. Hinzu kommen bei vielen Betroffenen auch noch eine große Skepsis gegenüber Krankenhäusern, Institutionen und Heimen sowie zunehmende gesundheitliche Probleme. Es darf kein Krankenhaus- oder Heimcharakter (z. B. PVC-Boden) aufkommen. Dies soll insbesondere bei der Inneneinrichtung beachtet werden. Alles sollte nicht nur barrierefrei sondern auch wohnlich gestaltet sein. 

Doch von dem grundsätzlichen Gedanken einer Wohngemeinschaft bis zur konkreten Umsetzung ist es ein Weg, auf dem nicht wenige Herausforderungen warten:

Umsetzungsschritte planen

  1. Initiative starten. Weitere Interessenten suchen. Geplantes Projekt publik machen.
  2. Entscheidung über die Rechtsform treffen. Baugemeinschaft gründen und den Projekttyp wählen (Investorenmodell/Bewohnergenossenschaft/Baugemeinschaft)
  3. Grundstückssuche und -reservierung
  4. Wohn- und Architekturkonzept erstellen 
  5. Nutzungskonzept und Gemeinschaftsräume festlegen
  6. Finanzierungskonzept  erstellen. Hier ist eine verbindliche Zusage jedes Mitglieds notwendig. Leistung einer Anzahlung.
  7. Planung und Grundrissgestaltung (Architekt) 
  8. Bauantrag stellen  (Architekt) 
  9. Konkrete Bauphase
  10. Einzug1   

Externen Projektmanager nutzen

Bei der Umsetzung individueller Wohngemeinschaftsprojekte gilt es eine Vielzahl gesetzlicher Vorschriften zu beachten. Diese beziehen sich nicht nur auf die Fragen des Baurechts sondern z. B. in NRW auch auf das Heimstättengesetz und die im Zusammenhang mit der Pflege zu beachtenden Regelungen. Wie soll das Projekt finanziert werden? Welche Eigenmittel können eingesetzt werden? Gibt es Fördermittel von Bund und Ländern für das Wohnprojekt? Wie sieht es bei einer Kombination der Wohngemeinschaft mit sozialem Wohnungsbau oder dem Mehrgenerationen-Wohnen aus? Angesichts der verbreiteten negativen Erfahrungen contergangeschädigter Menschen mit Behörden und Ämtern ist die Nutzung eines externen Projektmanagements bei den Abstimmungen anzuraten. Ohne professionelle Unterstützung kann ein Wohnprojekt sich sonst schnell zum Alptraum entwickeln, wie Andreas Drohmann anmerkt.

Mitbewohner finden

Bevor man in die konkreten Planungen eintritt, sollte es schon eine Anzahl von Mitstreitern geben, die fest zugesagt haben mitzumachen und später dann auch gemeinsam einziehen. Dabei ist es nicht immer einfach die teilweise sehr unterschiedlichen individuellen Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren. Das braucht Zeit und Geduld. Manche Menschen möchten kleinere Wohnungen haben, andere wünschen sich dagegen große Wohnungen. Bei einem Interessenten waren es einmal sogar 200 Quadratmeter. Das passt nicht immer gleich zusammen. Und, neben der Übereinstimmung bei den eher technischen Fragen sollte auch eine gewisse soziale Kompatibilität der angehenden Wohngemeinschaftsmieter bestehen. 

Assistenz gemeinsam nutzen

Im Rahmen des Wohnprojektes können Assistenzleistungen im Bereich Pflege und Haushaltshilfe gebündelt und gemeinsam genutzt werden. Sie stehen allen zur Verfügung und können von den Bewohnern nach Bedarf genutzt werden. Da sich mehrere Bewohner die Kosten teilen, bleibt der Aufwand überschaubar und die angebotenen Betreuungs- und Serviceangebote können - im Vergleich zur individuellen Nutzung in einem einzelnen Haushalt - signifikant verbessert werden. Je nach Bedarf und Planung werden die Angebote optimal verzahnt und stehen im Notfall auch 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Die individuellen Bedürfnisse bestimmen immer den Umfang der Nutzung der Assistenzleistungen.

Vorlaufzeiten beachten

Eine Umsetzung solcher Projekte in einem bestehenden Haus oder Gebäudekomplex kann zum Problem werden, je nach Bausubstanz, noch bestehenden Altmietern bzw. vorhandener Raumaufteilung. Ein Neubau bietet hier mehr Freiräume. Mit zwei bis drei Jahren Vorlaufzeit ist hierbei jedoch zu rechnen. Angesichts des Alters der Betroffenen und der zunehmenden gesundheitlichen Probleme ist das Zeitfenster für den Start solcher Wohngemeinschaftsprojekte deshalb nicht unendlich lange offen.

Gesetzliche Regelungen in NRW

Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. So wurden 2014 in NRW das neue Pflegegesetz GEPA sowie die Durchführungsverordnungen zum Alten- und Pflegegesetz sowie zum Wohn- und Teilhabegesetz beschlossen. Das GEPA fördert nun laut Arif Ünal (MdL) „einen Paradigmenwechsel weg von traditionellen Großeinrichtungen im alten Stil hin zu insbesondere ambulanten Wohn- und Versorgungsarrangements in den Wohnquartieren. Also zu einer umfassenden Versorgungssicherheit im gewohnten Umfeld bzw. an dem Ort wo die Menschen leben und wohnen wollen. Es bietet dabei auch eine Grundlage zur Stärkung der Selbstbestimmung und Teilhabe der Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarfs sowie deren Angehörigen. Die klaren Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention hinsichtlich des Anspruchs auf Selbstbestimmung sind im GEPA und den Durchführungsverordnungen besonders berücksichtigt.“2

Wichtige zu beachtende Vorschriften:

In NRW gibt es auch direkte Unterstützung von der Landesregierung für die Entwicklung und Gestaltung neuer Wohnformen. Mit der Initiative „Altengerechte Quartiere.NRW“ und dem Masterplan altengerechte Quartiere sollen neue Konzepte zum selbstbestimmten Leben im Alter für NRW entwickelt und umgesetzt werden. Dazu meinte Ministerin Steffens: „Auch bei Pflegebedarf wollen die wenigsten Menschen in eine stationäre Einrichtung wechseln, sondern in ihrem Zuhause, ihrem sozialen Nahraum wohnen bleiben. Vor dieser gesellschaftlichen Entwicklung können und dürfen wir nicht die Augen verschließen. Wir müssen heute die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Menschen in jedem Alter - egal ob mit oder ohne Unterstützungs- oder Pflegebedarf - so lange wie möglich selbst über ihr Leben bestimmen und entscheiden können. Dazu müssen wir uns auch von herkömmlichen Denkmustern lösen, die allzu oft in unterschiedlichen Zuständigkeiten verharren und dadurch trennen, statt zu verbinden. Was wir brauchen, ist ein präventiver, maßgeschneiderter und partizipativer Ansatz - vor Ort, im Quartier.“3

Weitere Informationen zum Förderangebot und Antragsformulare finden sich auf den Internetseiten des Landesbüros altengerechte Quartiere.NRW. Konkrete Unterstützung bietet auch die

WohnBund-Beratung NRW GmbH
Humboldtstraße 42
44787 Bochum

Tel.: 0234 90440-0
Fax: 0234 90440-11
E-Mail: kontakt@wbb-nrw.de  

Interessiert mitzuarbeiten?

Andreas Drohmann und der Verein „Anders bauen“ suchen immer noch mutige Mitstreiter und Interessenten für ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt. Mehr Informationen hierzu erhalten Sie bei Interesse direkt beim 

Verein „Neues Wohnen in Werne e.V.“
Dipl.-Ing.  Andreas Drohmann
Grabbe Straße 25
59368 Werne 

E-Mail: wp-werne@freenet.de oder info@anders-bauen.net 
Telefon: 02389 536203

Quellen:

  1. Modifiziert nach Jutta Besser „Zusammen ist man nicht allein“ im Internet-Auftritte des Vereins „Neues Wohnen in Werne e. V.“ Zuletzt eingesehen am 24.01.2016.
  2. Grüne im Landtag NRW. Fachnewsletter Gesundheit, Pflege und Soziales vom 16.10.2014. Zuletzt eingesehen am 22.01.2016
  3. Vorwort zum „Masterplan altengerechte Quartiere.NRW“. Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen. 2013.


Erstellungsdatum: 18.02.2016

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