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Hamburg

Schön-Klinik Hamburg Eilbek

Interview mit Dr. med. Rudolf Beyer
Contergan-Sprechstunde

In Hamburg bietet die Schön-Klinik in Eilbek seit Oktober 2014 mit der Contergan-Sprechstunde ein neues Behandlungsangebot für contergangeschädigte Menschen an. CIP hat deshalb Dr. Beyer, den Initiator der Sprechstunde, in Hamburg besucht und zu den Erfahrungen der ersten eineinhalb Jahre befragt.

CIP: Wie wird das Angebot angenommen?

Dr. Beyer: Wir haben in den ersten eineinhalb Jahren sehr viel positive Rückmeldungen von Betroffenen und Partnern erhalten. Dabei war es eine sehr intensive und anstrengende Zeit, die uns allen viel abverlangt hat, um aus der ursprünglichen Idee auch ein praktisch funktionierendes Angebot zu machen, welches den Betroffenen auch wirklich hilft. Neben den internen organisatorischen Fragen galt es insbesondere auch Know-How zu sammeln, von anderen Kolleginnen und Kollegen, die sich schon länger mit Conterganschädigungen beschäftigen, zu lernen und weitere Partner für die kompetente Betreuung der Betroffenen zu finden.

CIP: Was führte eigentlich zur Initiierung der Hamburger Contergan-Sprechstunde?

D. Beyer: Die rasante Zunahme krankheitsbedingter Einschränkungen bei contergangeschädigten Menschen und das Nichtvorhandensein von allgemein akzeptierten Behandlungsstandards bzw. Leitlinien führte insbesondere nach der Veröffentlichung der Heidelberger Contergan.-Studie auch bei den Hamburger Betroffenen zu intensiven Diskussionen. Aufgrund der unklaren Zukunftsperspektiven wurde ihnen bewusst, dass sie hier selbst aktiv werden mussten. Auf Betreiben des Hamburger Hilfswerkes für Contergangeschädigte (HICOHA) und mit Unterstützung der örtlichen Gesundheitsbehörde wurden verschiedenen Einrichtungen in 2013 zu einem gemeinsamen runden Tisch eingeladen. Ziel sollte es sein, eine praktische Verbesserung der Versorgung contergangeschädigter Menschen in Hamburg zu erreichen. Dazu sollte ein gemeinsames Projekt initiiert werden, welches die künftige medizinische Versorgung der Hamburger Betroffenen sichert. Im Zuge dieser Überlegungen kam es im Herbst 2013 auch zu einer ersten Kontaktaufnahme und Gesprächen zwischen der HICOA und uns hier in der Schön-Klinik in Eilbek. Nachdem viele Einrichtungen eher zurückhaltend auf die bestehenden Herausforderungen reagiert hatten, erstellten wir in enger Abstimmung mit der HICOAH ein Versorgungskonzept für contergangeschädigte Menschen, welches im Oktober 2014 in die Aufnahme des Sprechstundenbetriebes für contergangeschädigte Menschen mündete.

Dr. Beyer. Schön-Klinik in Hamburg.

CIP: Was war bei der Gestaltung des Versorgungskonzeptes besonders wichtig?

Dr. Beyer: Aufgrund des komplexen Schädigungsbildes war es uns von Beginn an wichtig, auf einen interdisziplinären Behandlungsansatz zu setzen. Dies erforderte die Gewinnung weiterer Partner und die Zusammenarbeit in einem Netzwerk, welches alle notwendigen medizinischen Fachrichtungen abdeckt und auch kurzfristig Betroffene betreuen kann. In diesem Zusammenhang wollten wir auch versuchen, die diagnostischen Untersuchungen alle an einem Tag anzubieten, um den Betroffenen Zeit zu sparen und sie so schnell wie möglich mit konkreten Ergebnissen zu unterstützen. Komplexere medizinische Fragestellungen sollten dann bei Bedarf im Rahmen eines stationären Aufenthaltes (ca. 3-4 Tage) geklärt werden. Dabei sollten dann alle diagnostischen Maßnahmen, die notwendig und sinnvoll sind, zusammen durchgeführt werden. Um dies möglich zu machen, wurde auch ein Patientenzimmer in unserer Eilbeker Klinik für contergangeschädigte Menschen umgebaut.

 

Contergan-Sprechstunde (vorstationär)

 

 
  • Erstvorstellung, Anamnese, standardisierte Evaluierung von Schmerz- und Begleitfaktoren
  • Untersuchung durch Schmerztherapeuten und Orthopäden: Orthopädischer Ganzkörperstatus, Laboruntersuchung
  • Beratung und Befundbericht
 

Multidisziplinäres stationäres Assessment

 

 
  • Anamnese und Untersuchung durch Schmerztherapeuten, Orthopäden, Physiotherapeuten und Psychologen
  • Optional: Bildgebung, Hinzuziehen anderer Fachabteilungen, Beratung
  • Arztbrief mit konkreten Empfehlungen für die Therapie
  • Umbau eines Patientenzimmers erfolgt, zweites Zimmer in Planung
 

KV-Ambulanz /
Ermächtigungs-Sprechstunde

 

 
  • Wiedervorstellung
  • Therapiekontrolle
  •  Verordnung von Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln
 

Hörschäden oder Taubheit sind häufiger bei Menschen mit Conterganschädigung anzutreffen. Bei Bedarf können wir hier kurzfristig auch einen externen Gebärdendolmetscher hinzu ziehen.

Die Untersuchungen sind in der Regel innerhalb eines (ambulant) bzw. innerhalb von drei Tagen (stationär) abgeschlossen. Die Patienten erhalten am Ende des Aufenthaltes eine umfassende Beratung mit konkreten Empfehlungen für die weitere Behandlung. Darüber hinaus bieten wir in unserer Klinik auch noch die Möglichkeit zur ambulanten Schmerztherapie für Menschen mit Conterganschäden an.

In einem ersten Schritt haben wir uns natürlich auf die Betroffenen aus Hamburg und Umgebung konzentriert. Unabhängig davon beraten und betreuen wir aber auch contergangeschädigte Menschen aus anderen Regionen Deutschlands.

CIP: Gibt es eine Rückkopplung mit den Patienten, die bei Ihnen diagnostisch betreut wurden?

Dr. Beyer: Ja, gibt es. Allerdings ist der Kontakt mit den Hamburger Betroffenen etwas enger als mit den Contergangeschädigten, die weiter entfernt wohnen. Jeder Betroffene erhält von uns einen ausführlichen Arztbrief mit den Ergebnissen der diagnostischen Untersuchungen und unseren Empfehlungen. Hierzu stehen wir den Betroffenen und auch den behandelnden Ärzten vor Ort jederzeit gern zu einem Gespräch oder für weiterführende Informationen zur Verfügung. Bei einigen Patienten haben wir uns auch selbst noch einmal telefonisch gemeldet und nachgefragt, wie es Ihnen nach der Rückkehr zu Hause ergangen ist.

CIP: Wie viele Patienten haben Sie bisher betreut?

Dr. Beyer: Im ersten Jahr haben wir 44 contergangeschädigte Menschen ambulant und 5 Betroffene stationär betreut.

CIP: Rund 50 Patienten, rechnet sich das von Ihnen beschriebene umfangreiche Angebot eigentlich für die Klinik?

Dr. Beyer: Wir sind in der überaus komfortablen Lage, dass die Geschäftsführung unseres Hauses hier in Hamburg und die Eigner der Schön-Kliniken das Projekt selbst zu 100% unterstützen. Sie können sich noch gut an den Skandal in den 60er Jahren erinnern und den mühevollen Weg der Betroffenen seitdem. Deshalb wissen sie auch um die Bedeutung des Angebotes für die Betroffenen. Vor diesem Hintergrund ist es deshalb auch zu sehen, dass die Contergan-Sprechstunde nicht nur langfristig gesichert, sondern das Angebot noch weiter ausgebaut werden soll. Hierzu wurde im Dezember 2015 von den Schön-Kliniken eine Schön Klinik Stiftung Für Gesundheit gGmbH gegründet, deren einziger Zweck es ist den Betrieb und den Ausbau der Contergan-Sprechstunde zu finanzieren.

Dies machte es auch möglich, dass ich ab Mai 2016 nicht mehr als „Einzelkämpfer“ agieren muss. Neben einer Teamassistenz, die sich nun v.a. um die organisatorischen Fragen kümmert soll, ist auch die Einstellung eines Orthopäden für die Contergan-Sprechstunde geplant. Dies hilft mir dann auch bei den individuellen Arztbriefen für die Patienten, die eben nicht aus Textbausteinen bestehen. Das erfordert zwar mehr Zeit, wird der komplexen Schädigung aber besser gerecht. Bis jetzt kam es leider immer mal wieder zu erheblichen Wartezeiten bei den Arztbriefen. Dies war für die Betroffenen sehr belastend und hat zu einer verständlichen Verärgerung geführt. Durch die personelle Aufstockung der Contergansprechstunde werden diese Wartezeiten künftig deutlich verkürzt.

Grundsätzlich lautet der Auftrag, den wir von der Klinik und natürlich auch von den Betroffenen erhalten haben: Optimale Betreuung von contergangeschädigten Menschen. Und dem fühlen wir uns alle hier verpflichtet.

CIP: Was bedeutet das für die Zukunft?

Dr. Beyer: Neben dem Ausbau des Regelbetriebes planen wir weitere Aktivitäten, die der besseren Versorgung contergangeschädigter Menschen zu Gute kommen sollen. Hierzu zählt der Aufbau einer Online-Sprechstunde (ab Mai 2016), die Beteiligung an Forschungsprojekten zu Contergan und die Intensivierung der regionalen und überregionalen Vernetzung. Darüber hinaus planen wir auch Fortbildungsmaßnahmen, um uns mit Kollegen auszutauschen und das Wissen um die Behandlung und Betreuung contergangeschädigter Menschen zu vertiefen und dieses mehr Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung zu stellen.

CIP: Sie erwähnten die regionale Vernetzung. Mit wem kooperieren Sie schon bei der Betreuung contergangeschädigter Menschen?

Dr. Beyer: Wir kooperieren mit Experten aus über 20 Fachrichtungen, von der Andrologie bis zur Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Auf unserem Web-Portal zur Contergan-Sprechstunde sind diese Partner aufgeführt und können von Betroffenen nach Beschwerdebild, Fachrichtung oder Assistenzbereich durchsucht werden. Aufgrund der gewachsenen Netzwerkverbindungen und der Einbindung in den Klinikverbund der Schön-Kliniken können wir auch kurzfristig notwendige Facharzt-Termine realisieren, um unseren Patienten lange Wartezeiten zu ersparen.

CIP: Können Sie auch noch neue Patienten aufnehmen und betreuen?

Dr. Beyer: Ja, natürlich. Anmeldungen für die Sprechstunde in Hamburg nimmt unser Sekretariat (040 2092-0 bzw. 040 2092-2364) entgegen. Sie können uns aber auch per E-Mail unter contergansprechstunde-hamburg@schoen-kliniken.de erreichen. Unsere ambulante Sprechstunde hat eine Kassenzulassung. Unsere Angebote stehen den Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen deshalb genauso zur Verfügung, wie den privat versicherten Betroffenen.

Weitere Informationen

Internetauftritt der Contergan-Sprechstunde
in Hamburg (inkl. Netzwerk-Übersicht)

Informationen der Schön-Klinik zur
Betreuung contergangeschädigter Menschen

Online-Sprechstunde von Dr. Beyer
für contergangeschädigte Menschen

Kontaktdaten

Dr. Rudolf Beyer
Frau Brkitsch (Medizinische Fachangestellte)

Contergansprechstunde Hamburg
Schön Klinik Stiftung für Gesundheit gGmbH
Dehnhaide 120
22081 Hamburg

Telefon
040 2092 2364 (Montag - Mittwoch, außerhalb der Sprechzeiten AB)
040 2092 0 (allg. Anfragen zur Klinik)

Fax
040 2092 832364

Sprechzeiten
Montag - Mittwoch 8:30-12:30
Montag - Dienstag 13:00-16:00

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