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Außergewöhnliche Körperformen

21.12.2017

Der Künstler Wolfgang Debold

Als ich das Atelier von Wolfgang Debold in Blieskastel betrat, stand er noch am Zeichentisch. Kurze Zeit später standen zwei Tassen Kaffee auf dem Tisch, und wir begannen unsere angeregte Unterhaltung.

Zuerst wollte ich ihn noch einmal auf die Vernissage in Bad Sooden-Allendorf ansprechen und seine Erlebnisse als Künstler mit den Besuchern. Aber hier hakte Wolfgang Debold sofort ein. Er selbst sieht sich nicht als Künstler, sondern als Werber. Als Werber auch in eigener Sache, für Menschen mit außergewöhnlichen Körperformen. Und diese Werbeaktion darf mit Recht als eine der am längsten laufenden "Werbeaktionen" in Deutschland gelten, denn sie dauert nun schon fast 20 Jahre.

"Meine Motivation ist die Form. Diese bezieht sich auf die wie immer gestaltete Körpervariante eines Menschen. Das Bewusstsein für optisch besondere Situationen hinsichtlich des menschlichen Körpers zu schärfen, ist meine Motivation. Mein selbst gestellter Auftrag ist, Individualität und Eigenständigkeit zu signalisieren. Ich möchte einladen, den Variantenreichtum menschlicher Gestalt kennenzulernen."

So beschrieb Wolfgang Debold einmal den Hintergrund seiner "Werbeaktion". Gestartet hat sie als Abschlussarbeit für sein Designstudium an der Kunsthochschule des Saarlandes. Ein Hinweis seines Professors motivierte ihn, sich mit einem Thema zu beshcäftigen, zu dem er, als Contergangeschädigter, auch einen persönlichen Bezug hatte: Menschen mit außergewöhnlichen Körperformen. Mittlerweile umfasst die Sammlung sehr viele Werke in unterschiedlichen Techniken: von Zeichnungen und Piktogrammen über Schwarz-Weiß-Fotografien bis zu hin den begehbaren Skulpturen, die in Bad Sooden-Allendorf zentral in der Ausstellung platziert waren. Bei seinen Ausstellungen lassen sich Menschen immer wieder mit den Kunstwerken fotografieren oder versuchen, durch sie hindurchzugehen. Dies hält Debold für besonders wichtig. Menschen können dabei das Thema der außergewöhnlichen Körperformen einmal ganz plastisch erleben und sich dabei auch selbst mit den lebensgroßen Plastiken vergleichen. Wie kurz ist ein kurzer Arm und wie sehe ich im Vergleich zu den Ausstellungsstücken aus? Dabei lässt sich schnell feststellen, dass wir alle Unikate sind. 

Diese Unterschiedlichkeit als normal und selbstverständlich zu begreifen, das ist Kern der Werbebotschaft von Wolfgang Debold. Normen sind wichtig, um Schrauben zu kategorisieren oder sicherzustellen, dass die Glühbirne in die Fassung passt. Um Menschen zu beschreiben, sind Normen jedoch gänzlich ungeeignet. Besonders beeindruckt hat Debold dabei der Besuch eines Kongresses contergangeschädigter Menschen in den Niederlanden und die Art, wie die Menschen dort miteinander umgegangen sind.



In diesem Zusammenhang bieten seine Fotografien in der Ausstellung den Besuchern eine weitere Chance, sich mit den außergewöhnlichen Formen in Ruhe auseinanderzusetzen. Dort können die Besucher "Menschen, die keiner gängigen Norm entsprechen" - anders als auf der Straße - einmal genau und intensiv betrachten, ohne starren zu müssen. 

Dabei können sie sehen, dass Normalität immer auch im Auge des Betrachters liegt. Denn für die contergangeschädigten Menschen sind alle auf den Fotografien gezeigten Situationen normal, seitdem sie denken können. So zeigt ein Bild, wie zwei Füße mit jeweils einem gefüllten Sektglas miteinander anstoßen.  Für die Betroffenen ist das normal, denn sie nutzen ihre Füße schon immer als Hände, weil sie ihr Leben nur so eigenständig und selbstbestimmt meistern können. Und je länger man das Bild betrachtet und sich in die Situation hineinversetzt, umso "normaler" wird die Situation auch für den Betrachter.



In seinem Werben für Normalität freut sich Debold über jedes Gespräch mit den Besuchern und kann auch verstehen, dass manche seiner Bilder zuerst einmal überraschend wirken, manche zunächst auch ein wenig verstörend. Er selbst hatte vor Beginn seines Projektes auch lange über das Thema und den Titel der Ausstellung nachgedacht, obwohl er als Betroffener ja vom Fach wäre. Er wollte damals sehen, ob da neben der Darstellung der Behinderung in ihren verschiedenen Formen auch noch ein genereller Bezug zur Kunst wäre. Und den gab es. 

Lob und Kritik sind für Debold beide in Ordnung Hauptsache, sie sind der Ausgangspunkt für eine weitere Beschäftigung mit den ausgestellten Werken und gemeinsame Gespräche. Entwicklungen voranzutreiben, insbesondere wenn es um Fragen gelebter Normalität gehe, ist ein langwieriger Prozess. Und der braucht Zeit und ist auchdurch Rückschläge gekennzeichnet. Dennoch gibt es in dieser Hinsicht auch rote Linien für Wolfgang Debold.

Akzeptiert uns so, wie wir sind

Dabei verweist er auf die Vorbereitung einer Ausstellung in einer Kirchengemeinde vor einigen Jahren. Hier sollte auf der Ausstellungseinladung das Bild eines Betroffenen in einer Kirche auf der Titelseite erscheinen. Auf diesem Bild sitzt ein Junge auf einer Kirchenbank und betet mit seinen Füßen. Die Menschen links und rechts neben ihm schauen peinlich berührt weg. Kurz vor dem Druck informierte man Debold von Seiten des Kirchenvorstandes, dass ein anderes Bild für die Titelseite bestimmt geeigneter sei. Das hat ihn überrascht, besonders im Umfeld der Kirche. Dann zog er für sich aber die entsprechenden Konsequenzen. Hier galt es, Rückgrat zu zeigen, wenn man den Anspruch der Ausstellung nicht schon vor der Eröffnung ad absurdum führen wollte. Wenn die Rücknahme dieses Fotomotivs die Voraussetzung wäre für die Umsetzung der Ausstellung, dann wäre sicher ein anderer Künstler geeigneter für die geplante Ausstellung. In diesem Punkt blieb Wolfgang Debold hart. Die Ausstellung funktioniert entweder mit dem Bild auf dem Ausstellungs-Flyer oder gar nicht. Am Ende setzte er sich durch. Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren. Eine Haltung, die ihn auch sonst in seinem Leben begleitet.

Dabei ist ihm das Bild des Jungen mit den betenden Füßen besonders wichtig. Wenn solche oder ähnliche Situationen für alle Beteiligten einmal selbstverständlich sind und sich niemand mehr peinlich berührt wegdreht, sondern alle offen miteinander umgehen und jeder im Gegenüber immer den Menschen in seiner individuellen Einzigartigkeit sieht, dann habe er mit seiner Werbekampagne etwas erreicht und zu einer spürbaren Veränderung des gesellschaftlichen Miteinanders beigetragen.

Und wenn der Werber dabei von den Besuchern auch als Künstler betrachtet und anerkannt wird, freut er sich über die Wertschätzung umso mehr.



Was plant Wolfgang Debold für die Zukunft?

Nachdem die Ausstellung an sehr vielen Orten schon gezeigt wurde, wäre es aus seiner Sicht auch einmal an der Zeit, die Ausstellung zu überarbeiten. Es gibt immer noch Bilder und Fotografien, die noch nicht gezeigt worden sind. Diese könnten die Ausstellung ergänzen oder auch einzelne Bilder ersetzen. Darüber hinaus könnten auch neue Werke entstehen, denn außergewöhnliche Körperformen gibt es überall. Eine weitere Projektidee trägt er jedoch bereits seit Jahren mit sich herum. 

Debold organisiert die Unterstützung und Hilfen für sein Leben mit der Conterganschädigung selbst. Einmal pro Jahr fährt er nach Bad Sooden-Allendorf zur Rehabilitation. Hier entstand bei einem Abschlussgespräch auch die Idee von der Ausstellung in Nordhessen. Vieles kann er immer noch alleine regeln, da sich seine Schädigung - wie er anmerkt - vor allem auf die Arme und Hände konzentriert. Er hat sich gut eingerichtet in seiner Normalität und genießt seine künstlerische Arbeit und die Freude, die er anderen damit schenkt. Ob er das genauso pragmatisch und entspannt sehen würde, wenn er auch noch Schädigungen an den Beinen und Füßen hätte, weiß er nicht. Dinge aufzuheben fällt ihm auch heute schwer und erfordert von ihm anhaltende Anstrengungen, um fit zu bleiben. Die Sorgen um mögliche Verschlechterungen der Situation in der Zukunft, zunehmende Schmerzen oder Folgeschäden lassen auch ihn nicht kalt. Mehr Geld oder Unterstützung von Grünenthal sind für ihn trotzdem kein Thema. Almosen oder Trinkgelder möchte er nicht. Gerne würde er aber - als direkt Betroffener - eine umfassende Dokumentation zum Contergan-Skandal erarbeiten und in Stolberg präsentieren. 

Dabei sollte diese - so sein Wunsch - als ein Gemeinschaftsprojekt mit der Stadt und der Firma Grünenthal entstehen und 60 Jahre danach zur ehrlichen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen der 1950er und 1960er Jahre sowie der damit verbundenen bedrückenden  Lebenswirklichkeit der Betroffenen in den vergangenen Jahrzehnten, heute und in Zukunft beitragen. Diese Aufarbeitung wäre auch eine gute Gelegenheit für eine ehrliche und aufrichtige Entschuldigung. Und das ist etwas, was Debold und viele andere Betroffene immer noch für angemessen halten würden.

Darüber hinaus beschäftigt sich Wolfgang Debold als Formengestalter   auch mit Entwürfen für Schuhe, Handtaschen, Firmenlogos oder auch Spielzeug. Besonders am Herzen liegen ihm als Designer und Künstler aber seine Entwürfe von Automobilen, bei denen sein Faible für klassische amerikanische Straßenkreuzer der 50er Jahre nicht zu übersehen ist.

Bevor ich mich auf den Heimweg mache, zeigt mir Wolfgang Debold noch eine Zeichnung, an der er gerade für einen Kunden arbeitet. Es sind zwei Sektgläser, die einander zuprosten, womit sich der Kreis unseres Gespräches über seine Werke wieder schließt.

Gerne komme  ich wieder einmal nach Blieskastel oder besuche eine der nächsten Ausstellungen von Wolfgang Debold, um mit ihm über seine Werke zu sprechen. Dann vielleicht schon mit neuen Bildern und Ausstellungsstücken, denn die Werbekampagne für Normalität geht weiter. Es gibt noch viel zu tun.


Weitere Ausstellungsstücke der "außergewöhnlichen Körperformen"





Über den Künstler

Wolfgang Debold wurde am 21. März 1961 in Saarbrücken geboren. Von 1983 bis 1986 absolvierte er eine Berufsausbildung zum Technischen Assistenten der Fachrichtung Gestaltung. Nach einer freiberuflichen Tätigkeit (z. B. Illustration für Schuhe und Handtaschen etc., Sach- und  Naturzeichnungen, Reinzeichnungen) studierte er von 1992 bis 1997 Design an der Kunsthochschule des Saarlandes. Nach dem Abschluss des Studiums als Diplom-Designer setzte er seine freiberufliche Tätigkeit (z. B. Erscheinungsbilder für Firmen, Signets, Schriftzüge, Spielwarenentwürfe) fort. Parallel dazu gibt er Seminare, arbeitet als Dozent und stellte die Werke seiner künstlerischen Tätigkeit in verschiedenen Ausstellungen (Berlin, Köln, Stolberg, Homburg und Saarbrücken) einem breiten Publikum vor.

Kontakt

Wolfgang Debold
Rosenweg 12
66459 Kirkel

Telefon: 06849 6453 


Autor: T. Heckmann
Quellen: Besuch bei Wolfgang Debold, Materialien zur Vernissage in Bad Sooden-Allendorf und eigene Recherchen

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