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Der Traum vom Boot

22.12.2017

Zu Besuch bei Werner und Rosi Guttenberger

Der Traum des contergangeschädigten Werner Guttenberger und seiner ebenfalls behinderten Frau vom eigenen Boot begann reichlich unspektakulär. Vor rund 11 Jahren rollten sie mit Ihren Rollstühlen über eine Verbrauchermesse. Plötzlich sprach sie ein Mann an. Ob Sie nicht Interesse an einem Bootsführerschein hätten. Sie sahen sich beide etwas verdutzt an. Seine Frau Rosi hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Autoführerschein. Und dann ein Bootsführerschein, zumal sie auch kein Boot hatten? Aber irgendwie hatte der Mann eine Saite in ihnen zum Klingen gebracht. Allerdings erschienen ihnen die Kosten, um beiden den Führerschein zu ermöglichen, als zu hoch. Deshalb begann zunächst Rosi mit dem Bootsführerschein, der es erlaubt, dass auch Werner - unter Aufsicht - am Steuer stehen darf. Das ist eine praktische Regelung, die sie gerne in Anspruch nehmen wollten. Rosi wollte sich vor allem beweisen, dass sie es trotz ihrer Behinderung schafft, den Lernaufwand zu bewältigen. Werner würde sie zu den Lehrstunden fahren. Gesagt, getan. Rosi bekam den Bootsführerschein. Einmal angestachelt, setzte sie den Autoführerschein gleich obendrauf.

Danach passierte erst einmal nicht soviel. Der Traum vom Boot war immer noch da, die Kosten für ein eigenes Boot waren für sie aber noch zu hoch. Beim ersten Boot unterstützte sie deshalb die Tochter. Beim zweiten Boot bot Ihnen dann die Neuregelung der Entschädigung für Contergangeschädigte eine Möglichkeit zur Realisierung des lange gehegten Traumes. Sie griffen zu und bekamen ihr erstes eigenes Boot. Rückblickend bezeichnet Werner Guttenberger es heute als Nussschale. Aber es war ein Boot und sie konnten damit die ersten praktischen Erfahrungen auf der Donau sammeln, die ihnen später noch hilfreiche Dienste leisten sollten. Da war zuerst einmal die Herausforderung, das Boot zu Wasser zu lassen. Hierbei muss einer der beiden auf dem Boot sein, während es sich noch auf dem Autoanhänger befindet. Gelöst haben sie das mit einer speziellen Hebevorrichtung, mit der Werner seine Frau auf das Boot beförderte. Die haben sie seitdem immer dabei. Hier hängt Rosi jedoch einige Meter über dem Boden, ehe es auf das Boot geht. Für beide war klar, in Zukunft sollte das Besteigen des eigenen Bootes möglichst komfortabel und selbstbestimmt erfolgen. Nur so wäre es möglich, sich die Wahl der Flüsse und Seen, auf denen sie fahren möchten, nicht von äußeren Gegebenheiten diktieren zu lassen.

Werner Guttenberger und seine Frau sind in der Szene längst keine Unbekannten mehr, wie der Facebook-Post des Skipper-Bootshandels beweist. © Facebook / Skipper Bootshandel
Werner und Rose Guttenberg auf der Interboot-Bootsmesse 2017.

Obwohl das eigene Boot nun Wirklichkeit geworden war, gehörten Prospekte und Bootszeitungen zur allgegenwärtigen Lektüre. Denn das Boot war noch nicht auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Irgendwann wurde dann Werner fündig. Er fand ihr Boot, eine "Variant 606 HT". Doch um es ganz zu ihrem Boot zu machen, waren noch verschiedene Umbauten nötig:

  • Einsatz einer Luke im Bugbereich, damit Werner beim Anlegen an der Hafenmole das Boot trotz seines Handicaps ordentlich vertäuen kann.
  • Das notwendige Top-Licht wurde auf dem Dach platziert und nicht auf einem Baum mit Takelage. Abgesehen davon, dass beide an den Baum sowieso nicht herangekommen wären, hätte das Boot sonst auch nicht unter das Car-bzw. Boots-Port an Ihrem Haus gepasst.
  • Das Dach wurde nach hinten verlängert und an ihm eine bewegliche kleine Kranvorrichtung befestigt, mit der sie das Boot gut betreten und verlassen können. Hierzu wurde vom Bootsbauer auch noch die Seiten-Planke tiefer gelegt, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. 
  • Um der Hitze, die sich im Sommer unter dem Dach staut, nicht schutzlos ausgeliefert zu sein, wurde ein Schiebfester neu integriert.
  • Darüber hinaus erhielt das Boot eine Standheizung für kältere Tage auf dem Wasser.
  • Die Toilette wurde umgebaut und die Anordnung von WC und Waschtisch verändert.
  • Die Scheiben der Kajüten-Tür wurden beklebt, damit nicht jeder von außen gleich alles sieht, was im Boot passiert. Denn, Privatsphäre ist auch auf dem Wasser und im Hafen wichtig.
  • Neue Projekte sind auch schon geplant: Im Frühjahr gibt es Rückspiegel zur besseren Orientierung auf dem Wasser und beim An- und Ablegen. Auch die Festmachleinen und der Rettungsring werden anders positioniert, um den Bedürfnissen und körperlichen Möglichkeiten der beiden Hobby-Skipper Rechnung zu tragen.

Möglich wurden diese individuellen Umbauten durch den Bootsbau Schubert in Plate in Mecklenburg-Vorpommern. Er steht den beiden mit Rat und Tat zur Seite, um das Boot an ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen. Denn mit jeder Saison fallen den Guttenbergers weitere Details auf, an denen man noch etwas machen könnte, um die Nutzerfreundlichkeit weiter zu erhöhen. Auch ein guter Bekannter von Werner, der sich mit Metallbau gut auskennt, ist für kleinere Anpassungen stets zur Stelle. Er ist es auch, der Werners Zugmaschine mit einer besonderen Halterung versehen hat, auf welche die beiden 25 Liter-Tanks des Bootes passen, das mit Super-Benzin fährt.

Nur leider - so haben die beiden feststellen müssen - ist die Anzahl der Tankstellen entlang der Flüsse noch überschaubar. Und so müssen sie ihre Fahrten immer auch danach planen, wo die nächste Tankmöglichkeit ist. Man könnte auch ein Tankschiff über Funk kommen lassen, aber die dadurch anfallenden Kosten wären exorbitant.

Und so muss ein weiterer Traum der beiden noch etwas warten.  Sie würden gerne einmal auf der Donau von Regensburg bis zum Schwarzen Meer fahren. Grundsätzlich wäre das heute schon möglich. Angesichts der Herausforderungen des Tankens und der nicht so großen Tankkapazität ihres Bootes (Reichweite aktuell = 220 km) ist das aber noch etwas schwierig. Deshalb sind sie zurzeit im Frühjahr und im Sommer mit ihrem Boot z. B. am Schweriner See zur Saisoneröffnung, aber vor allem im benachbarten Österreich, in Schlögen an der Donau, unterwegs. Dort haben sie einen passenden Liegeplatz gefunden, der ihren spezifischen Bedürfnissen beim An- und Ablegen sowie beim Ein- und Aussteigen entgegen kommt, einen tollen Hafenmeister, den Franz, und viele nette Menschen bietet, welche die beiden "Handicap-Skipper" in ihr Herz geschlossen haben. Das sieht man auch daran, wie Werner schelmisch darlegt, dass ihre Getränke schon auf dem Tisch stehen, wenn sie auf ihrer Fahrt vom Steg zur Gastwirtschaft mit ihren Rollstühlen an ihrem Tisch ankommen.

Sie wurden nicht nur einmal gefragt, ob sie nicht am Wasser aufgewachsen wären, so professionell und abgeklärt sie trotz ihrer Behinderung mit dem Boot umgehen. Sind sie nicht, aber wo ein Traum und ein Wille sind, da ist auch ein Weg. Dazu braucht es nur ein wenig Energie und Lebensmut. Und davon haben beide eine ganze Menge.

Nachdem wir nun so viel auf dem Trockenen über das Leben auf dem Wasser gesprochen haben, verabredeten wir uns für das nächste Frühjahr auf dem Boot. Dann können wir die einzelnen Umbauten im CIP auch im Bild zeigen und noch mehr über Werners und Rosis Traum vom Boot erfahren.

Kontakt

Werner & Rosi Guttenberger
Hofweg 1
92355 Velburg
OT Oberwiesenacker

Telefon / Fax: 09182 1590


Autor: T. Heckmann
Quellen: Besuch bei Werner und Rosi Guttenberger und eigene Recherchen

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