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Orthopädie (Folge/Spätschäden)

30.11.2017

Informationen zu Folge- und Spätschäden

Röntgenaufnahme von zwei durch Contergan geschädigten Händen.

Contergangeschädigte Menschen entwickelten bereits früh ausgeprägte Kompensationsstrategien, mit denen sie ihre vorgeburtlichen Schäden so weit wie möglich auszugleichen versuchten. Dabei waren sie oft sehr erfolgreich. Dieser Erfolg ermöglichte vielen Betroffenen in der Vergangenheit ein Leben in relativ großer Selbständigkeit. Er ist jedoch heute auch die Ursache für zunehmend schmerzhafte Folgeschäden. 

Folgeschäden

So stellte die Heidelberger Studie bereits 2012 fest: „Die Fehlbelastung und Überlastung ursprünglich gesunder Gelenke und Gliedmaßen, mit deren Hilfe die Mobilität verbessert werden konnte, ist die Ursache heute auftretender schwerer Arthrosen und Verschleißerscheinungen, die zu Verspannungen und Schmerzen sowie einer zusätzlichen erheblichen Einschränkung der Mobilität auch in diesen ursprünglich nicht betroffenen Bereichen führen.“1

Neben orthopädischen Folgeschäden sind auch Nierenschäden, wie eine fortschreitende Niereninsuffizienz, keine Seltenheit. Hierzu trägt oft auch die Angewohnheit vieler Betroffener bei, zu wenig Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um begleitete Gänge zur Toilette zu vermeiden.

Die Zunahme der Folgeschäden hat sich dabei in den letzten Jahren zunehmend beschleunigt. Nach Erkenntnissen eines Gutachtens im Auftrag der LZG.NRW wird diese Entwicklung noch dadurch verschärft, dass unser bestehendes Versorgungssystem auf die besonderen Probleme der contergangeschädigten Menschen nur unzureichend bzw. gar nicht vorbereitet ist. Trotz einer – im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – überdurchschnittlich hohen Anzahl von Arztbesuchen und Krankenhausbehandlungen ist eine erfolgreiche Behandlung der Folgeschäden nicht sicher gestellt. Die größten Defizite ergeben sich dabei „in der Schmerztherapie, aber auch in der Verordnung von geeigneten Verfahren aus dem Bereich der Physiotherapie und der physikalischen Therapie“. Hierzu wären entsprechende Weiterbildungsangebote für die Ärzte und Pflegekräfte in niedergelassenen Praxen und Kliniken notwendig. Die Heildelberger Studie schlug deshalb das Angebot „CME-pflichtige(r) Fort- und Weiterbildungen zu allen Aspekten der Conterganschädigung und deren Therapie für Ärzte und Zahnärzte vor .... , die contergangeschädigte Patienten behandeln.“2

Erschwerend kommt nach Angaben von Betroffenen hinzu, dass notwendige medizinische bzw. therapeutische Leistungen als Folge der Budgetierung der niedergelassenen Ärzte nicht in gewünschtem Maße verschrieben bzw. nicht von den Krankenkassen übernommen. Hier können die jährlichen Pauschalleistungen zur Deckung der Spezifischen Bedarfe helfen.

Nähere Informationen dazu erhalten Sie bei der Geschäftsstelle der Conterganstiftung oder im Bereich „Jährliche Pauchalen“ des CIP.

Weitere Informationen

Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf
von contergangeschädigten Menschen aus Nordrhein-Westfalen in der Langzeitperspektive
Gutachten im Auftrag des LZG. NRW. 2015.

Contergan. Wiederholt durchzuführende Befragungen zu Problemen, speziellen Bedarfen
und Versorgungsdefiziten von contergangeschädigten Menschen
Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg


Spätschäden

Laut Heidelberger Contergan-Studie sind Spätschäden eine Folge „krankhafter Veränderungen im Verlauf und im Aufbau von Nerven und von Gefäßen, zum Teil auch im feingeweblichen Aufbau der Muskulatur, die möglicherweise vor der Geburt unter Einwirkung von Contergan entstanden sind.“1 

Diese wurden bisher noch nicht systematisch untersucht. Auf der Basis von Befragungen von Betroffenen sowie der Einsicht in Krankenakten kam das Team von Prof. Kruse jedoch zu der Überzeugung, dass bei einem Teil der contergangeschädigten Menschen eine vorgeburtlichen Schädigung des Gefäßsystems und/oder Nervensystems und/oder der Muskulatur vorliegt. 

Dabei gefährden z. B. die Risiken aus der beobachteten Fehlanlage von Gefäßen und Nerven die contergangeschädigten Menschen gleich doppelt.

So können „atypische Gefäßverläufe, Gefäßabbrüche und Wandschwächen sowie reduzierte Gefäßlumina“ zu einer Einschränkung der Durchblutung und schweren Organschäden führen.

Die abweichenden Verläufe im Bereich des Gefäßsystems und des Nervensystems sind darüber hinaus behandelnden Ärzten oft nicht bekannt, was bei chirurgischen Eingriffen zu einem erhöhten Risiko der unbeabsichtigten Durchtrennung von Nervenbahnen oder zur Verletzung von Gefäßen führen kann. 

Ebenso seien solche Spätschäden bei der Planung rehabilitativer Maßnahmen im Bereich der Muskeln zu beachten, um die anatomischen Besonderheiten contergangeschädigter Menschen bei der Planung und Umsetzung rehabilitativer Maßnahmen zu berücksichtigen und den Behandlungserfolg zu sichern.

Spätschäden erkennen

Zu den Hinweisen auf möglicherweise vorliegende Anomalien im Gefäßsystem contergangeschädigter Menschen zählen z. B.

  • Blutentnahme bei Betroffenen ist erschwert oder nicht möglich, 
  • Puls ist nicht an typischer Stelle oder gar nicht tastbar,
  • Schmerzsymptomatik deutet auf veränderten Verlauf eines peripheren Nervs hin.2

Weitere Informationen

Merkblatt zur langfristigen Heilbehandlung mit Informationen zu Spätschäden
von Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, Heidelberg

Japanische Studie zu Gesundheitsuntersuchungen bei Contergangeschädigten
Das japanische Gesundheitsministerium hat diese Arbeit ausdrücklich auf Deutsch übersetzt um sie deutschen Thalidomidgeschädigten und deren Therapeuten zur Verfügung zu stellen. Die Arbeit umfasst große aber nicht alle Bereiche der Problematik medizinischer Therapie bei Contergangeschädigten. Die Stiftung arbeitet an einer noch besser auf das deutsche Gesundheitssystem zugeschnittenen und erweiterten Version.


Eingestellt von: T. Heckmann

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