Navigation

Brotkrümelpfad

Inhalt

Bad Sooden-Allendorf

(C) Klinik Hoher Meißner
Das Team der Klinik Hoher Meissner.

Besuch in der Klinik Hoher Meißner

In Bad Sooden-Allendorf bietet die Klinik Hoher Meißner seit 2013 ein spezielles Behandlungsangebot für contergangeschädigte Menschen an. CIP hat deshalb Frau Dr. Brückner, die Chefärztin der Orthopädischen Abteilung, besucht und sich über das Behandlungsangebot in der nordhessischen Rehabilitationsklinik informiert.

Fr. Dr. Brückner: Contergan-Opfer leiden nach nun mehr als 50 Jahren nicht mehr nur an den primären Contergan-Schäden. Durch jahrelange Fehlbelastung von Wirbelsäule und Gelenken und altersbedingte Veränderungen haben sich Folgeschäden und chronische Schmerzzustände im Bereich des Haltungs- und Bewegungsapparates entwickelt.

Diese durch Fehlbelastungen und Alterungsprozesse bedingten Veränderungen potenzieren das bestehende Maß an Behinderung und Teilhabeeinschränkung.

Daraus resultieren enorme Belastungen sowohl auf körperlicher als auch psychosozialer Ebene.

Die conterganbedingten Schäden und Folgekrankheiten des Haltungs- und Bewegungsapparates bedürfen deshalb kontinuierlicher krankengymnastischer sowie balneophysikalischer Behandlung und regelmäßiger Rehabilitation.  

Keine Conterganschädigung gleicht der anderen. Die komplexen Schädigungsmuster zeigen eine große Bandbreite mit unterschiedlichsten Folgen für Lebensgestaltung sowie Teilhabefähigkeit für die Betroffenen. Nicht wenige Conterganbetroffene stehen noch im Berufsleben, so dass Beruf und ggf. berufsbezogene Problemlagen in das Rehabilitationskonzept einfließen. Die beschriebene Inhomogenität der Thalidomid-Schäden erfordert ein individuelles Eingehen auf jeden einzelnen Betroffenen und keine standardisierte Rehabilitation „nach Schema F“.

Frau Dr. Brückner: Initiiert wurde die Schwerpunktsetzung durch den engen Kontakt und die mehr als 10-malige Rehabilitation des contergangeschädigten Paralympics-Teilnehmers Josef Giesen in der Klinik Hoher Meißner. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen, Erfahrungen und Gesprächen entstand die Idee, eine Abteilung für Thalidomid-geschädigte Patienten zu schaffen. Diese wurde dann 2013 im Rahmen einer großen Festveranstaltung im Beisein von ca. 100 contergangeschädigten Menschen eröffnet.

Frau Dr. Brückner: In der Orthopädischen Abteilung der Klinik Hoher Meißner wurden von Mitte 2013 bis Ende 2015 bereits 104 contergangeschädigte Menschen rehabilitiert.

Frau Dr. Brückner: Zur erfolgreichen Rehabilitation von Patienten mit Conterganschädigung steht in der Klinik Hoher Meißner ein kompetentes und speziell ausgebildetes Rehabilitationsteam von Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften bereit. Geeignete Therapiemodule der Krankengymnastik, Ergotherapie, balneophysikalischen Behandlung sowie Schmerztherapie greifen wie Zahnräder ineinander, um definierte Behandlungsziele zu erreichen. 

Diese bestehen in

  • größtmöglicher Schmerzlinderung,
  • Verbesserung von Mobilität und Activities of daily living,
  • Teilhabe am sozialen Leben und
  • Fähigkeit zur selbständigen Alltagsgestaltung, soweit im Rahmen der Grunderkrankung möglich,
  • Vermeidung eines über das übliche Maß hinausgehenden Betreuungs- und Pflegeaufwand.

Biopsychosoziale Aspekte fließen in dieses ganzheitliche Rehabilitationskonzept für Conterganbetroffene ein.

Aufgrund der individuellen und sehr unterschiedlichen Schädigungsmuster erfolgen krankengymnastische und ergotherapeutische Maßnahmen hochfrequent vor allem als Einzeltherapie, ggf. ergänzt durch geeignete gruppentherapeutische Angebote. Dabei kommen Techniken der manuellen Medizin nach Maitland, Kraniosakraltherapie sowie Vojta und Bobath zum Einsatz.

Bei Zweifachgeschädigten mit hochgradigen Funktionseinschränkungen sowie bei Vierfachgeschädigten  besteht teilweise großer Unterstützungsbedarf. Dieser wird durch den Pflegedienst geleistet(z. B. Alltagsaktivitäten, Körper- und Hautpflege). 

Für die Versorgung von chronischen Wunden oder Wundheilungsstörungen steht modernes Wundmanagement zur Verfügung.

Frau Dr. Brückner: Die Klinik Hoher Meißner ist eine moderne Fachklinik für Physikalische- und Rehabilitative Medizin sowie Schmerzbehandlung mit den Fachbereichen Orthopädie/Unfallchirurgie  und Neurologie (AHB, C- und D-Phase). Unser Gebäude ist barrierefrei und behindertengerecht ausgestattet. Rampen für E-Rollstühle zum Überwinden kurzer Treppenabsätze im Therapiebereich sind ebenso vorhanden wie Lifter-Systeme in den Bewegungsbädern. Der klinikeigene, auch für Elektro-Rollstühle geeignete Haus-Bus steht für den Transfer in den Ort und zurück zur Verfügung. Selbstverständlich können in unserer Küche alle notwendigen Diäten und Sonderkostformen zubereitet werden.

Frau Dr. Brückner: Für Contergangeschädigte - insbesondere mit Arm- oder Beindysmelie, stehen 13 speziell ausgestattete Einzel- oder Doppelzimmer zur Verfügung. Wenn gewünscht, können Begleitpersonen oder persönliche Assistenz im Doppelzimmer mit aufgenommen werden. Optimale Zimmer- und Sanitärausstattung betrachten wir dabei als Grundvoraussetzung für bestmögliche Selbstversorgungsfähigkeit und erfolgreiche Rehabilitation. 

Wir sind sehr dankbar, dass wir beim Bau und der Ausstattung der Conterganabteilung auf beratende Hilfestellung und Empfehlungen von Conterganbetroffenen verschiedener Conterganselbsthilfegruppen zurückgreifen konnten.

Sollte ein(e) Contergangeschädigte(r) auf einen Therapiehund angewiesen sein, ist die Unterbringung mit Therapiehund in einem speziell dafür vorgesehenen Zimmer möglich.

Die Sanitärbereiche sind ausgestattet mit

  • höhenverstellbarem Dusch-WC (Anal-, Vaginaldusche und Fön),
  • höhenverstellbarer Wascharmatur und 
  • vielen Haltegriffen im Duschbereich sowie speziellen Armaturen.

Die Patientenzimmer verfügen über

  • höhenverstellbare Pflegebetten mit Hotelcharakter,
  • höhenverstellbare Tische,
  • per Fernbedienung elektrisch herausfahrbare Kleiderstangen,
  • Wäschefächer mit Tippsystem,
  • zusätzliche Haken und Steckdosen in verschiedenen Höhen sowie schlüssellose Schließsysteme (keyless-entry) und
  • Ganzkörper-Föne.

Frau Dr. Brückner: Auf die vielfältigen Möglichkeiten von Behandlungsmaßnahmen in Einzelkrankengymnastik und Einzelergotherapie wurde bereits eingegangen. Ein besonderes Behandlungsangebot stellt Krankengymnastik im Bewegungsbad, speziell für Conterganbetroffene, in einer geschlossenen Kleingruppe dar. In Einzelfällen kann Übungsbehandlung im Bewegungsbad im Beisein des Therapeuten auch als Einzelbehandlung durchgeführt werden. Für immobile Patienten steht zur Teilnahme am Bewegungsbad ein Lifter zur Verfügung.

In der ergotherapeutischen Abteilung werden manuelle Techniken genutzt, um Funktion und koordinative Fähigkeiten der betroffenen Gliedmaßen zu verbessern. Computerarbeitsplatzberatung, Rollstuhlerprobung, Vermittlung von gelenkschonenden Arbeitstechniken, Hilfsmittelberatung und vieles anderes mehr gehören  ebenfalls  in den Bereich der Ergotherapie.. 

Sozialberatung hat für conterganbetroffene Rehabilitanden/Rehabilitandinnen häufig einen hohen Stellenwert. Dort werden sämtliche Fragen zum Rentenrecht sowie zum Sozial- und Schwerbehindertenrecht beantwortet und einzelfallabhängig Leistungen beantragt bzw. unterstützt.

Die Ärzte der Orthopädischen Abteilung verfügen über ein hohes Maß an Erfahrung im Bereich der Schmerztherapie und ergänzen das Behandlungskonzept durch medikamentöse Maßnahmen, selbst durchgeführte manuelle Behandlungstechnicken oder Neuraltherapie.

Im Sinne des multimodalen Behandlungskonzeptes werden bei chronischen Schmerzen oder bestehenden persönlichen Konfliktsituationen Psychologische Psychotherapeuten hinzugezogen. Psychologische Mitbetreuung als Kleingruppen- oder Einzeltherapie dient besserer Schmerz- und Stressbewältigung und beugt weiterer Schmerzchronifizierung vor.

Besonders belastenden Lebenssituationen soll dadurch ihre Bedrohlichkeit genommen und Lösungswege angeboten werden.

Sofern bei Rehabilitanden mit Conterganschädigung eine Kombination von verschiedenartigen frühgeburtlichen Schädigungsmustern (Bewegungsapparat, innere Organe, Sinnesorgane) vorliegt, können fachübergreifend internistische und neurologische Mitbetreuung (hausintern) und Hals-Nasen-Ohren-ärztliche oder augenärztliche Untersuchungen (außer Haus) durchgeführt bzw. veranlasst werden. Für gehörlose Contergangeschädigte organisieren wir - falls notwendig - eine temporäre Anwesenheit von Gebärdendolmetschern.

Nicht zuletzt sei auf die Orthopädietechnik hingewiesen. In der Klinik Hoher Meißner ist ein Orthopädiemechanikermeister in eigener Werkstatt tätig. Gängige orthopädietechnische Versorgungen können vor Ort durchgeführt werden, z. B. Einlagen, Bandagen, Führungsschienen, Schuhumrüstung usw.

Vielfältige Informationen zu Mobilitätshilfen bietet unser Orthopädiemechaniker ebenfalls vor Ort an.

... Gibt es „Rückkopplungen“, wenn die contergangeschädigten Menschen wieder in ihren Heimatorten sind?

Frau Dr. Brückner: Wir stehen den Betroffenen sowohl bei Fragen des Reha-Antragsverfahrens als auch später bei Fragen nach ihrem Rehabilitationsaufenthalt in unserer Klinik telefonisch oder per E-Mail zur Verfügung. Darüber hinaus können Versicherte der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV-B) oder DRV Land (DRV-L) nach dem rehabilitativen Aufenthalt in der Klinik Hoher Meißner in Bad Sooden-Allendorf an einer IRENA (intensiverte Rehabilitationsnachsorge) teilnehmen. Dazu werden alle organisatorischen Schritte während der Rehabilitation eingeleitet und mit dem/der Versicherten besprochen. Die IRENA kann in einer gemeinsam ausgesuchten wohnortnahen, von der DRV Bund zugelassenen Rehabilitationseinrichtung mit definierten Gruppenleistungen zeitnah nach Entlassung beginnen.

Unabhängig von der Rehabilitation in der Klinik Hoher Meißner stehen die leitenden Orthopäden im CIP für Telefonsprechstunden zur Verfügung.

Frau Dr. Brückner: Natürlich! Notwendige orthopädietechnische Versorgungen geschehen in Zusammenarbeit mit dem für unsere Klinik zuständigen Sanitätshaus. Unsere orthopädische Abteilung ist eng mit der Neurologischen Abteilung des Hauses vernetzt, so dass alle Patienten bei Bedarf konsiliarisch vorgestellt werden können. Auch besteht die Möglichkeit einer Mitbetreuung durch einen Facharzt für Innere Medizin. Kooperationspartner im Bereich der Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie sind die Orthopädischen Kliniken in Hessisch Lichtenau (Dr. Klingebiel) und Kassel (Dr. Sambale, Professor Siebert)) sowie die Wirbelsäulenklinik in Bad Wildungen (Dr. Meier). Auf dem Gebiet Darüber hinaus arbeiten wir mit einem HNO-Arzt aus Eschwege zusammen, bei urologischen Fragen mit dem Nephrologischen Zentrum in Hann. Münden, um nur einige zu nennen.

Frau Dr. Brückner: Ja, können wir. Aufgrund unserer 13 speziell ausgerüsteten Zimmer können wir neue Patienten in den meisten Fällen zeitnah aufnehmen. Kostenträger für die stationären Rehabilitationen sind dabei alle gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen sowie die gesetzliche Rentenversicherung. Im Vorfeld können wir den Betroffenen dabei nach vorheriger telefonischer Rücksprache Kostenvoranschläge zur Vorlage und Beantragung bei der Krankenversicherung oder der Conterganstiftung ausstellen, um das Antragsverfahren zu erleichtern.

CIP: Vielen Dank Frau Dr. Brückner für die ausführlichen Informationen. Könnten wir uns vielleicht zusammen auch noch ein wenig in der Klinik umsehen und zum Beispiel verschiedene Zimmer besuchen, die speziell für contergangeschädigte Patienten eingerichtet worden?

Frau Dr. Brückner: Sehr gerne, wo fangen wir an?


Ein Contergangeschädigter übt unter Anleitung im Trainingsraum der Klinik Hoher Meissner.
Blick von der Klinik auf Bad Sooden-Allendorf.
Übungseinheit im Trainingsraum der Klinik Hoher Meissner.

Impressionen aus der Klinik Hoher Meißner

Im Anschluss an unser Gespräch führte uns Frau Dr. Brückner dann noch durch die Klinik und zeigte uns Patientenzimmer für den stationären Aufenthalt und weitere Einrichtungen im Haus. Neben Fotos haben wir auch kurze Filme aufgenommen, die wir Ihnen zur Veranschaulichung der conterganspezifischen Umbauten in den Patientenzimmern zur Verfügung stellen wollen.

Weitere Informationen

Internetseite der Klinik Hoher Meißner mit
Informationen zur Rehabilitation bei Conterganschädigung

Prospekt – Betreuung von Contergangeschädigten
in der Klinik Hoher Meißner (PDF-Datei, 644 KB)

Kontakt

Dr. med. Petra Brückner
Chefärztin Orthopädische Abteilung
Klinik Hoher Meißner 

Tel.: 05652 55 821
Fax: 05652 55 839
E-Mail: orthopaedie@reha-klinik.de 

Klinik Hoher Meißner
W. u. M. Wicker Gmbh & Co. KG
Hardtstraße 36
37242 Bad Sooden-Allendorf

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.