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Zeitachse 60er Jahre

August 1960
Distillers, Lizenznehmer von Grünenthal in Großbritannien, nimmt einen Hinweis auf Nervenschädigungen durch Thalidomid in die Gebrauchsanweisung ihres rezeptpflichtigen Thalidomidpräparats Distaval auf.

Oktober 1960
Die kassenärztliche Bundesvereinigung, Köln, weist die Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft, Göttingen, auf Nervenstörungen durch Contergan hin und bittet um eine Stellungnahme zu Contergan. 

November 1960
Grünenthal nimmt einen Hinweis auf Nervenstörungen nach längerfristiger Einnahme von Contergan und Contergan forte in die Gebrauchsanweisung auf. Es wird versichert, dass die „Überempfindlichkeitserscheinungen“ bei sofortiger Beendigung der Arzneimitteleinnahme reversibel sind.

November 1960
Schriftliche Anfrage eines Apothekers bei Grünenthal, ob eine Thalidomideinnahme während der Schwangerschaft zu Kindesmissbildungen führen kann. 

10. November 1960
Die US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) erklärt durch ihre für die Prüfung zuständige Mitarbeiterin Kelsey den Zulassungsantrag der Lizenznehmerfirma Richardson-Merrell für unvollständig und verlangt eine Toxizitätsstudie sowie ergänzendes Material über den Metabolismus von Thalidomid im menschlichen Organismus.

31. Dezember 1960
Die britische Ärztin Leslie Florence macht in einem Leserbrief an das British Medical Journal auf die fruchtschädigende Wirkung von Thalidomid aufmerksam.

Januar 1961
Pharmakologischer Bericht des britischen Lizenznehmers Distillers an Grünenthal: Bei Thalidomid wurde erstmals eine Letaldosis (DL50-Wert) ermittelt worden. Von „Ungiftigkeit“ oder „Unschädlichkeit“ könne nicht mehr gesprochen werden. 

Anfang 1961
Grünenthal liegen bereits rund 1.600 Warnungen über beobachtete Fehlbildungen bei Neugeborenen vor. Das Medikament wird totzdem weiter verschrieben.

15. Februar 1961
Neurologenkongress in Düsseldorf. Voss berichtet über irreversible Nervenschädigungen durch Thalidomid.

Februar 1961
Gespräche von Grünenthal-Vertretern mit dem Direktor der Kölner Universitätsnervenklinik Prof. Dr. Werner Scheid, der die sofortige Rezeptpflicht des Medikaments forderte.

März 1961
Mitarbeiter der Firma Grünenthal entwickeln eine Arbeitshypothese, nach der Nervenschädigungen infolge einer längeren Thalidomideinnahme mit einem Mangel an Vitamin B1 einhergehen.

März 1961
In einem Ärztebrief bringt Grünenthal die Nervenschäden mit Schlafmittel- und Alkoholmissbrauch in Zusammenhang.

März 1961
Anlässlich einer Fortbildungsveranstaltung der Ärzteschaft in Köln berichten Neurologen über thalidomidbedingte Nervenschädigungen.

30. März 1961
Der Düsseldorfer Neurologe Ralf Voss informiert die Gesundheitsabteilung im nordrhein-westfälischen Innenministerium, Düsseldorf, über das Auftreten von Nervenschäden infolge einer längeren Thalidomidmedikation. 

April 1961
Ein Firmenmitarbeiter sagt, dass der Zusammenhang zwischen Contergan und den Nervenschäden kaum noch Zweifel zulässt.

10. April 1961
Der Pharmaziereferent der Gesundheitsabteilung im nordrhein-westfälischen Innenministerium, Hans Tombergs, informiert Grünenthal über die Vorwürfe des Neurologen Voss gegen Thalidomid und bittet um eine Stellungnahme. 

30. April – 1. Mai 1961
Internistenkongress in Wiesbaden. Ärzte berichten über thalido- midbedingte Nervenschädigungen.

Mai 1961
Die Neurologen Horst Frenkel, Werner Scheid sowie Hans-Joachim Raffauf berichten in medizinischen Fachzeitschriften über das Auftreten von Nervenschädigungen nach längerfristiger Einnahme von Contergan und Contergan forte. 

11. Mai 1961
Bei einer Konferenz zwischen Mitarbeitern der FDA und Angestellten von Richardson-Merrell fragt Kelsey erstmals nach dem Einfluss von Thalidomid auf das ungeborene Kind.

26. Mai 1961
Grünenthal beantragt beim nordrhein-westfälischen Innenministerium die Rezeptpflicht. Das Unternehmen bestreitet jedoch weiterhin einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Thalidomid und den beobachteten Nervenerkrankungen. 

Juli 1961
Empfehlung des Bundesgesundheitsamtes zur Einführung der Rezeptpflicht für Contergan

Juli 1961
Die Neurologen Ralf Voss und Josef Becker berichten in medizinischen Fachzeitschriften über thalidomidbedingte Nervenschädigungen. 

Sommer 1961
Innerhalb der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung von Grünenthal wird erörtert, ob Thalidomid in den Organismus des Fötus übertritt.

1. August 1961
Thalidomid wird in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg unter Rezeptpflicht gestellt. Bayern, Berlin und Niedersachsen schaffen es jedoch bis zur Einstellung des Verkaufs nicht, Contergan unter Rezeptpflicht zu stellen.

16. August 1961
Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht einen Bericht über Nervenschädigungen durch Thalidomid. 

September 1961
Der Bericht des Direktors der Städtischen Kinderklinik in Krefeld, Hans- Rudolf Wiedemann, über eine Zunahme von Gliedmassenfehlbildungen bei Neugeborenen ist die erste Publikation über die Missbildungswelle in der Bundesrepublik Deutschland. 

Spätherbst 1961
Der Hamburger Kinderarzt und Humangenetiker Dr. Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William Griffith McBride äußern unabhängig voneinander die Vermutung, dass Thalidomid für die beobachteten Missbildungen von Neugeborenen verantwortlich sein könnte. 

September 1961
Anfrage von Grünenthal bei einem Bonner Kinderarzt, ob dieser bereit ist, Untersuchungen zur Beeinflussung des Fötus durch Arzneimittel durchzuführen. 

26. September 1961
Die FDA verlangt für den Fall einer Zulassung von Thalidomid einen Hinweis in der Packungsbeilage, der vor einer Einnahme in der Schwangerschaft warnt, da keine diesbezüglichen Erfahrungen vorliegen. 

Ca. Oktober 1961
Ein Lübecker Arzt informiert einen Außendienstmitarbeiter von Grünenthal, dass ein ihm bekanntes Elternpaar die Missbildungen ihres Kindes mit der Einnahme von Contergan während der Schwangerschaft in Verbindung bringt. 

13. Oktober 1961
Der Pharmakologe Fritz Kemper, Münster, berichtet einem Mitarbeiter von Grünenthal, dass Thalidomid bei Hähnchen zu Störungen des Knochenwachstums und zu Organveränderungen führt. 

15. November 1961
Der Hamburger Kinderarzt und Dozent für Humangenetik, Widukind Lenz, unterrichtet den Forschungsleiter von Grünenthal, Heinrich Mückter, telefonisch, dass er Contergan verdächtigt, bei Einnahme während der Schwangerschaft zu Kindesmissbildungen zu führen.

20. November 1961
Besprechung zwischen Lenz und Mitarbeitern von Grünenthal bei der Hamburger Gesundheitsbehörde. 

20. November 1961
Die Hamburger Gesundheitsbehörde unterrichtet das nord- rheinwestfälische Innenministerium über Lenz‘ Verdacht gegen Contergan. 

24. November 1961
Besprechung im Düsseldorfer Innenministerium, an der auch Lenz teilnimmt. Das Unternehmen Grünenthal wird aufgefordert, alle Thalidomid-Präparate sofort vom Markt zu nehmen. Grünenthal lehnt ab, droht mit Regressansprüchen und schlägt vor, alle Packungen mit der Aufschrift "Nicht in der Schwangerschaft zu nehmen" zu kennzeichnen. 

25. November 1961
NRW-Innenministerium unterrichtet die Gesundheitsbehörden der Bundesländer, das Bundesinnenministerium, das Bundesgesund- heitsamt sowie die Ärzte- und Apothekenkammern über den Verdacht. 

25. November 1961
Der Forschungsleiter von Grünenthal, Heinrich Mückter, teilt auf einer firmeninternen Konferenz mit, dass die britische Lizenzfirma Distillers ihn über einen mit dem Lenzschen Verdacht gleichlautenden Hinweis eines Arztes aus dem Verkaufsbereich des britischen Arzneimittelunternehmens unterrichtet hat. 

26. November 1961
Bericht in der "Welt am Sonntag" - "Missgeburten durch Tabletten? Alarmierender Verdacht eines Arztes gegen ein weit verbreitetes Medikament"

27. November 1961
Grünenthal nimmt sämtliche thalidomidhaltigen Präparate "bis zur wissenschaftlichen Klärung der aufgeworfenen Fragen" vom Markt 

Erst nachdem das Medikament Contergan vom Markt genommen wurde, zeichnete sich das gesamte Ausmaß der Katastrophe ab. Zwischen Oktober 1957 und November 1961 nahmen in Westdeutschland ca. 5 Millionen Verbraucher 300 Millionen Tagesdosen ein. In 48 Ländern wurden thalidomidhaltige Medikamente vermarktet. In den Jahren 1958 und 1962 wurden weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an den Gliedmaßen geboren. In Deutschland traf dieses Schicksal etwa 5.000 Neugeborene, von denen etwa 2.800 überlebten. Laut Prof. Klaus Roth von der Freien Universität Berlin belegt die zeitliche Korrelation zwischen den Contergan-Verkaufszahlen und den beobachteten Missbildungen den kausalen Zusammenhang.

Zum Artikel "Medizin: Kalte Füße" vom 7. Dezember 1961

Seit 1961 -1968
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Inhaber und Angestellte der Herstellerfirma Grünenthal

1964
Gründung der "Aktion Sorgenkind" durch den ZDF-Journalisten und langjährigen Moderator der ZDF-Sendung Gesundheitsmagazin Praxis Hans Mohl, der durch den Contergan-Skandal zu seiner Hilfsaktion inspiriert wurde. Intensive Berichterstattung in den Medien enttabuisierte nachhaltig das Thema Behinderung. Änderung der Sichtweise von einem allein persönlichen Schicksal hin zu einer gesellschaftlichen Aufgabe. Ziel der Lotterie war es dabei, die Lebenssituation von Kindern mit Behinderung zu verbessern. Das ZDF unterstützte Vorhaben mit einer regelmäßigen Reihe von Fernsehshows (z. B. Der große Preis) und einer Lotterie.

27. Mai 1968
In Alsdorf bei Aachen beginnt der Conterganprozess. Viele Eltern betroffener Kinder agieren dabei als Nebenkläger.

Zu den Artikeln zu Contergan und zum Contergan-Prozess aus 1968

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